Geschichte in Moll und Dur

Wachtveitl, Gruber & Maklar begeistern das Publikum im Stadttheater

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Udo Wachtveitl (links) las, Christian Gruber (Mitte) und Peter Maklar spielten. Das Ergebnis: eine traumhafte Geschichte der Musik.

Landsberg – „Eine Gitarre bekommt man nie zufällig.“ Ein Motto, das die „Geschichte der Welt in neun Gitarren“ begleitet: eine Musikgeschichte entlang der Gitarrrenbünde. Von Ägypten bis Kuba, vom Damals ins Jetzt. Gelesen wurde sie vergangene Woche zur Eröffnung des Gitarrenfestivals „Faszination Gitarre“. Als Lesender begeisterte Tatortkommissar Leitmayr alias Udo Wachveitl. Die musikalische Gitarren-Begleitung unternahm das begnadete Gitarrenduo Gruber & Maklar.

Sommer 1939. Ein betagter Gitarrenbauer erhält Besuch: Ein junger Mann, zu einer Gitarre gekommmen wie die Jungfrau zum Kinde. Was tun? „Es kann alles vorkommen“, ist die Antwort des Greises, schnarrend von Wachtveitl imitiert. „Auch dass einer sein Chance nicht nutzt.“ Er rät dem Besucher, die Gitarre in sein Bett zu nehmen, wie eine Frau. Damit sie Vertrauen zu ihm fasst. Und ihm ihre Geschichte erzählt. Der Gitarrenhals sehe aus wie ein umgelegter Mast. „Denn es ist nicht der Wind, der das Schiff der Geschichte trägt. Es ist die Musik.“

Was folgt, sind neun Träume. Reisen nach Ägypten, zu einem Nomaden aus Persien. In dessen Hand die Setar, ein Gitarren-Ahn. „Se“ heißt drei, „Tar“ Saite. Von diesem Instrument aus werden es immer mehr Saiten. Über die Oud zur Renaissance- und Barockgitarre. Bis um 1800 die endgültigen sechs Saiten erreicht sind. Zu Persien stimmen Gruber & Maklar eine melancholische Melodie an. Einer der Klangkörper dient als Trommel. „Es heißt, Musik sei eine Sehnsucht.“

Der zweite Traum führt nach Peru, zu den Inkas und ihrem Ende durch die spanischen Konquistadores. Untermalung durch hektische Melodien, dissonant. Das Gitarrenduo harmoniert perfekt. Wirkt wie ein Musiker mit einem zwölfsaitigen Instrument. Eigen ist ihm zudem Leichtigkeit, die Wachtveitls lebendige Erzählstimme ideal ergänzt.

Plötzlich enden die Träume. Besorgt eilt der junge Mann zum Gitarrenbauer. „Ein Traum ist kein Pudel, der kommt, wenn man pfeift“, mahnt der. Man muss ihn locken wie eine eigensinnige Katze. Worauf sein junger Besucher einen Gitarrenkurs beginnt. Und siehe da, die Träume kehren zurück.

Weiter tragen sie ins 16. Jahrhundert, zum spanischen Arzt und Musiker Juan Amat nach Barcelona, Autor der ersten populären Gitarrenschule. Die Musik: Isaak Albéniz‘ „Capricho Catalan“. Von da aus schwingen die Töne in Riesenschritten zum Sonnenkönig Ludwig XIV, der mit grämlich gelangweilter Stimme den Gitarrenmeister Francisco Corbetta empfängt – und dilletantisch die Saiten malträtiert. Die Marsaillaise trägt den Träumer nach Nantes, von da aus in den Süden Amerikas. Zu den Sklaven, die weder Trommel noch Flöte nutzen durften. Und deshalb sangen, um das Leid zu ertragen: „Die Reise der Schwarzen wurde der Blues.“ Gruber & Maklar beherrschen auch diesen Stil perfekt. Wachtveitls Fuß wippt entspannt mit.

Der junge Träumer ist im 20. Jahrhundert angekommen. Ein Mann spielt in Bars für sich und seine Bella. Doch ein Brand versengt seine linke Hand, Zeige- und Ringfinger sind taub. Schon im Krankenhaus beginnt die „leidenschaftliche Beziehung zwischen drei Fingern und einer Gitarre“: Django Reinhardt wird zur Legende. Fast so legendär spielen Maklar & Gruber Reinhardts und Grappellis Gassenhauer „Minor Swing“. Schließlich darf Peter Maklar allein brillieren: mit „The Wind Cries Mary“. Dann zerrt er an der E-Gitarre, zerfetzt, dehnt. Zerstört sie, die Hymne des „Star-Bangled Banner“: Nicht über Kopf, aber Maklar kommt Jimi Hendrix nah.

Der letzte Traum führt nach Kuba, in die „Arche Noah der Melodien“ und zum „Chan Chan“ des Buena Vista Social Club. Letztendlich zur Freiheit. Denn egal, was Regierungen tun oder lassen: „Töne sind wie Wind. Und hast du schon mal gesehen, dass jemand Wind einsperren kann?“

Susanne Greiner

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