Die Würde des Alters

Ausdruckstarkes Maskentheater: Das Kulunka Teatro im Landsberger Stadttheater

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Dias Maskentheater aus dem Baskenland Kulunka Teatro setzt sich in "Solitudes" mit dem Thema Einsamkeit auseinander
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Dias Maskentheater aus dem Baskenland Kulunka Teatro setzt sich in "Solitudes" mit dem Thema Einsamkeit auseinander

Landsberg – Eigentlich sind Masken dazu da, den Ausdruck in einem Gesicht zu verbergen. Beim Kulunka Teatro scheinen sie das Gegenteil zu bewirken: Trotz starrer Mimik wirken die Figuren beredter als manch Schauspieler ohne Larve. Bei ihrem zweiten Auftritt in Landsberg zeigte das baskische Ensemble „Solitudes“. Ein Stück über Einsamkeit. Und über den Kampf um die eigene Würde.

Das satte, gleichmäßige Tick-Tack einer Wanduhr. Ein alter Mann sitzt gebeugt auf einem Stuhl. Aus dem Fernseher tröpfelt Abspannmelodie. Er blickt auf die Uhr, schaltet den Fernseher aus. Und wartet. Seine Frau kommt herein, Kittelschürze. Passt sich gut ein in das Bühnenbild-Zimmer-

eck, Braun in Braun getönt. Sie staubt ab. Reicht ihm seine Tabletten. Und geht wieder. Der Mann wartet. Nur das tiefe Brummen einer Schmeißfliege leistet Gesellschaft. Und endlich: Die Uhr schlägt.

Vorbei das Staubwischen, weg mit dem Fernseher: jetzt wird Karten gespielt! Das grüne Filztuch holen, Karten mischen und zocken. Endlich spielen. Spannung pur! Was die beiden Darsteller in eine Zeitlupenszene verwandeln, wie im Thriller, wenn Kugeln langsam durch die Luft sirren. Jeder will gewinnen und freut sich wie ein Schneekönig, wenn er‘s tut. Viel haben sie nicht mehr in ihrem Leben. Aber sie wissen ihre Routine zu schätzen. Bis zu dem Missgeschick mit dem Strom. Den der Handwerker irgendwie falsch geerdet hat. Weshalb sie einen Schlag bekommt und stirbt.

Der Alte ist nicht ganz allein. Sein Sohn und dessen Tochter kümmern sich. Aber nur im Pflichtprogramm. Pillen geben, Essen machen – also Pizza bestellen –, Fernseher an und Tschüss. Kartenspielen? Keine Lust. Alles, was bisher das Leben des alten Mannes ausgemacht hat, ist mit einem Schlag Vergangenheit. Nur das Summen der Fliege ist noch da.

Dass die Einsamkeit nicht nur den alten Mann betrifft, zeigen die drei Darsteller des Kulunka Teatros in anderen Rollen – in anderen Charakterköpfen, mit ihren ausdrucksstarken Masken und Gesten, ganz ohne Worte. Da ist der Sohn, der nur noch seinen Hund als Gesellschafter hat. Und Trost bei Prostituierten findet. Da ist die Freundin der Prostituierten, ebenfalls einsam und in finanzieller Not. Weshalb sie auch ins älteste Gewerbe einsteigt. Und da ist die Enkelin, die aus Langeweile trinkt und eigentlich alles öde findet. Einsamkeit als Gesellschaftsproblem. Das zunimmt, je älter man wird.

Doch trotz Trostlosigkeit kitzeln die Darsteller immer wieder den leisen Humor hervor, eine liebevolle Sicht der Dinge. Da ist der Pizzabote einmal ein Schwarzer, dann eine Chinesin. Die Fliege wird mit Essstäbchen gefangen. Und die Postituierten-Anwärterin knickt grandios auf ihren High-Heels um. Sogar kurz vor dem Tod der Frau lachen die Zuschauer: Wenn ihre Haare stromgeladen den Struwwelpeter nachahmen. Wie schon in „André und Dorine“, das Alzheimer thematisierte, verlieren José Dault, Garbiñe Insausti und Edu Cárcamo mit ihrem Direktor Iñaki Rikarte nie die Lust am Leben aus den Augen. Und setzen sie liebevoll und spektakulär unspektakulär in Szene. Kein Knallen nötig, ab und zu ein bisschen Musik, sonst kein Laut. Und doch mit so viel Ausdruck.

Am Ende findet der Alte einen Partner fürs Spiel: die „neue“ Prostituierte. Sein Sohn findet ihre Anwesenheit nicht schicklich und wirft sie hinaus. Missbilligt damit den Wunsch seines Vaters. Und raubt ihm die letzte Würde. Es ist das Ende der Kommunikation zwischen Vater und Sohn. Als der Sohn verzweifelt ins Haus des Vaters einbricht, findet er ihn verlottert im Bett. Er isst mit ihm, will mit ihm Kartenspielen, nimmt ihn endlich wahr. Aber zu spät. Der Lebenswille ist erloschen. In einer Traumsequenz packt der Alte den grünen Filz und seine Karten und verlässt die Bühne – und damit die Welt.

Susanne Greiner

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