Liberation Concert - Menschlichkeit. Würde. Hoffnung.

Ausstellungseröffnung in Landsberg: „Hier entsteht etwas Großes“

Ausstellungseröffnung Liberation Concert Landsberg Knobloch
+
Charlotte Knobloch (links) sprach zur Eröffnung der Ausstellung „LIberation Concert“ in der Landsberger Rathausgalerie. Mit dabei auch der Intendant der Bayerischen Philharmonie Mark Mast (2.v.r.), Vorstandsmitglied des Fördervereins Liberation Concert Alex Dorow (2.v.l.), OBin Doris Baumgartl (rechts) und Initiatorin Karla Schönebeck (Mitte).

Landsberg – „Hier entsteht etwas Großes.“ Mit diesen Worten würdigt die Präsidentin der Israelitischen Gemeinde München und Oberbayern Dr. h. c. Charlotte Knobloch das Projekt „Liberation Concert in Bayern“. Ein Projekt, das als Thema die Geschichte des jüdischen DP-Orchesters hat, dessen erstes Konzert am 27. Mai in St. Ottilien erklang: das Befreiungskonzert. Am 14. November 1945 spielte es im Landsberger Stadttheater und am 10. Mai 1948 trat es im Landsberger DP-Lager auf – mit Leonard Bernstein als Dirigenten. Ausgangspunkt des Projektes des Wertebündnisses Bayern ist die aktuelle Ausstellung „Liberation Concert – Menschlichkeit. Würde. Hoffnung.“ in der Rathausgalerie. 

Initiatorin und Kuratorin Karla Schönebeck erinnert an die Ausgangssituation: Wie gestaltet man die Zukunft, wenn vom bisherigen Leben nichts übriggeblieben ist? Die Antwort der Musiker des DP-Orchesters: Wir geben ein Konzert, mit der Musik der so lang verbotenen eigenen Kultur. Jüdische Musiker, die ihre Musik zuvor zur Unterhaltung der Nazis in Lagern spielen mussten, konnten1945 in St. Ottilien in Freiheit spielen. Allerdings in einer fragwürdigen Freiheit, im Land der Täter, unter amerikanischer Besatzung und in Warteposition auf die Ausreise. Mit der Ausstellung wolle man neue Wege des Erinnerns vor allem für junge Menschen gehen, sagt Schönebeck. Unter anderem durch das gemeinsame Musizieren.

Zweimal wurde die Ausstellungseröffnung coronabedingt verschoben. Eigentlich sollte sie musikalisch begleitet werden: mit einem Konzert der Bayerischen Philharmonie, dem städtischen Kammerjugendorchester und dem Pianisten Guy Mintus. Gespielt werden sollten Auszüge des Befreiungskonzertes von 1945, aber auch Neukompositionen. So zum Beispiel „Nie mehr schweigen“, eine Komposition Jo Barnikels auf der Basis einer der letzten von Wolf Durmashkin vor seinem Tod im KZ geschriebenen Melodien. Dessen Schwestern Fania und Henia waren Mitglieder des DP-Orchesters und überlebten.

Ebenso sollten im Stillen Gang des Rathauses Ton- und Filmaufnahmen die Ausstellung ergänzen – ein Platz, der wegen des BRK-Testzentrums nicht mehr verfügbar war. Das Konzert wird aber stattfinden: am 27. Mai 2022 im Stadttheater Landsberg. Zeitgleich wird die Ausstellung in der Säulenhalle nochmals zu sehen sein – samt Ton- und Filmaufnahmen.

Aber nicht nur das: Das Ausstellungsmaterial kann von Schulen angefordert werden – was bereits einige getan haben, so Schönebeck. Schüler können anhand der Informationen die Geschichte des Orchesters in ihrer Umgebung recherchieren. Und die Ergebnisse werden, so hofft Schönebeck, die Ausstellung im Laufe der nächsten Monate und Jahre fruchtbar ergänzen.

Die Ausstellung

Schönebeck geht chronologisch vor: von der Entstehung des Orchesters 1945 bis zu dessen Ende 1949. Dabei orientiert sich die Journalistin an den Menschen und ihren Schicksalen: an Sascha Stupel, der bei seiner Ankunft im hiesigen Außenlager II nur noch seine geige und einen Fressnapf in der Hand hielt. Stupel starb im Lager. Die Ausstellung erzählt von einem Musiker, der sein Akkordeon auf dem Todesmarsch 1945 gegen ein Stück Brot eintauschte. Schönebeck informiert auch über Himmlers kurzen Aufenthalt 1945 im Kloster St. Ottilien, wo er sich eine Nacht vor den Amerikanern verstecken durfte. Und berichtet über Robert L. Hilliard, der als Journalist in St. Ottilien das Befreiungskonzert miterlebte – und der vor Kurzem erst seinen 97. Geburtstag gefeiert hat. Der letzte lebende Zeitzeuge des Konzertes ist einer der Schirmherren der Ausstellung. Er lasse alle herzlichst grüßen und freue sich auf das Konzert im nächsten Jahr in Landsberg, berichtet Schönebeck.

Karla Schönebeck (rechts) mit Charlotte Knobloch beim Rundgang durch die Ausstellung.

Weitere Schicksale sind die der Schwestern Fania und Henia Durmashkin, zwei der acht Gründungsmitglieder des DP-Orchesters. Das Orchester spielte in Niedersachsen, Frankfurt, in zahlreichen DP-Lagern in Bayern und 1946 auch bei den Nürnberger Prozessen. Zu vielen Konzerten wurden die Musiker anfangs im Krankenwagen transportiert, weil sie zu schwach waren.

