Die Suche nach Heimat

Standing Ovations für Bibb und Brown im Landsberger Stadttheater

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Eric Bibb, der in New York geborene Bluesmusiker, begeisterte das Publikum im Stadttheater mit Songs als Reminiszenz an Menschen auf der Flucht.

Landsberg – Bei den ersten Tönen wabern sofort Bilder im Kopf: Mississippi, Hitze, Häuser mit weißer Holzveranda. Aber auch brennende Kreuze, Gutsherren, Baumwollpflücker. Bluesman Eric Bibb zitiert in seinem aktuellen Album „Migration Blues“ die Südstaaten um 1920. Als tausende Schwarze in den Norden flohen, um der Sklaverei zu entkommen. Und als der Blues seinen Anfang nahm.

„Flüchtlinge sind kein Problem, es sind mutige Menschen, die vor schrecklichen Ereignissen fliehen“, setzt Bibb seinen Liedern voran. Sehnsucht nach der Heimat, den Wurzeln ist ein Thema, das viele seiner Songs durchzieht. „Four Years no Rain“, in dem ein Mann sein Dorf wegen einer Dürre verlassen muss. „Diego‘s Blues“ über einen Mexikaner in Mississippi. Nicht heute, sondern bereits 1920, erläutert Bibb. Als die Schwarzen in den Norden flohen, fehlten im Süden die Baumwollpflücker – weshalb die Gutsherren Mexikaner „importierten“.

Ein inniges Gebet für Menschen auf der Flucht stimmt Bibb mit „Refugee Moan“ an. Legt seine Gitarre zur Seite, stellt sich vors Mikro und lässt seine Stimme den Saal beherrschen. Mächtig, demütig und hoffnungsvoll.

Ein Song, der Bibbs Suche nach seinen Wurzeln beschreibt, ist „On my Way to Bamako“, afrikanisch angehauchte Melodien und ein biographischer Text, der Bibbs Reise in die Hauptstadt Malis beschreibt. Das erste Mal, dass er nach Westafrika gekommen sei – nach mehr als 400 Jahren. Das Ankommen dort habe sich familiär angefühlt. „Weil alle so aussahen wie ich.“ Bibb lebt in Schweden. Und das schon seit einer Zeit, als Schwarze auch dort noch nicht allzu häufig zu finden waren.

Der Bluesmusiker verleugnet seine Herkunft aus der gehobenen Mittelschicht nicht. In „Silver Spoon“ beschreibt Bibb sein Leben: die Jugend in New York mit den Freunden seines Vaters, eines Folk-Musikers. Diese Freunde waren unter anderem Pete Seeger und Bob Dylan. Mit 13 kam Bibb auf eine künstlerisch orientierte Schule, mit 19 ging er nach Europa. Und spielte dort so lang, „bis die Leute meinen Namen kannten“.

Auf seiner Tour wird Bibb vom begnadeten Bluesgitarristen Michael Jerome Browne aus Montréal begleitet. Dessen leichtes, lässiges Spiel perfekt zu Bibbs Fingertänzen auf der Gitarre passt. Michael habe er zuerst nur gehört – und gedacht, da spiele ein Schwarzer, erzählt Bibb. Dass Browne den Blues im Blut hat, zeigt sich in seinem Solo, „You missed a good Man“ von Tampa Red: die Stimme höher als Bibbs, kratzig. Und dennoch ausdrucksstark.

Tampa Red ist einer der „Heroes“ Bibbs. Wobei er auch „Sheroes“ hat, ein Wort, das er liebt. Ein weiterer seiner „Helden“ ist Taj Mahal, mit dem der vielgereiste Bibb schon zusammen gearbeitet hat. Und dem er, pünktlich zum 17. Mai, seinen Respekt mit einem Mahal-Song erweist. Bei dem auch die Zuschauer im gut gefüllten Stadttheater mitklatschen – und, mit sanfter Anleitung seitens Bibb,

auch kräftig mitsingen.

Im Blues gebe es nicht nur die „gloomy“ Stimmung, schmunzelt der Musiker. Und stimmt „Panama Hat“ an, über eine Reise nach Havanna, um besagten Hut zu kaufen: „The best Hat Yankee Dollars can buy.“ Oder „Saucer and Cup“, ein romatisches Liebeslied über ein Paar, das wie Tasse und Untertasse zusammenpasst. Am leidenschftlichsten singt Bibb eine der Zugaben. Eine, die er immer spielen solle, habe ihm seine 93-jährige und sehr weise Mutter geraten. Darüber, sich nie unterkriegen zu lassen. Weiterzusingen. So wie auch der gesamte Theatersaal beim Refrain. Bevor er die beiden Bluesmusiker mit Standing Ovations ehrt.

Susanne Greiner

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