"Servus Transall!"

"Es war ... einmalig"

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Täuschend echt: Commodore des LTG 61 Daniel Draken überprüft den Cockpitnachbau innerhalb der Ausstellung „Servus Transall!“ im Neuen Stadtmuseum, hier mit Museumsleiterin Sonia Fischer.

Landsberg – „Dieses kreischende Geräusch, wenn der Bagger den Rumpf zerreißt, das tut weh.“ Stabsfeldwebel Manfred Meichelböck vom Lufttransportgeschwader (LTG) 61 ist ein wenig sentimental. Denn der Rumpf, der da zerreißt, gehört einer Transall. Erst wird er ausgeschlachtet, dann zerkleinert, verpackt – fertig zum Verschrotten. Das weckt Emotionen. Die in der ganzen Welt bekannte alte Dame hat Geschichte geschrieben, auch in Landsberg. Die Ausstellung „Servus Transall!“ im Neuen Stadtmuseum erzählt Entwicklung und Alltag des Luftengels und seinem „Hüter“, dem LTG 61. Umfassend, differenziert, spannend. Und mit viel Gefühl.

Nach dem Ausschlachten des Rumpfes dauert es gerade mal fünf Stunden, bis nur noch Schrott übrig ist. Ein Kurzfilm innerhalb der Ausstellung bezeugt in Zeitraffer diesen letzten Gang einer Transall. Drama pur. Wenigstens eine retten und ins Museum stellen, das ging sicher nicht nur Museumsleiterin Sonia Fischer durch den Kopf. Aber dafür ist in der Von-Helfenstein-Gasse natürlich kein Platz. Stattdessen erwecken Fischer und ihr Team in einem Animationsfilm die Transall „51+15“ zum Leben: Anzahl der Starts, der Landungen, der Flugstunden. Ihr letzter Einsatz war am 5. April 2016. Am 22. September wurde sie verschrottet. Die Transall im Film hat Karikaturist Dieter Klama gezeichnet: eine liebevolle Comicfigur.

Die Idee zur Ausstellung hatte Stabsfeldwebel Wintersohl 2015. Seinen Commodore, Oberst Daniel Draken, hatte er schnell mit im Boot. Bei „Johnny Cash“ lernten sich dann Museum und Fliegerhorst kennen. „Die Bundeswehr hat uns die Kasernentore sehr weit geöffnet“, betont Fischer. Denn ohne Wintersohls „vitales Interesse hätte es so nicht funktioniert“. Im Sommer 2016 fand die erste Begehung des Fliegerhorstes statt. Und Fischer entdeckte eine Wunderwelt anschauungswürdiger Objekte, die als Leihgaben des Bundes in die Dauerausstellung des Stadtmuseums einfließen werden. Hoffentlich. Gespräche dafür laufen.

So hängt im ersten Raum eine Karte von 1938, „ein geheimer Gegenstand im Sinne des § 88 Reichsstrafgesetzbuch“. Ein Wanderabzeichen von 1974 mit den Wappen aller in Penzing ansässigen Geschwader dient als „Beispiel einer unkritischen Einreihung eines Wehrmachtsverbandes in die Traditionspflege“: Das „Kampfgeschwader Edelweiß“ ist mit dabei. Andere Fundstücke bieten Transall- und LTG 61-Geschichte zum Anfassen: das Trümmerteil einer Maschine, die bei den Azoren ins Meer stürzte. Ein Stück Außenhaut. Auch persönliche Dinge wie der Rucksack eines Soldaten. „Bitte aufpassen, dass dem nichts passiert“, wurde Fischer von dessen Besitzer ans Herz gelegt. Denn die aufgebrachten Standortwappen sind Erinnerung pur. Auch Technikfreaks werden bedient. So zeigt ein Schnittmodell das Federbein, dank dem die Transall auf unebensten Pisten landen kann. „Alles noch Entwürfe vom Reißbrett!“ – Draken ist sichtlich begeistert. Echtes Transall-Feeling vermittelt das nachgebaute Cockpit: in die originalen Flug­sitze fläzen, den Pilotenkopfhörer über die Ohren – und los.