Ergänzt wird die Ausstellung durch Daten und Verortung der DP-Lager, Kibbuze oder auch Hospitäler in ganz Bayern, in denen die DPs untergebracht waren. Allein in Oberbayern waren es 1946 rund 48.000 Juden. Mit ein Grund, weshalb Eisenhower ein eigenes Territorium für diese Menschen zur Sprache brachte: einen „bayerischen Judenstaat“.

Die Ausstellung ist Wissen in extrem komprimierter Form. Man sollte sich Zeit nehmen. Schönebeck wolle jedoch möglichst oft nachmittags anwesend sein, um bei Interesse durch die Ausstellung zu führen.

Träger des auf mehrere Jahre angelegten Projektes ist die Bayerische Philharmonie, Kooperationspartner und verantwortlich für die Ausstellung ist der Förderverein Liberation Concert Landsberg mit Karla Schönebeck und MdL Alex Dorow im Vorstand. Die Schirmherrschaft haben der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Dr. Ludwig Spaenle, OBin Doris Baumgartl und Robert L. Hilliard.

Die Eröffnung

Zur Eröffnung am Sonntagvormittag reiste Knobloch mit hohem Polizeischutz an. Dass dieser Personenschutz notwendig ist, zeigt, wie wichtig die Ausstellung ist. Bei der Führung durch die Ausstellung war Knobloch sichtlich berührt. „Das, was die Schüler hier sehen, finden sie in keinem Buch. Hier entsteht etwas Großes.“

Die Musik des damaligen DP-Orchesters sei ein „Blick nach vorne“ gewesen, in der universellen Sprache der Musik, sagte Knobloch. Diese Hoffnung der jüdischen Musiker, dass ein Leben in Freiheit möglich sein wird, auch in Deutschland, solle ein Leitstern sein, um Demokratie und Freiheit auch heute aufrechtzuerhalten. Viele hätten diese Hoffnung momentan verloren. Die Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könne, sei „eine Belastung für die demokratische Gesellschaft“. Hier helfe nur das Gedenken – und zwar über Generationen hinweg.

Dem Intendanten der Bayerischen Philharmonie Mark Mast bedeutet es viel, dass er als „christlicher, deutscher Musiker“ diese Ausstellung koordinieren dürfe. Ein einschneidendes Erlebnis sei bereits das erste Konzert zum 70. Jahrestag 2018 im Landsberger Stadttheater gewesen, als Guy Mintus mit der Bayerischen Philharmonie die „Rhapsody in Blue“ spielte. Musik, und sei sie im Stillen gesungen, habe den Lagerinsassen geholfen „Mensch zu bleiben“. Auch das Konzert 2022 sieht Mast als ein Zeichen, dass „jüdisches Leben in unsere Mitte gehört“. Er hoffe, dass die Musik und die Ausstellung von Landsberg ausgehend in alle Regierungsbezirke Bayern getragen werde: um das Wissen zu tradieren, auch mit der „heilenden und verbindenden Wirkung der Musik“. Denn „Musik gehört keinem und uns allen.“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Dr. Ludwig Spaenle.

Der Antisemitismusbeauftragte Dr. Ludwig Spaenle nannte die Musik der Überlebenden ein „Zeichen der Hoffnung“. Dennoch, „die Judenfeindschaft war nie weg und ist es auch jetzt nicht“. Gegen Antisemitismus helfe nur Wissensvermittlung. Zudem solle der Kampf gegen den Antisemitismus als Staatsziel in der Verfassung verankert werden.

OBin Doris Baumgartl dankte Schönebeck als „Bindeglied“ der Werteinitiative. Verantwortung könne dann am besten übernommen werden, wenn man wisse wofür. Auch die Stadt Landsberg wolle und müsse sich mit ihrer Geschichte immer wieder auseinandersetzen. „Je mehr wir von anderen wissen, desto leichter können wir sie verstehen.“

Projektpartner ist auch die Organisation Global Dignity Germany. Dessen Vorstand Dr. Matthias Bosch erinnerte an das erste Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Gesetz, das infolge des Nationalsozialismus notwendig gewesen sei. Er sehe die Musiker des Orchesters als Vorbild dafür, wie man „Würde zeigen und leben kann“.

Die Beteiligten des Projekts „Liberation Concert Bayern“ (von links): MdL Alex Dorow (Vorstandsmitglied Förderverein Liberation Concert Landsberg), Initiatorin und Kuratorin Karla Schönebeck, Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl, Vorstand von Global Dignity Germany Matthias Brosch, Charlotte Knobloch und Intendant der Bayerischen Philharmonie Mark Mast.

Vorstandsmitglied des Fördervereins Alex Dorow setzte die Ausstellung als „Handeln gegen die Dummheit“. Denn Antisemitismus sei Dummheit, dagegen helfe nur Wissensvermittlung. Auf die aktuelle Situation eines immer spürbareren Antisemitismus könne man nicht leise antworten. Man müsse gemeinsam „laut“ handeln, vermitteln, bilden. Die Musik könne dabei bei Jugendlichen mehr Interesse wecken, „sie geht ans Gefühl und öffnet den Verstand“. Mit dem „Liberation Concert Bayern“ wolle man bewusst nicht ein kommerzielles Konzertereignis in den Vordergrund stellen. Sondern von der Geschichte aus zur Musik gehen.
ks

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
Landsberg
„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
Inzidenz wieder leicht gesunken
Landsberg
Inzidenz wieder leicht gesunken
Inzidenz wieder leicht gesunken
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«
Landsberg
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«
Wenn der Uhu im Fallrohr hockt
Landsberg
Wenn der Uhu im Fallrohr hockt
Wenn der Uhu im Fallrohr hockt

Kommentare