"Sie spielten in schwarzweiß"

Das Befreiungskonzert in St. Ottilien mit Anne Sophie Mutter

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Anne Sophie Mutter mit dem Symphonie-Orchester der Buchmann-Mehta-School beim ausverkauften Befreiungskonzert am Sonntag in St. Ottilien.

Landsberg – Es die erste Veranstaltung, die von jüdischen Holocaust-Überlebenden selbst organisiert wird. Am 27. Mai 1945 spielen die neun überlebenden Musiker des ehemals 40 Mitglieder zählenden Ghetto-Orchesters von Kaunas im DP-Hospital St. Ottilien. Sie spielen in schwarzweiß, den Uniformen der KZ. Sie spielen ihr ‚Befreiungskonzert‘. „Eine Rückkehr ins Mensch-Sein und in die Menschlichkeit“, formuliert Dr. h.c. Charlotte Knobloch. Sie ist Schirmherrin des Erinnerungs-Konzertes, das vergangenen Sonntag in St. Ottilien stattfand. Mit hochkarätiger Besetzung: Das Symphonie-Orchester der Buchmann-Mehta-School aus Tel Aviv, die Sopranistin Hila Baggio aus Israel und Stargeigerin Anne Sophie Mutter.

Auch US-Soldat Robert L. Hilliard war 1945 dabei. In seinem Buch „Von den Befreiern vergessen“ beschreibt er die Konzertbühne aus „unförmigen Holzbrettern“ mit einem Baldachin aus „ausrangiertem Fallschirmstoff“. Davor „Hunderte spindeldürrer, abgemagerter und ausdrucksloser Gestalten, alle in schwarzweiß.“ Als Dirigent Michael Hofmekler das Konzert beginnt, nennt er es das „Befreiungskonzert.“ Auf dem Programm standen die Nationalhymnen der Alliierten, Grieg, Bizet. Henia Durmashkin sang „I long for home“. Und am Ende erklang die zionistische Hymne „HaTikva“.

Bei dem Konzert, das im Rahmen der AMMERSEErenade in St. Ottilien stattfindet, wird von 1945 nur Griegs ‚Triumphmarsch‘ und ‚Solveigs Lied‘ gespielt. Zudem erklingen Schubert, zwei Lieder des israelischen Komponisten Aharon Harlap und Mozarts Violinkonzert Nr. 5 in A-Dur. Zusammengestellt hat das Programm Dirigent Zubin Mehta, der wegen Krankheit von Zeev Dorman, Mehtas ehemaligen Assistenten im Israel Philharmonic Orchestra, vertreten wird. Das Konzert ist ein Benefizkonzert zugunsten des Projekts 'Artist in Residence' in St. Ottilien: Menschen, die sich in journalistischer, bildhafter oder sonstiger Form mit der Geschichte des Klosters auseinandersetzen werden.

Auch die Mönche tragen Musik bei: Sie eröffnen mit einem gregorianischen Choral. Und beschließen das Programm mit Sopranistin Baggio und dem ‚Avinu malkeinu‘, einem jüdischen Gebet. Kurz vor dem Laubhüttenfest, das am Abend beginnt. Den Termin des Konzertes hatte Zubin Mehta bestimmt, ebenso die Musikstücke.

Zur Aufführung gibt es Grußworte. Im Programm sind die der Kanzlerin und des Außenministers abgedruckt. Live ist die bayerische Staatsministerin Dr. Marion Kiechle da – der Bayerische Kulturfonds hat die Veranstaltung unterstützt. Auch Michelle Müntefering vom Auswärtigen Amt ist anwesend. „Zukunft braucht Erinnerung“, betont sie. „Es scheint mir, dass viele die Lehre, die wir aus der NS-Zeit ziehen sollten, vergessen haben.“ Sie beendet ihre Rede mit dem Wunsch gesegneter Feiertage für die jüdischen Mitbürger. Auf Hebräisch.

Schirmherrin Knobloch erwähnt, ebenso wie Abt Notker Wolf, das nicht gerade reibungslosen Miteinander von Mönchen und DPs in St. Ottilien. Das Kloster wurde 1941 von der Gestapo aufgehoben, die Mönche eingezogen. Nach ihrer Rückkehr fanden sie ein Kloster vor, das kein Kloster war, sondern ein Hospital – und somit nicht ihr Zuhause. Diese Zeit habe das Kloster im Laufe des Jahres mit der LMU aufgearbeitet, erläutert Wolf. Das Konzert sei der „krönende Abschluss“ dieser Untersuchung. Und ebenso wie damals ein Zeichen für Lebensmut und Lebensfreude.

Dieser Lebensmut äußere sich auch in den 418 ‚Ottilien-Babys‘, die bis 1948 im Kloster zur Welt kamen, betont Knobloch: „Sie sind heute in alle Winde zerstreut, aber durch einen gemeinsamen Geburtsort verbunden“. Zwei von ihnen sind beim Konzert dabei, angereist aus Israel. Ebenso ist die Enkeltochter des damaligen medizinischen Leiters Dr. Zalman Grinberg anwesend.

Nur die Erinnerung könne die Hoffnung schaffen, dass sich die Geschichte nicht wiederhole, ist Anne Sophie Mutter überzeugt. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit, mit den jungen Musikern aus Israel gemeinsam aufzutreten. Denn Musik sei die Sprache, die alle Menschen umarme. Eine Aufzeichnung des Konzertes lehnt sie ab. Es gebe Momente, die nicht wiederholbar seien.

Die Musik des Abends ist perfekt. Ebenso die Musiker: Das Orchester und ihr leidenschaftlicher Dirigent Dorman. Sopranistin Baggio mit ihrer starken, klaren Stimme. Und Geigerin Mutter. Die das Violinkonzert mit Tönen beginnt, die singen: Das Streichen des Bogens ist nicht zu hören. Unglaubliche Leichtigkeit, die fasziniert. Im dritten Satz zeigt das ‚türkische Intermezzo‘, wie es sich anhört, wenn sie den Tönen Fleisch gibt. Um gleich danach wieder Musik aus der Luft zu zaubern und sie auch in ihr wieder verschwinden zu lassen. Mozart soll schwer zu spielen sein? Kaum zu glauben, wenn man Mutter hört.

Das Konzert ist bewegend, wie bereits das Landsberger WDCA-Konzert im Rahmen der jüdischen-deutschen Festwoche. Beide sind Brücken zwischen heute und gestern. Die Form ist eher Nebensache. Zum Abschluss spielt Mutter mit dem Orchester Bachs ‚Air‘ im Andenken an alle Opfer des Holocausts. Beim abschließenden Gebet ‚Avinu malkeinu‘ überlässt sie die Bühne den Gästen aus Israel und den Mönchen aus St. Ottilien.

Susanne Greiner

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