Ein besonderer Gast

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Behindertenbeauftragte Verena Bentele (links) mit Elisabeth Stainer von der „Kgl. privil. Feuerschützengesellschaft Dießen a. A. von 1420“.

Dießen - Sie ist die erfolgreichste Behindertensportlerin aller Zeiten. Als Ski­langläuferin und Biathletin war sie Teil der deutschen paralympischen Nationalmannschaft. Seit Januar arbeitet sie als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung: Verena Bentele be­- suchte die Marktgemeinde Dießen.

Stundenlang hätte sie in Dießen bleiben können, meint die wohl prominenteste blinde Frau im Land, die seit Geburt nichts von der Welt gesehen hat, dennoch bereits Locations eroberte, die nur wenigen ganz Mutigen vorbehalten sind. Dazu zählt zum Beispiel die Besteigung des Kilimanjaro. Die Literaturwissenschaftlerin und Pädagogin hatte konkrete Vorstellungen von der Marktgemeinde am Ammersee: Carl Orff möchte sie begegnen und interessanten Zeitgenossen. 

Das weltweit einzige Carl Orff Museum betrat Verena Bentele strahlend. Es gäbe einen Film über das Leben von Carl Orff, der viele Informationen vermittle, meinte Museumsleiterin Rotraut Freytag. „Den möchte ich sehen“, antwortete die blinde Sportlerin, „ich gehe ja auch ins Kino“, lachte sie, als hätte sie die zweifelnden Augen ihrer Fans im Museum gesehen. Zusammen mit Bürgermeister Herbert Kirsch und Begleitern aus verschiedenen Gremien, wie Dießens Sportreferent Volker Bippus und die Behindertenbeauftragte der Marktgemeinde Karin Schartl improvisierten sie einen Song in Stil und Rhythmik von Carl Orffs: „Heute haben wir eine besonderen Gast“ wurde kurzerhand vertont und mit Orff-Instrumenten unterlegt. Binnen fünf Minuten war das Spontan-Konzert perfekt. 

Selbst getestet 

Nächste Station: Gewerkhaus Dießen. In der Sattlerei von Michael Ruoff entstehen individuelle Reithilfen für Menschen mit Handicap. Bentele testete auf einer Sattel-Simulation die Filz- unterlage fürs therapeutische Reiten und bescheinigte dem Produkt hohe Qualität. Auch der eingriffige Haltegurt für die Hippo-Therapie sei besser als der übliche zweigriffige, lobte sie die individuellen Arbeiten des Sattlers. „Ich bin von Kind an geritten“, erzählte die 32-Jährige während ihre Finger die Haltebügel abtasteten und Beine die Sicherungen ausprobierten. Allerdings hätte sie nie Lust auf Reiten in der Halle gehabt, „ich war immer im Gelände, aber nicht mit Ponys“, lachte sie und bezog sich auf den niedrigen Sattelbock. 

Als Behindertenbeauftragte werde sie die Entwicklungen aus Dießen in Berlin vorstellen und dafür werben, dass die hilfreichen Sonderanfertigungen künftig besser bezuschusst würden. Dass Inklusion im Schießsport lange Tradition hätte, betonte Schützenmeister Jakob Stainer, der im Schützengarten am Augustiner Berg beim „Dialog im Wirtshaus“ mit Verena diskutierte. Seit dem Versehrtensport nach dem Zweiten Weltkrieg seien im Bayerischen Sportschützenbund die Sportler mit und ohne Behinderung gleichberechtigt, berichtete der Vorsitzende der „Kgl. privil. Feuerschützengesellschaft Dießen a. A. von 1420“. 

Treffsicherheit 

Jakob Stainer betonte auch die Barrierefreiheit der Schießhalle in Dießen: Die Stände für Luftdruckwaffen könnten gut erreicht werden, allerdings müssten die Feuerwaffen-Schützen über eine Treppe in den Keller. Hier wünsche er sich ein Umdenken in der Förder-Politik. Bisher würden Inklusionsmaßnahmen unterstützt, aber nicht die Hallenumbauten, die dafür notwendig sind. Verena Bentele, die als blinde Biathletin auf Treffsicherheit nach Tönen setzt, kündigte auch hier einem Bericht in Berlin an. 

Es war sicher ein anstrengender Freitag, denn Verena Bentele kam mit der Air Berlin direkt aus der Regierungshauptstadt nach München und eilte dann weiter an den Ammersee. Am Abend fuhr sie mit Koffer, Rucksack und großem Handgepäck, einem Blumenstrauss aus Dießen und einem ammerseeblauen Schal um den Hals mit der Bahn weiter nach Lindau, um das Wochenende bei den Eltern zu verbringen. Und weil’s in Dießen so schön war, erwischte sie den Zug nur, weil er mit zwei Minuten Verspätung in Kaufering einfuhr. Stress pur? Kaum! Dafür sah sie des nächtens immer noch blendend aus. Für Bentele ist der Leistungsdruck eine Herausforderung, „immer ruhig bleiben, aufs Ziel konzentrieren und nicht nachdenken, was sonst noch passiert.“

Beate Bentele

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