Wartemonster und Werte

Bahnhof Geltendorf: Wartehalle wird zur »begehbaren Theatermaschine«

Schilder aus Kartonagen mit Portraits und Schriftzügen.
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Gewappnet gegen die „Wartemonster“: Schilder mit Portraits der Teilnehmer und den Werten, für die sie stehen möchten.
  • VonAndrea Schmelzle
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Geltendorf – Im ehemaligen Warteraum des Bahnhofsgebäudes in Geltendorf haben sich über 20 Jugendliche in den Pfingstferien auf ihre eigene „Heldenreise“ vorbereitet (der KREISBOTE berichtete). Wo sie hingeht? Die Antworten sind noch bis 30. Juni in einer raumfüllenden Installation zu sehen. In künstlerischer Begleitung haben die Jugendlichen im Theaterworkshop „Bahnhof 119“ des Landsberger Kulturvereins dieKunstBauStelle, den Raum gestaltet, theatrale Räume, Bühnenbilder und „Theatermaschinen“, etwa „Wartemonster“, erschaffen. Künstlerisches Mittel : Kartonagen. 

Eine „Wiederbelebung des Bahnhofs“ sollte es sein, erklärt Initiiator und Vorsitzender des Vereins dieKunstBauStelle Wolfgang Hauck. In Form einer künstlerischen Umwandlung des „ alten, leerstehenden Wartesaals, in dem schon viele Menschen Zeit verbracht haben, in der man nicht viel tun kann.“ In der man sich – freiwillig oder unfreiwillig – besinne. „Das haben wir auch getan in den letzten zwei Wochen“, so Hauck, der das Projekt gemeinsam mit den beiden Holländischen Cardboard-Künstlern Mathijs Stegink und Sjors Knol sowie Kostümbildnerin Renate Stoiber in einem Bündnis mit der Mittelschule Landsberg und der Theatergruppe Die Stelzer durchgeführt hat.

Nun ist der Wartesaal gefüllt mit Figuren, Schildern und Miniatur-Bühnenbildern. Alles aus Kartons. „Schon als ich das erste Mal hier war, habe ich mich sofort in diesen wunderschönen alten Wartesaal verliebt“, sagt die in München lebende Renate Stoiber. Ihn für andere Aktivitäten „zwischenzunutzen“, sei denkbar und erwünscht, meint Hauck. Gemeinsam mit den Jugendlichen hat Stoiber dafür Bühnenbilder gebaut. Im Karton. In die sie „ein bisschen Atmosphäre sowohl vom Theater- als auch vom Wartesaal“ hineinbringen wollte. Das ist ihr, gemeinsam mit „sehr emsigen Jugendlichen“, auch gelungen. Mit liebevollen Details und enormem Ideenreichtum sind ganz unterschiedliche Boxen – oder Bühnenbilder – entstanden. Viele haben einen Bezug zu Corona. Das sei schließlich eine besondere Zeit gewesen, so Stoiber, die alle geprägt habe.

Und das spiegelt sich wider. Eine Box zeigt – symbolisch für die lange Schließung und aktuelle Wiedereröffnung der Kinos – eine Kinoleinwand mit davorliegenden Sitzreihen und Zuschauern, deren Köpfe aus Holzkugeln bestehen.

Eine andere Box präsentiert alles verkehrt herum: „Die Welt steht Kopf“, so Stoiber. „Und dennoch geht es immer weiter, ist alles in Bewegung.“ So auch die Bühnenbildmodelle, sie sind allesamt beweglich.

Das Zeitpendel schlägt – und wenn man wartet, vergeht die Zeit immer langsamer.

Hinten an der Wand hängen Schilder aus Kartons. Versehen mit Portrait-Fotos aller Teilnehmenden und dem Schriftzug einer Tugend, die sich jeder selbst ausgesucht hat. „Ausdauer“ steht auf Stoibers Schild. „Die haben wir alle bewiesen. Nicht nur hier bei unserer Arbeit. Sondern auch während der gesamten Corona-Zeit.“ „Hingabe“, „Geduld“, „Mut“, „Unerschütterlichkeit“, „Vertrauen“ oder „Umsicht“, heißt es auf anderen Schildern. Alles ist irgendwie stimmig. „Das sind die Werte, für die wir stehen“, sagt Stoiber. Mit den Schildern scheinen sich die Teilnehmer wappnen zu wollen vor zwei riesigen Wesen aus Karton, die unmittelbar davor stehen. „Das sind Wartemonster“, schmunzelt die Kostümbildnerin. „Oder Zeitfresser. Wenn man lange genug wartet, dann kommen die irgendwann.“

Das ist eigentlich auch sinnbildlich für die Idee, die hinter dem Projekt steht. So etwas wie ein konkretes Ziel oder starren Plan habe es nicht gegeben, meint Stoiber. Alles habe sich entwickelt in Improvisation und Gruppenarbeiten.

Die Grundidee war die „theatrale Inbesitznahme des Bahnhofs“, die Materialvorgabe: Karton. Alles Weitere sei daraus entstanden, durch Ausprobieren und immer neue Gedankenspiele. Ganz neue Sichtweisen auf Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung seien dabei entwickelt worden.

Unterstützt und möglich gemacht wurde das Projekt durch das Bundesprogramm „Kultur macht stark“, durch die Landsberger Firma Redl Karton, die das Material gespendet hat und schließlich durch Nicolas Stoetter, Eigentümer des Geltendorfer Bahnhofs, der den Wartesaal zur Verfügung gestellt hat.

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