Gala-Abend für die Heimat

Die Heimat, das blutende Herz

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Nani Weixlers Installation „Heimathimmel“ im Foyer des Stadttheaters. Bei der Auftaktveranstaltung der Kreiskulturtage diente sie den Künstlern als Bühne oder auch als Rednerpult.

Landsberg – Die schweren Türen des Stadttheaters öffnen sich, dahinter thront: die goldene Kanzel, ein „Heimathimmel“! Zu Füßen macht der bayerische Löwe Sitz, daneben Miniatur-Maibaum, Brezel, und Jubiläumsscheibe. Natürlich darf auch das Lebkuchenherz nicht fehlen. Und ein Kreuz. Über der Idylle schweben transparente Wimpel, rosa schimmernd, die Illusion eines Sonnenuntergangs. Nani Weixlers Installation zieht die Blicke auf sich. Und wird bei der Auftaktveranstaltung der Kreiskulturtage rege genutzt: für Lyrik und Musik, für Reden, als Tanzboden und auch, um ein Glas abzustellen. Denn Heimat, so wird deutlich, ist vor allem eines: vielseitig.

Als das Thema „Schnittstelle Heimat“ ausgewählt wurde, habe es einigen Widerspruch gegeben, berichtet Schirmherr der Kreiskulturtage Landrat Thomas Eichinger: „zu schwierig, zu belastet, zu sehr Bauchnabelschau.“ Heimat werde verbunden mit dem Gefühl, zuhause zu sein. Und der Landkreis gebe unterschiedlichen Menschen dieses Zuhause, auch Fremden. Heimat könne aber auch verloren gehen, „wenn zum Beispiel die Menschen um einen herum plötzlich andere Ansichten haben.“ Doch es gelte, dieses subjektive Verständnis von Heimat zu respektieren als „die Heimat des Anderen“. Eichinger selbst definiert Heimat als den ideellen Ort, „an dem mein Werden positiv begleitet wird. Und damit meine ich durchaus auch kritisch.“ Wichtig sei genau dieser kritische Austausch. Und dazu sollen die Kreiskulturtage beitragen.

Heimat im Bierkrug

Für die künstlerische Leiterin und Beauftragte der Kreiskulturtage Annunciata Foresti ist Heimat ein „Angekommen-Sein“. Für den einen geht es um Wohlfühlen, andere sehen Heimat temporär, als momentanen Ort, der sich auch wieder ändern kann. Für Kunstpreisträger 2017 Bert Praxenthaler ist Heimat „der Ort, an den ich gerne wieder zurückkehre, auf den ich mich freue.“ Beinahe hätte er sich in jungen Jahren eine andere Heimat gesucht, erzählt Kulturbürgermeister Axel Flörke in seiner Laudatio: „Fast wäre er als Profimusiker nach England gegangen.“ Dass es dann doch eine Ausbildung zum Holzbildhauer mit anschließendem Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie wurde, sei für Landsberg ein Glück. Praxen­thalers Werk zeichne sich durch Techniken aus, die er als Restaurator verwendet: Fassmalerei, Vergoldung, Bemalung. Doch entgegen dem Kunsthandwerk als Restaurator gehe der Bildhauer Praxenthaler Wege ins Abstrakte: „In den Assemblagen sind zahlreiche Löcher, Brandmale, deren Inneres manchmal sichtbar, ahnend, aber auch verborgen ist.“ Für seine detaillierten Werke brauche man Zeit, mahnt Flörke. Es gelte, „die Schnelllebigkeit abzugeben“.

Auch Praxenthalers „Heimat­altar“, zurzeit in der RBK-Ausstellung in der Bayerischen Verwaltungsschule Holzhausen zu bestaunen, benötigt die Muse der Betrachtung. Denn er erzählt einiges: Ein blutendes Augustinerherz auf blau-weißem Karo, Augustiner-Kronkorken schimmern, wie eine Art Heiligenbild im oberen Teil ein Bierkrug mit Zinndeckel. Der ist geöffnet. Und dahinter geht die Geschichte weiter. Bier gehöre für ihn mit zur „Heimat“, schmunzelt Praxenthaler. „Oder besser gesagt, der Biergarten. Denn der steht für Kommunikation, für das Miteinander.“ An der fehle es, vor allem auch in Krisenländern. „Vielleicht sollte man in Bamiyan mal mit dem Hopfenanbau beginnen“ lacht er. Bis 2014 restaurierte Praxen­thaler dort die vom Taliban zerstörten Buddha-Statuen.

Nach der Preisverleihung startet das Programm im Foyer: Schauspielerin Hannah Moreth bringt eine Heimatballade gemeinsam mit dem Musikstudio Robinson dar. Auch hier trifft man auf Bier: Es geht um zwei Brauereien in Landsberg, Neid, Zwietracht und Gier. Eine wahre Moritat. Der Gründer des Landsberger Autorenkreises Helmut Glatz liest, die Kinder des Dießener „Diez-Vaters“, Matthias Rodach spielt die „Ode an die Freude“ – ein Wunsch Forestis. Anton Leitner und Anna Münkel glänzen mit Lyrik von Leitner, die von Wolken, Nacktschnecken und vom „Zigarettenbürscherl“ erzählt. Auf Hochdeutsch „Sandkastenrocker“.

Das Tanztheater Ammersee beschlagnahmt den „Heimat­himmel“ mit grazilen Schritten, Bänkelsänger Erik Müller plänkelt seine Ode an Landsberg, „die Perle Oberbayerns“, und abschließend bezaubern „Wunderweis“ alias Monika Drasch und Friedrich C. Spießer mit grüner Geige und Berimbau. Um das richtige Ambiente zu schaffen, werden die Gäste eingestimmt. Auf A. Doch kein banales A, nein, „ein landkreisverbindendes, nach Europa ausuferndes, die Grenzen Europas überschreitendes A“, jauchzt Drasch. Das Foyer summt einhellig. Und Dasch dichtet weiter, auf Landsberg, die Kreiskulturtage, auf Kultur schlechthin: „Denn erst die macht die Menschheit groß und gscheit“.

Wer seinen eigenen Heimat­himmel noch sucht, dem kann geholfen werden: Die Installation von Nani Weixler wird versteigert. Der Erlös geht an das Kinderhospiz Theotinum in Dießen.

Susanne Greiner

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