"Balloon Pilot"

Flug in sanfter Brise

+
„Balloon Pilot“ versteht sich auf die Kunst der sanften Töne: Gitarrist Christian Radojewski, am Bass Jacob Foord, Drummer Peter Gall, an der Wurlitzer Tobias Koark-Haberl und Sänger Mathe Brustmann.

Landsberg – „Wir sind ja nicht so die Rampensäue“. Sänger und Texter der Band „Balloon Pilot“ Matze Brustmann steht im Foyer des Stadttheaters und lächelt. Das Konzert ist vorüber, nicht ausverkauft, eher „ein Erste-Klasse-Flug mit viel Beinfreiheit“, verspricht Mitveranstalter Edmund Epple. Versprechen gehalten: Die fünf Musiker aus der Region lieben die leisen Töne im Stil der „Kings of Convenience“. Die Melodien sind sanft, die Texte tiefsinnig. Aber ab und zu bricht die Milde und „Balloon Pilot“ startet durch zu nahezu chaotischen Klanggebilden. Silberfäden, die sich ver- und entwirren, zurückziehen, leise werden. Stille. Und dann reißt die Gitarrensaite.

Brustmann mag Tom Waits, Elliott Smith ist ein Vorbild. Vor allem dessen Schnulzen und „wie er sie entschnulzt“. Auch die Balloon-Texte siedeln fern des Kitsches, aus ihnen spricht die Melancholie. In „42 Seems Right“ singt Brustmann davon, dass der Romantik nicht zu trauen ist, nur dem Moment. Dauerhaftes ist schwierig, die Frage nach dem Sinn nicht zu beantworten. 42 eben. „Golden Leaves“ erzählt von „unsymmetrischen“ Menschen, „crooked things“, also irgendwie schief. Und selbst wenn die bequeme Musik des „Comfort Song“ auf heile Welt hoffen lässt: Auch hier geht es um das Unbehagen mit der Welt.

Wer denkt, die Band sei nur introvertiert, liegt falsch. Es geht auch um die großen Themen: um das Miteinander mit Freunden und Feinden in „Handshake“. Um Verantwortung für das eigene Leben, wie in „Blame it on the Rain“. Der Song beginnt mit einzelnen Tropfen auf der Wurlitzer-Orgel, E-Gitarrentöne regnen mit, bis Bass und Drums den Wolkenbruch zelebrieren. Es geht um unbedachte Taten, die außer Kontrolle geraten. Verantwortung Fehlanzeige, Schuld ist eben der Regen. Doch wehe, wenn er aufhört, denn dann kommt die Scham.

Introvertiert sind die Fünf, aber sicher nicht weltfremd. Textschreiber Brustmann dichtet über Dinge, die man ach so dringend braucht. Wie den Stehroller, auf dem die Leute so aussehen, „als hätte man einen Pinguin auf Räder geschraubt“. Diese Zeile ist ihm im Hirn aufgeploppt, als jemand an ihm vorbeirollerte. Daraus entstanden ist „Bargain Street“, die Schnäppchen-Straße. Auch Liebe ist ein Thema, aber eher die unglückliche wie in „Recently“. Der Song beginnt harmonisch, steigert sich gegen Ende, wird laut, lässt’s krachen. „Das ist der Song, den wir live gerne ins Chaos stürzen“, schmunzelt Brustmann. Und immer, wenn er behauptet, bei ihm würden die Saiten nie reißen – schwupps, ist sie hinüber.

Die Kerntruppe von Balloon Pilot kennt sich schon von Schulzeiten. Da ist Tobias Koark-Haberl, der mit Trompete, Melodika und Wurlitzer-Orgel verzückt. Die E-Gitarre pickt Christian Radojewski, Bass und Schlagzeug sind beim Auftritt in Landsberg mit Jacob Foord und Drummer Peter Gall besetzt –Bruder des Jazzpianisten Chris Gall. Schaut man auf die Webseite der Band, stehen da noch weitaus mehr Namen, so zum Beispiel Andi Haberl. Der war anderweitig beschäftigt. Vielleicht mal wieder mit Klaus Doldinger unterwegs. Aber dem harmonischen Zusammenspiel der Musiker kann die wechselnde Besetzung nichts anhaben.

Ab 1999 spielte ein Großteil der Band als „Los Burritos“ tanzbare Musik. Aber Brustmann spielte dann auch seine Songs. Was dazu führte, dass die Band einmal ihre Gage nicht erhielt: zu wenig „Burritos-Style“. Parallel dazu gründeten Filmmusiker Gerd Baumann (im Juni mit „Dreiviertelblut“ in Landsberg), Konzertveranstalter Till Hofmann sowie Fußballer und bekennender Folk-Musik-Fan Mehmet Scholl das Label Millaphon. Und hier schließt sich der Kreis: Balloon-Drummer Haberl kannte Millaphon-Mitgründer Baumann vom gemeinsamen Arbeiten am Rosenmüller-Filmset. Die Band schickte ein Demo, Scholl kam, hörte, nahm sie unter Vertrag. 2016 erschien das zweite Album „Eleven Crooked Things“. Elf „schiefe“ Songs und fünf „schiefe“ Musiker, die bezaubern.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

VR-Siegerin wie Südstaatenlady
VR-Siegerin wie Südstaatenlady
Landsbergs Finanzen sind bald wieder "live"
Landsbergs Finanzen sind bald wieder "live"
Golf brettert Mercedesfahrer ins Bein
Golf brettert Mercedesfahrer ins Bein
Sozialer Wohnungsbau gestemmt
Sozialer Wohnungsbau gestemmt

Kommentare