Leben auf dem Bildschirm schaffen

Autodidakt Richard Löwenstein aus Ummendorf entwirft Retro-Games

+
Arbeitet er noch oder spielt er schon? Games-Entwickler Richard Löwenstein.

Ummendorf – Etwas versteckt steht das Haus von Richard Löwenstein im Herzen des Dorfes, wo er seit wenigen Wochen mit seiner Familie wohnt. Nebenan picken die Hühner im Dreck, der Kirchturm wirft einen langen Schatten und hier vermutet man zunächst niemanden, der in Eigenregie Computerspiele für den internationalen Markt kreiert.

Schon als Schüler sammelte der heute 48-jährige erste Erfahrungen mit Computerspielen. Der Autodidakt brachte sich das Programmieren auf dem TI99 und C64 selbst bei, veröffentlichte erste Games in fast vergessenen Magazinen, geriet dadurch in den Fokus professioneller Hersteller und hatte mit dem Jump and Run Spiel „Twinky Goes Hiking“ 1986 seinen ersten europaweiten Erfolg.

„Ich fand es faszinierend, dass ich durch eine Reihe von einfachen Kommandos Leben auf meinen Bildschirm zaubern konnte und dadurch irgendwann Spiele entstanden“, erklärt der gebürtige Münchener seine frühe Begeisterung für das damals ganze neue Medium. In den nächsten vier Jahren folgten weitere Spiele für den C64.

Es lag an der Kupplung seines alten Golfs, dass er nicht als Spieleprogrammierer in der Branche anfing. Auf der Fahrt zu einem Vorstellungsgespräch in Gütersloh verreckte sein alter VW. „Ich habe dann bei der Firma angerufen und das Problem geschildert, woraufhin mir der Verantwortliche mitteilte, dass sich der Job erledigt hätte, wenn ich nicht zum Vorstellungsgespräch erschiene. Tja, dann habe ich eine Lehre als Industriekaufmann gemacht, was mir aber im weiteren Verlauf meiner Karriere sehr geholfen hat, weil ich immer den Überblick über die geschäftliche Seite meiner Unternehmungen hatte und habe.“ Schicksal, könnte man meinen.

Nach der Lehre landete er als Spieletester, heute würde man sagen „Redakteur“, bei der Zeitschrift „Amiga Joker“ und lernte dort das Medienbusiness von der Pike auf. Nebenbei schaffte er sich die Maschinensprache Assembler drauf und fing an, für den Heimcomputer Amiga zu programmieren. Neue Projekten kamen allerdings nicht über das Anfangsstadium hinaus. 2000 erfolgte der große Schritt hinein in die Freiberuflichkeit als Medienprofi: Er hob Magazine wie „360 Live“ und „Cube“ aus der Taufe, schrieb über Games für T-Online, war aktiv im Mediennetzwerk Bayern, und hatte die Spieleentwicklung ein wenig aus den Augen verloren, aber nicht vergessen. Nach einer Weltreise mit seiner heutigen Ehefrau im Jahre 2011, fühlte er sich in München nicht mehr heimisch und verlagerte seinen Lebensmittelpunkt 2012 nach Landsberg am Lech.

Die alten Amigas

Viel wichtiger aber war, dass er sich im Sommer 2015 in den heimischen Keller begab, um Sachen für den Flohmarkt auszusuchen: „Ich habe die alten Amigas gefunden und gelernt, dass die Geräte über die Jahre im Keller nicht besser werden. Ein paar habe ich verkauft, aber meinen Liebling, den Amiga 1200, habe ich behalten, von Experten restaurieren lassen und einen Bericht über die damals aufkeimende Retro-Szene geschrieben. Das war der ausschlaggebende Kick, der mich wieder an die Tastatur gebracht hat.“ Die Geburt der Tochter und die damit einhergehenden einsamen wachen Stunden zu nachtschlafender Zeit, verschafften Richard Löwenstein die nötige Muße, um wieder kontinuierlich an seinem Spiel zu arbeiten. Im Sommer 2016 war „Reshoot“ fertig und konnte auf der Gamescom, der wichtigsten deutschen Messe für Computerspiele, präsentiert werden. Das positive Feedback und der beachtliche Erfolg reichten als Motivation für die nächsten drei Jahre, und im Mai dieses Jahres ist der Nachfolger „Reshoot R“ für den Amiga erschienen.

Richard Löwenstein machte die komplette Programmierung, Grafik und das Game Design in vielen einsamen Stunden selbst. Unterstützung für Sound und Musik fand er bei Martin Ahman aus Köln und Kevin Saunders lieferte Pixelkunst aus dem fernen Australien. Eine erstaunliche Leistung und eine Erfahrung in Selbstdisziplin. „Es gibt sehr viele Projekte dieser Art, aber auf jedes fertige Spiel kommen zehn Spiele, die nicht zu Ende gebracht wurden. Die Leute unterschätzen einfach den Aufwand, der dahinter steckt. Und da ich leider Perfektionist bin, dauerte es bei mir halt drei Jahre“, erklärt Löwenstein und lacht. „Mir ist wichtig, dass es einfach ein gutes Spiel geworden ist, egal ob man es nun Retro nennt.“ Als dann auf der Gamescom 2017 viel Prominenz aus der Spieleszene an seinem kleinen Stand hängen geblieben sei, „wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Das Wichtigste sei aber letztendlich die Hilfe aus dem privaten Umfeld. „So ein Projekt ist wahnsinnig zeitintensiv, ohne die Unterstützung deiner Frau und Familie geht da gar nichts. Und immer auf die Community hören!“

Dietrich Limper

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Über 100 Pferde beim Uttinger Leonhardi-Ritt gesegnet
Über 100 Pferde beim Uttinger Leonhardi-Ritt gesegnet
Lechmauersanierung Landsberg läuft!
Lechmauersanierung Landsberg läuft!
Eine 250.000-Euro-Spende fürs Stadtmuseum Landsberg
Eine 250.000-Euro-Spende fürs Stadtmuseum Landsberg

Kommentare