"Kunststück!" das RBK feiert 30 Jahre mit Ausstellung

Kunst, die Antwort auf Wirklichkeit

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Durchblick: Die Vernissage der Jubiläumsausstellung „Kunststück!“ des RBK lockte zahlreiche Interessierte in die Rathausgalerie. Helmut Hagers Bronzevogel gibt den Blick frei auf Kulturbürgermeister Axel Flörke (rote Fliege) vor Otto Scherers „Kugelbrief“.

Landsberg – Kunst da, wo die Menschen sind – dieses Konzept geht bei der Doppelausstellung des Regionalverbands Bildender Künstler (RBK) perfekt auf. Können im Altstadtsaal der VR-Bank sowohl Bankkunden als auch Restaurantbesucher spontan auf Kunstschau gehen, verleitet die Rathausgalerie vielleicht den einen oder anderen Besucher zum Kunstgenuss, der eigentlich nur zur Toilette wollte. Und wer neben Rathaus und Altstadtsaal noch Lust auf mehr hat, der verwende zur Querung die Zederbräupassage. Denn auch da gibt’s „KunstKunstKunst“, wie der Pfeil am Eingang zur Galerie im ehemaligen Zedermarkt emphatisch betont. Kunst mittendrin. Lebendige Kunst.

Für sein 30-jähriges Jubiläum (der KREISBOTE berichtete) hat sich der RBK einiges vorgenommen: Neben der noch kommenden Jahresausstellung im Neuen Stadtmuseum, die sich aktuellen Arbeiten widmen wird, hat am Donnerstag die Doppelausstellung „Kunststück!“ in Rathausgalerie und Altstadtsaal ihre Tore geöffnet. Komplettiert wird sie durch eine gleichwertige dritte Ausstellung im Juni. Auch die wieder im Alltag der Landsberger verankert: im Stadtverwaltungsgebäude. In diesen drei „Kunststück!“-Ausstellungen präsentieren die RBKler etwas ganz Persönliches, erläutert erste Vorsitzende Silvia Großkopf: „Lieblingsstücke der vergangenen Jahre, Werke, die für die Künstler eine bestimmte Bedeutung haben.“

Eine Bedeutung, die im Altstadtsaal zum Beispiel Hanna Zwerger ihrem Bild einer Landsberger Häuserzeile zuspricht. Besonderes im Alltäglichen. So ist in der ausliegenden Infomappe zu lesen: „Ein nüchterner Blick veränderte sich innerhalb von Minuten zu einem Lichtblick“. Oder Elke Jordan, deren Wege in ihren Landschaftsbildern auch die Bedeutung von Irrwegen, Lebenswegen oder Umwegen annehmen können. Großkopf selbst hat als ihr „Kunststück“ ein für sie ungewohntes Bild ausgewählt: Im Kontrast zu ihren sonst farbintensiven Kompositionen zeigt „Ausgleich“ eine fast monochrome Aneinanderreihung von Kacheln. Alle in Weißtönen, differenziert durch Struktur oder Dicke des Farbauftrags. Ebenso beeindruckend ist Tom Schmids Foto eines toten Vogels. Der sei bei ihm ans Fenster geflogen. Schmid fotografierte ihn, „das Auge fehlte inzwischen“. Auf dem Foto sind zudem drei chinesische Schriftzeichen zu sehen. Deren Bedeutung: Leben. Sterben. Und: „Lebe das, wofür es sich zu sterben lohnt.“

Liegt der Schwerpunkt im Altstadtsaal auf Malerei, bietet die Rathausgalerie Raum und Licht. Ideal für Skulpturen. Eine davon, Thomas Lenharts „Heimatrhythmen“, ist sogar in den Innenhof ausgebrochen. Hinter der Scheibe Im Inneren fällt Otto Scherers „Kugelbrief“ ins Auge: ein ovaler Keramikkörper umschlungen von Schriftreihen, nur schwer entzifferbar. In der oberen Mitte „Leidenschaft“, darunter „Gegenwart“. Links davon ragt Helmut Hagers Bronzeplastik empor: ein Kopf im Profil im Gespräch mit einem Vogel. „Francesco“ heißt das Werk. „Herr Hager, das sind doch Sie!“, weist Kulturbürgermeister Axel Flörke in seiner Einführungsrede auf die Ähnlichkeit von Bronze- und Künstler-Konterfei hin. Wohl Zufall. Denn „Hager zitiert die Legende der Vogelpredigt“, fährt Flörke fort. Franz von Assisi, der die Vögel ermahnte: „Gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben.“ Woraufhin sie aufmerksam Hälse recken und Flügel spreizen – so auch Hagers Federtier.

Andere Arbeiten scheinen das menschliche Dasein zu hinterfragen. So zeigt Ulrike Schroeter an Sprossenfenster erinnernde Reliefs aus Alabaster auf undurchsichtigem Plexiglas. Für sie der seit Urzeiten existierende Stein als „Ahnung der uns verschlossenen Ewigkeit“, besonders im Kontrast mit dem schnellvergänglichen Kunststoffglas. Im „Schiff“ von Silvia Mühleisen sind die einzelnen Kojen mit Schriftfetzen besetzt. Scheinbar aus einem Anschreiben, einem Vertrag. Aber auch der Name der Künstlerin sitzt mit im Boot. Mühleisen gibt dem Betrachter den Sintflut-Aspekt des Gilgamesch-Epos an die Hand: „Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff, lass fahren Reichtum, dem Leben jag nach!“

Apropos Reichtum: Fast alle Arbeiten sind käuflich zu erwerben. Darauf weist auch Flörke mehrmals hin und sieht dabei besonders öffentliche und private Institutionen in der Pflicht: „Kunst gehört zum Menschen dazu“. Mit öffentlich einsehbarer Kunst könne eine Auseinandersetzung eines Jeden mit Kunst hervorgerufen werden. Denn das Spannende ist ja gerade, dass sich Kunst erst im Zwiegespräch mit dem Betrachter entwickelt. Die Werktitel können dabei Hilfestellungen leisten. Aber manch ein Künstler mag diese Bauernleiter nicht. So sagt Erik Urbschat über die Namen seiner Holzskulpturen: „Ein Titel währt nicht lang und dann werden meine Werke in die Welt entlassen.“ Namenlos. Deshalb kann man Kunst eben auch ganz unbefangen betrachten, ohne Vorwissen. „Am schönsten sehen Kinder“, zieht Flörke dafür als Beweis heran.

Der Betrachter hat demnach alle Freiheiten zu einem ganz persönlichen Dialog mit Kunst. Und der Künstler selbst? Natürlich ebenso. Aber vielleicht auch eine Aufgabe. Zumindest spricht Hager das in einem Sloterdijk-Zitat an. Demnach gelte es, „ein antwortendes Gegenbild zur Wirklichkeit zu schaffen.“ Denn das vermittle die Erkenntnis, „dass unsere Wirklichkeit nicht nur aus Alltagsrealität besteht.“ Insofern sei jedem nur angeraten: Entfliehen Sie dem kalten Alltag. Mäandern Sie vom Rathaus durch die Zederpassage in den Altstadtsaal. Und nehmen Sie sich Zeit für diese Ausstellung, die zurecht den Namen „Kunststück!“ trägt.

Susanne Greiner

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