Ein Ehrenamt für Grenzgänger

Christian Oppermann geht als Feldgeschworener einer langen Tradition nach

+
Der Feldgeschworene Christian Oppermann (links) und Robert Maier (rechts) vom Vermessungsamt müssen den Grenzstein wieder exakt auf die richtige Position setzen.

Landkreis – „Ich vertrete das Gemeinwesen und schaue den Beamten vom Vermessungsamt auf die Finger“, feixt Christian Oppermann. Als Feldgeschworener hat er aber tatsächlich doch noch ein bisschen mehr zu tun. Nur wissen die wenigsten davon. Deshalb hat der KREISBOTE ihn bei seiner Arbeit begleitet, um mehr über dieses traditionsreiche Ehrenamt zu erfahren.

„Man muss schon gerne im Freien an der frischen Luft sein“, erklärt Oppermann, als er gerade einen Grenzstein freilegt. Aber das war es dann eigentlich auch fast schon wieder mit den Voraussetzungen, die so ein Feldgeschworener haben muss. „Also mit Schaufel und Vorschlaghammer sollte man auch umgehen können“, ergänzt der 61-Jährige. Warum, das zeigt er bei einem Feld an der Ummendorfer Straße. Der Grundstücksbesitzer möchte wissen, ob die Grenzsteine nach der Straßenerneuerung noch richtig liegen. Also buddelt Oppermann zusammen mit Robert Maier vom Vermessungsamt nach den Steinen. Eine schweißtreibende Arbeit, die durchaus Kraft kostet.

Aber Oppermann, der für Landsberg, Erpfting und Pitzling zuständig ist, mag seine Aufgabe. „Ich bin einfach neugierig und will wissen, wo was passiert.“ Aber auch die „Aura des Geheimnisvollen“ hätte bei ihm einen Reiz ausgelöst. Aus der Historie sei ihm die Tätigkeit natürlich bekannt gewesen. Aber was genau ein Feldgeschworener macht und dass es sie überhaupt noch gibt, darüber wissen wohl nur wenige Bescheid. Obwohl es sich bei dieser Arbeit um eines der ältesten kommunalen Ehrenämter Bayerns handelt. Bereits im Jahr 1868 wurde es erstmals landesweit gesetzlich geregelt. Heutzutage ist jeder Zentimeter digital kartiert. Vor 150 Jahren konnte davon natürlich noch nicht die Rede sein. Deshalb brauchte es die Feldgeschworenen als Gewährmänner, damit kein Grundstücksbesitzer klammheimlich den Grenzstein verrücken und sich so etwas mehr Land unter den Nagel reißen konnte.

Heutzutage weiß kaum jemand noch etwas über diese alte Tradition. Was sich vor allem in Nachwuchsproblemen bemerkbar macht. Oppermann selbst ist jetzt in seinem dritten Jahr. Damals musste sein Vorgänger aus Altersgründen aufhören und die Stadt suchte dringend einen Nachfolger. Und dann ging alles ganz schnell. Nach der Vereidigung konnte er schon loslegen. Eine besondere Ausbildung oder so etwas gibt es nicht. Stattdessen heißt es „Learning by Doing“, erklärt Oppermann. Zumal Feldgeschworene nicht alleine unterwegs sind. Zusammen mit den Beamten vom Vermessungsamt wird mit einem Tachymeter erst einmal der Grenzstein geortet. Dieses Gerät kann mittels eines Lasers oder eines Infrarotstrahls auf den Zentimeter genau bestimmen, wo ein Grenzstein vergraben ist. Die vom Tachymeter eingefangen Daten werden dann an einen mobilen Rechner weitergegeben. Die Digitalisierung hat also auch hier Einzug gehalten.

Früher mussten sich die Feldgeschworenen mit kleinen Tricks helfen. Es wurden Tonscherben, Porzellanteilchen oder Ähnliches mit vergraben, von denen nur der Feldgeschworene wusste. So konnte er bei Zweifeln überprüfen, ob der Stein noch da sitzt, wo er hin gehört. Diese sogenannten Siebener-Zeichen waren lange Zeit eines der vielen Geheimnisse, die die Feldgeschworenen hüten mussten.

Das meinte Oppermann anfangs wohl auch mit der geheimnisvollen Aura. Ob er das immer noch so empfindet? „Nein, das einzige Mystische an der Arbeit ist für mich der Tachymeter“, lacht der 61-Jährige. Er fände es faszinierend, wie das Gerät die Position eines Grenzsteines innerhalb kürzester Zeit bestimmen kann. Es ist auch tatsächlich eine beeindruckende Sache. Aber die eigentliche Arbeit kann das Gerät Oppermann nicht abnehmen – das Ausgraben. Als der Stein freigelegt ist, stellt sich heraus, dass er tatsächlich um acht Zentimeter verrutscht ist. Also wird er mit viel Kraft wieder in die richtige Position gebracht. Anschließend nochmals nachmessen und tatsächlich – alles ist wieder da, wo es sein soll.

Ob schon mal jemand einen Grenzstein absichtlich verschoben hat? „Das ist schwer zu sagen. Man kann es ja nicht nachprüfen“, gibt der Feldgeschworene zu bedenken. Aber bei der Feldarbeit käme es hin und wieder vor, dass ein Landwirt einen Grenzstein rausackert. Ihn selbst wieder unter die Erde bringen darf er aber nicht. Das ist ausnahmslos Oppermann vorbehalten. Nur er darf sie versetzen oder wieder eingraben.

Eine weitere Aufgabe, die vor allem in der Stadt Landsberg häufig anfällt, sind Grundstücksteilungen. Alte große Häuser werden zum Beispiel abgerissen und drei neue, kleinere darauf gebaut. Dann muss Oppermann dafür sorgen, dass jeder einen fairen Anteil bekommt. „Da gibt es dann manchmal Spezialisten, die meinen, sie wüssten es besser“, verrät der Feldgeschworene. Dann müsse er eben ruhig bleiben und versuchen zu vermitteln und zu schlichten.

Und das wird er wohl auch noch lange tun müssen. Das Ehrenamt des Feldgeschworenen läuft nämlich auf Lebenszeit. Erst wenn es gesundheitlich nicht mehr geht, legen die meisten ihr Amt nieder. Oppermann wird sicherlich noch einige Jahre dabei bleiben können. Und anschließend findet sich hoffentlich auch wieder ein williger Nachwuchs für diese spannende und traditionsreiche Tätigkeit.

Stephanie Novy

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Idol und Großmaul Jennerwein
Landsberg
Idol und Großmaul Jennerwein
Idol und Großmaul Jennerwein
Impfen: Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
Landsberg
Impfen: Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
Impfen: Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
Gesundheitsamt Landsberg ändert Strategie bei der Kontaktnachverfolgung
Landsberg
Gesundheitsamt Landsberg ändert Strategie bei der Kontaktnachverfolgung
Gesundheitsamt Landsberg ändert Strategie bei der Kontaktnachverfolgung
Verdient der Mörder eine Chance?
Landsberg
Verdient der Mörder eine Chance?
Verdient der Mörder eine Chance?

Kommentare