Das LTG 61 war bis 2013 auch im Rahmen des SAR (Search and Rescue) im Einsatz. Briefe der Menschen, die von einem der Hubschrauber des Geschwaders gerettet wurden, liegen Im Museum aus: „Vielen Dank für ein gewagtes und meisterhaft gekonntes Flugmanöver“ schreibt einer und spendet 100 Mark in die „Kameradschaftskasse“. Ein Jutesack verweist auf die humanitären Hilfsflüge der Transall in den 70ern und 80ern. Zum Beispiel nach Äthiopien mit Lebensmitteln wie Reis, Mais oder Mehl. Die wurden zwei Mal in Plastik und danach in eben jene Jutesäcke gepackt, um den Aufprall zu mindern, wenn sie aus dem Hinterteil der Transall geworfen wurden. Gemäß Richtlinie mussten mindestens 80 Prozent heil unten ankommen.

Es gibt Militärkleidung im „Wüstentarn“. Das wurde nötig, als sich die Einsatzorte der Transall nach Ende des Warschauer Paktes änderten. Ab 1991 flogen die ehemaligen „Engel der Lüfte“ Krisenintervention: die sogenannten „out oft area“-Einsätze, Somalia, Ruanda oder auch Bosnien-Herzegowina: „Da standen Soldaten zum ersten Mal unter Beschuss“, erinnert Draken. Der Briefkasten aus Sarajewo mit Einschusslöchern erzählt davon. Auch an Afghanistan denkt Draken, „der erste Einsatz, bei dem von Krieg und Waffen gesprochen wurde“.

Im Moment stehen noch neun von ursprünglich 28 Transall in Penzing. Davon werden wahrscheinlich vier weiterleben, in Hohn beim LTG 63. Dort soll dann 2021 Schluss sein. Denn der Transall-Nachfolger A400M kommt – zumindest irgendwann. „Mir wird immer ganz mulmig, wenn die Lkw mit den Transall-Trümmern an meinem Büro vorbeifahren“, sagt Draken. Der Abschlussappell für das LTG 61 mit dem Geißbockwappen ist für den 14. Dezember geplant. Aber schon „Ende September gehen wir vom Netz“, lächelt der Commodore. „Wie war es denn?“, wird ein LTG-61 Mitglied in einem in der Ausstellung zu hörenden Interview gefragt. 30 Jahre lang war er mit der Transall verbunden. Kurzes Überlegen, dann die Antwort: „Es war … einmalig.“

Erhobenen Hauptes

Bei der Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung platzte der historische Festsaal des Rathauses fast aus den Nähten. Viele Uniformen waren zu sehen, zahlreiche Zivilisten. Die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Servus Transall!“ sei ein „trauriger Abend“, denn sie läute ein „Festival des Abschieds“ ein, begann Oberbürgermeister Mathias Neuner seine Begrüßungsrede. Hervorzuheben sei die tiefe Verbundenheit der Landsberger mit dem LTG 61 und der Transall. Schon in seiner Kindheit habe er sich immer gefragt, in welchen Teil der „großen weiten Welt wohl die alte Tante da oben“ fliege. „Das Brummen wird mir fehlen.“ Allerdings wüsste man ja noch nicht genau, wie lang sie noch im Einsatz sei. Denn „das neue Modell ist schon in der Mache. Vielleicht wird es ja auch mal fertig.“

Auch Oberst Daniel Draken hob die Integration der Bundeswehr und den Rückhalt in der Bevölkerung hervor: „Das sucht seinesgleichen.“ Das LTG 61 habe aber Landsberg auch einen Dienst erwiesen. Das Bild der Transall über dem Bayertor sei überall bekannt. „Das ist ein Botschafter für Landsberg in die Welt.“ Er ziehe seinen Hut vor der Ausstellung. Denn sie trage mit dazu bei, dass die Transall „mit stolz erhobenem Haupt in den Ruhestand geht“. Der Abend endete bei lauen Temperaturen auf der Terrasse des Rathauses – auch hier Militär und Zivilisten bunt gemischt.

Susanne Greiner

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