Ausstellung in der Säulenhalle Landsberg

Lichte Himmel und Wildschweine

+
Drei Männer mit Hut: Bildhauer Erik Urbschat ist einer der sechs Künstler der sehenswerten Ausstellung „Kuratiert?“ in der Säulenhalle am Stadttheater Landsberg. Zur Finissage am 13. Dezember spielen Birkett Hall.

Landsberg – Ein Bildhauer, zwei Malerinnen, zwei Fotografen, einer, der abdruckt: Das sind die sechs Kunstschaffenden, die mit ihrer Ausstellung „Kuratiert?“ eine Woche lang die Säulenhalle Landsberg mit Leben füllen. Der Untertitel „Wir können auch anders“ ist die Antwort auf die Titelfrage – denn einen Kurator sucht man vergebens. Ebenso den Prosecco auf der Vernissage. Dafür gibt es Bier, Wein, Oliven. Und eröffnet wird die Ausstellung mit einer Pressekonferenz.

„Ist das die Jamaika-Koalition der Kunstszene?“, fragt einer der Vernissagengäste. Eine seltsame Frage. Ist die Pressekonferenz inszeniert, die Frage nur der Eisbrecher? Wie auch immer, es funktioniert. Die sechs Künstler Elke Jordan, Martina Marten, Monika Neubauer, Gregor Netzer, Erik Urbschat und Peter Wilson, fein aufgereiht an einer langen Tafel, beantworten Fragen zu ihren Arbeiten, zu sich, zu Ideen und Gedanken hinter ihren Werken. Bekommt man normalerweise eine Einführung, gibt es hier Künstler zum Anfassen. Fragen jeder Art sind erlaubt: „Ist das Kunst?“ Oder auch: „Woher wisst ihr, dass ihr Künstler seid?“

Elke Jordan erzählt von einem frühen Atelierbesuch: „Ich bin da reingekommen, habe die Ölfarben gerochen und wusste: Das ist meine Welt.“ Malen und Zeichnen sei das, was sie gut könne – was ihre großformatigen Landschaftsgemälde beweisen. Ein transparent wirkender Wolkenhimmel, der den Betrachter ins Bild hineinzieht. Eine ebene Landschaft, fast schwarz-weiß, ein Weg im Mittelpunkt. Er ist das einzige Zeugnis von Menschen. Sonst dominiert die Natur, eher monochrom, eher melancholisch. „Ich erlebe Landschaften und transportiere das Erlebte in meine Bilder“, beschreibt Jordan. „Wege bedeuten dabei Weggehen, aber auch Hingehen und Ankommen.“ Die Malerin arbeitet mit Erdpigmenten, in der Farbe der Wege ist oft der Sand verarbeitet, den sie von diesen Wegen mitgenommen hat. Sie zeigt dem Betrachter ihre Welt und lädt ihn ein, sie selbst zu erfahren.

„So many faces inside me“ heißt eine der Fotocollagen Martina Martens. Ein Gesicht eines Models aus verschiedenen Perspektiven, farblich nachbearbeitet. Das demonstriert in Titel und Bild die Vielseitigkeit von Martens Werken. Und ihrer Stimmungen, die sie mit den Arbeiten ausdrücken möchte: „Es geht um eine Interpretation der Realität, nicht um ein Abbild.“ So ist das Foto eines umgedrehten Boots am Lechufer im Herbstlaub eben kein normales schwarz-weiß-Bild. Denn der Bug einer Radierung – und rückt das Foto in die Kunstwelt. „Ich nenne mich eher Produzentin. Ob ich Künstlerin bin, darf der Betrachter entscheiden.“

Monika Neubauers Bilder reichen von konkret bis abstrakt. Da schwimmen luzide Koi-Karpfen im schimmernden Blau, daneben abstrakte Werke mit dicker Farbe gespachtelt. Sie stehen dem Betrachter zur Interpretation offen, könnten Wasserbilder sein. Oder abstrakte Farbkomposition. Für Neubauer sind es Wasserbilder: „Ich muss immer etwas im Kopf haben, auch wenn ich abstrakt male.“ Sie lerne beim Malen immer wieder dazu. Eine ‚Künstlerin in progress‘.

„Ich weiß nicht, ob ich Künstler bin. Aber ich weiß, dass ich Kunst mache“, formuliert Gregor Netzer seine Antwort. Seine Kunst sind Abdrucke, „und zwar von toten Lebensmitteln“. Dafür nimmt er die Lebensmittel – bei denen es sich um tote Tiere handelt -, ölt sie ein, legt das Papier auf und erarbeitet danach mit Graphitpulver die Konturen. Dort das Rückgrat, hier der Schädelknochen. Zu sehen sind Fische, ein Reh. Sogar ein Wildschwein. Netzer erfährt seine Arbeit als Wertschätzung dessen, was den Menschen nährt. Für ihn ist das Arbeiten eine „extrem sinnliche Erfahrung, die die Nähe von Leben und Tod vermitteln kann“.

Erik Urbschats Holzskulpturen zeigen immer Menschen. Kleine Dicke oder große Dünne, „das hängt von den Bäumen ab, die ich bekomme.“ Ob er Künstler sei, wisse er nicht, „ich muss einfach immer irgendetwas mit den Händen machen“. Er arbeitet ausschließlich mit der Kettensäge: „Ich laufe um das Holz herum, bin ratlos, dann entscheide ich mich: Da muss was weg!“ In Pappelholz bleibe die Säge gerne mal stecken. Es sei ein Kampf, der auch Mut fordere. Was weg ist, ist weg. Urbschat will keine Botschaft transportieren. Die Suche nach einer Allegorie hinter „Schaut nach rechts“, einem seiner Werktitel, würde ins Leere führen.

Bei Peter Wilson stehen Collagen aus Artikeln, Zeichnungen im Vordergrund. Oder Buchumschläge, Simmel und Fontane aneinandergeklebt und mit grafischen Mustern oder scherenschnittartigen Gesichtern bedruckt. Es sind viele Details, die sich in intensiver Betrachtung enthüllen. Wilson nennt sich nicht Künstler. „Ich bin Grafiker und Fotograf.“ Seine Collagen seien dabei ein Spiegel menschlicher Beziehungen. Denn „manchmal passt etwas gut zusammen, manchmal nicht.“

Das Gesamtbild der Ausstellung „Kuratiert?“ ist rund. Sechs Menschen haben sich gefunden, gemeinsam ausgewählt und platziert. Keiner hängt in einer dunklen Ecke, alle sind gleichberechtigt. Zweifelsohne. Eine sehr sehenswerte Ausstellung. Auch ein Samowar steht in der Säulenhalle. Statt warten: sehen und Tee trinken.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Die Brautpaare der Woche im KREISBOTEN Landsberg
Die Brautpaare der Woche im KREISBOTEN Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
"Ich wär' so gern Thomas Müller!"
"Ich wär' so gern Thomas Müller!"
Wer darf Bratwurst verkaufen? Gewerbeverband Dießen diskutiert 
Wer darf Bratwurst verkaufen? Gewerbeverband Dießen diskutiert 

Kommentare