Das Kloster St. Ottilien als Zufluchtsort

St. Ottilien als Hospital für "Displaced Persons" – eine Ausstellung erinnert

+
Jüdisches Leben auf erzkatholischem Grund: das DP-Hospital in St. Ottilien. Die Installation im Jüdischen Museum München des in Israel geborenen Benyamin Reich greift das Thema der DPs in St. Ottilien auf. Hier eines seiner Bilder, jüdischer Gebetsmantel (Tallit) und Kruzifix auf einem Holzkarren.

St. Ottilien/München – Zwischen 1945 und 1948 lebten rund 500 jüdische Holocaust-Überlebende in der Benediktiner-Abtei St. Ottilien. Denn das Kloster diente zu dieser zeit als Krankenhaus und Notunterkunft. Nun wird die jüdische Geschichte des katholischen Klosters in einer Ausstellung des Jüdischen Museums München, von der LMU und München und in Gedenkveranstaltungen in St. Ottilien künstlerisch und wissenschaftlich aufgearbeitet.

Es ist der 27. April 1945. Eingepfercht in Güterwaggons warten hunderte jüdische KZ-Häftlinge bei Schwabhausen auf die Weiterfahrt in Richtung Konzentrationslager Dachau. Doch der Zug, abgestellt neben einem Militärtransport, gerät ins Visier amerikanischer Jagdbomber. Während die SS-Wachen flüchten, sterben etwa 150 Gefangene bei dem Angriff. Hunderte weitere bleiben verletzt zurück.

Viele von ihnen retten sich in die nahe Erzabtei St. Ottilien. Sie dient seit 1941 als Militärkrankenhaus für die Wehrmacht. Dank der einrückenden Amerikaner – zwei Tage nach dem tödlichen Bombardement befreien sie das KZ Dachau – erhalten die Zugflüchtlinge Obdach und medizinische Hilfe. Mehr als 500 frühere Lagerhäftlinge, nun sind sie Holocaust-Überlebende, kommen in dem Benediktinerkloster zusammen. Bald wird das Wehrmachts-Krankenhaus in ein Hospital für „Displaced Persons“ (DP) umgewandelt – für Menschen, die durch Krieg und Verfolgung entwurzelt und versprengt sind.

Jüdisches Gemeindeleben

Die Entstehungsgeschichte durch den Angriff auf den Güterzug bringt es mit sich, dass von Anfang an nur Juden in St. Ottilien untergebracht sind. Von 1945 bis 1948 findet auf erzkatholischem Boden so etwas wie ein jüdisches Gemeindeleben statt. Unter anderem entsteht dort 1946 der erste hebräische Druck im Deutschland der Nachkriegszeit, ein Talmud. „Fast surrealistisch“ nennt das der 1976 in Israel geborene Berliner Fotokünstler Benyamin Reich, der den interreligiösen Kontrast in einer Fotoserie verarbeitet hat, die er nun im Jüdischen Museum in München vorstellte.

Auch der erste hebräische Druck in Nachkriegsdeutschland, ein Talmud, entstand in St. Ottilien.

Die Installation bildet den Auftakt zu mehreren Gedenkveranstaltungen in St. Ottilien, darunter ein Symposium im Juni und ein Konzert im September. Teil des Konzepts ist auch ein Erinnerungsweg, der Besucher zu elf Stationen auf dem Klostergelände und so durch die jüdische Geschichte der Abtei führt – von dem Krankentrakt, in dem rund 400 Kinder auf die Welt kamen, über die Ruinen des Paulus-Hauses, das als Betstube diente, bis hin zum bis heute existierenden jüdischen Friedhof.

Benediktinerpater Ciryll Schäfer aus St. Ottilien räumte ein, dass die Jahre zuerst unter deutscher und bis 1948 unter amerikanischer Militärverwaltung lange als „unliebsame Unterbrechung des Klosterlebens“ gegolten hätten und in der Abteigeschichte kaum auftauchten. Erst der Kontakt mit zwei jüdischen Ärzten aus den USA, die auf dem Klostergelände geboren wurden, habe den Anstoß zu historischer Aufarbeitung geliefert. „Das waren emotionale Begegnungen“, sagt Schäfer.

Immer wieder kämen nun jüdische Besucher auf der Suche nach ihren Wurzeln – oft unsicher, ob sie in dem katholischen Kloster überhaupt erwünscht seien. „Sie sind sehr willkommen“, betont der Pater.

Aufarbeitung an der LMU

Forscher am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München fahnden nach den historischen Spuren der „jüdischen Episode“ St. Ottiliens. Sie werten derzeit vor allem jiddisch-sprachige Quellen zum jüdischen Gemeindeleben aus, die bislang wenig berücksichtigt worden seien, erklärt die Dozentin Evita Wiecki und fügt hinzu: „Es gibt noch viel Forschungsbedarf.“ 

Josef Ametsbichler

Auch interessant

Meistgelesen

Der Landsberger Christbaum steht!
Der Landsberger Christbaum steht!
Urbanes Leben am Papierbach: ein Gewinn für Landsberg
Urbanes Leben am Papierbach: ein Gewinn für Landsberg
Mit Samuraischwert zwei Menschen verletzt
Mit Samuraischwert zwei Menschen verletzt
Wenn aus der Benzin-Zapfsäule plötzlich Diesel fließt
Wenn aus der Benzin-Zapfsäule plötzlich Diesel fließt

Kommentare