Nicht sichtbar und doch da

Ausstellung "2020 – 1945" in der Landsberger Säulenhalle öffnet am Freitag - virtuell

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Die Säulenhalle und auch wieder nicht: Die Ausstellung „2020 – 1945: Eine Bestandsaufnahme der Landsberger Erinnerungskultur“ geht virtuelle Wege. Und das nicht nur wegen des Coronavirus‘.

Landsberg – Am kommenden Freitag ist Vernissage. Richtig gehört, trotz Versammlungsverbot, trotz Ausgangsbeschränkungen eröffnet „2020 – 1945 – Eine aktuelle Bestandsaufnahme der Landsberger Erinnerungskultur“ um 18.30 Uhr. Anwesend sein werden der Initiator der Ausstellung Wolfgang Hauck, Leiter von dieKunstBauStelle mit zwei Mitarbeitern und viele Zuschauer. Letztere allerdings nur an ihren Computern, wo sie die Vernissage im Livestrea­ming verfolgen können. Zu sehen gibt es allerdings auf den ersten Blick nur eine leere Säulenhalle.

Diese Leere ist die eine Seite der Ausstellung. Gezeigt werden soll eine Bestandsaufnahme der Erinnerungskultur-Arbeit, die die Stadt Landsberg 2020, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, auf die Beine gestellt hat. Und das ist in Haucks Sicht „nichts“ – auch bevor die Corona­krise Veranstaltungen ins Reich der Illusionen geschoben hat, sei nichts Entsprechendes geplant gewesen. Und das, obwohl gerade Landsberg „eine Stadt ist, die da mehr als andere zu erzählen hätte“.

So gibt es beispielsweise immer noch keine zentrale Hinweisstelle zur Gedenkstättenarbeit in und um Landsberg. Anfang 2017 bildete sich dafür der „Arbeitskreis Dokumentationsort Landsberg/Kaufering“. Und schlug nach eineinhalbjähriger Arbeit als Ort einen Anbau im Rathausinnenhof vor. Das wurde jedoch vom Stadtrat abgelehnt, vielmehr sollte die Hinweisstelle im Historischen Rathaus verortet werden. Bisher ist dort jedoch nichts zu sehen. Geschweige denn, dass die Dokumentation direkt vor Ort, zum Beispiel im KZ-Außenlager Kaufering VII, die ebenfalls ausgeweitet werden sollte, vorankäme.

Zwar finde das Projekt „Kunst hält Wache“ statt (zumindest online, der Eröffnungstermin mit Publikum wurde abgesagt), „aber da hatte Franz Hartmann die Initiative ergriffen, die Stadt hat sich im Nachhinein eingeklinkt“. Zudem sei es ganz ausdrücklich ein Kunstprojekt, das gerade keine geschichtliche Dokumentation, keine didaktische Aufarbeitung der Erinnerung sein soll. Diese Lücke hätten „die zivilgesellschaftlichen Vereinigungen wie der Chor DoReMi aus Kaufering mit dem Musical ‚Anne Frank‘ oder auch die ‚Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung‘ und ‚Gedenken in Kaufering‘ gefüllt.“ Die beiden Letzteren hatten eine Gedenkfeier, einen Empfang von Holocaust-Überlebenden und einen Jugendaustausch geplant. Vorhaben, die jetzt abgesagt werden mussten. „Deswegen ist die Ausstellung für dieses Jahr leer“, sagt Hauck. „Ich kann von nichts berichten.“

Das Nichtsichtbare

Hier kommt die andere Seite der Ausstellung ins Spiel: die virtuelle Fülle der Erinnerungen. Zeigen will Hauck „das Nichtsichtbare und doch Gegenwärtige“. Mit diesem Gegenwärtigen meint Hauck unsere Vergangenheit, die uns umgibt: „die unstrukturierten, kollektiven Erinnerungen, die nicht didaktisch aufbereiteten, unsystematischen“. Die, die immer weniger würden, da viele Zeitzeugen bereits gestorben sind. Weshalb auf dem Ausstellungsplakat der untere Teil der Jahreszahl 1945 wegbröckelt. Erinnerungen, die in einer virtuellen Säulenhalle per Mausklick für Besucher zu entdecken sein werden. Von Zuhause aus, gemütlich bei einer Tasse Kaffee, so lang oder so kurz wie man Lust hat. Und wer eine Virtual-Reality-Brille hat, kann das Erlebnis noch direkter genießen. Am 27. März um 18.30 Uhr geht die Webseite, die diesen Zugang ermöglicht, online. Die Adresse: www.LandsbergHistory.de.

Zu sehen geben wird es Unterschiedliches: beispielsweise einen virtuellen Zugang zu Räumen im ehemaligen Fliegerhorst in Penzing. Orte, die jetzt verschlossen sind. Dazu Akustisches: Gespräche, Erzählungen, Statements. Vorträge zum Beispiel von der Friedensnobelpreisträgerin Aleida Assman, aber auch Bilder, die im virtuellen Raum der Säulenhalle zu entdecken sein werden. Die Daten stammen auch von außerhalb, zum Beispiel von der Webseite des Kooperationspartners: der ‚Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas‘ in Berlin.

Was nicht zu sehen sein wird, ist eine Führung, didaktisch aufgearbeitete Geschichte: „Das wäre ja genau das, was fehlt“, sagt Hauck. Und genau das, wozu er anregen will. Denn Erinnerung brauche Kontinuität, man müsse endlich in den Dialog kommen. „Wir müssen vor allem die Jugendlichen in die Tradition der Erinnerung einbinden.“ Was aufgrund mangelnder Erinnerungskultur fehle, sei eben auch eine konsequente Tradierung der Erinnerung. Und somit auch das Bewusstsein für Erinnerungskultur.

Die Finissage der Ausstellung „2020 – 1945“ war ursprünglich am 14. April geplant. Jetzt wird sie wohl zeitlich unbegrenzt zu sehen sein.
Susanne Greiner

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