Dießener Original ist tot

Dießen trauert um Heini Seelos

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Auf dem Dorfmarkt in Wengen: Heinrich Seelos an der Drehscheibe, davor Hans-Georg mit den typischen Seelos-Töpferwaren.

Dießen – Heinrich „Heini“ Seelos ist eine Kultfigur und steht für das „alte Dießen“. Jenen seinerzeit so extrava­gant-liebenswerten Ammersee-West­ufer-Kurort, der mit seiner Künstlerkolonie über Jahrzehnte für wilde Feste und großes Kunstschaffen sorgte, und wo jede Menge Lebenskunst die kreativen Freigeister aus Nah und Fern angezogen hat. Dieser „Mythos“ lebte von Persönlichkeiten, die auch an den heimischen Stammtischen gern gesehen waren. Einer der letzten dieser besonderen Lebensart hat die Augen für immer geschlossen: Heinrich Seelos (Jahrgang 1937) ist nach längerem Leiden am 28. Januar im Senioren-Landhaus Riederau gestorben.

Der Heini hat auf vielen Hochzeiten getanzt, und hatte Freunde. Viele. Ein ganzes Dorf voll. Erinnern wir uns an seinen Siebzigsten auf der Schatzbergalm – da schossen sie ein gewaltiges Feuerwerk in den nächtlichen Himmel und feierten ungestüm bis ins Morgengrauen. So wie es Heini gefallen hat, der stets für innere Werte, für große Freiheit – und die Kunst stand. Dazu gehörten auch die legendären Ponys der Kunsttöpfer-Familie Seelos-Rottka, an die sich in Dießen viele Menschen erinnern. Drei waren es, wobei Pony Nummer 2 einen besonderen Stellenwert genoss. Sogar der Familienbus ist eigens umgebaut worden, damit Pony bequem einsteigen und mit in den Urlaub fahren konnte. Ansonsten hat es neben der „Mam“ auch gerne auf dem Sofa gesessen.

Heinrich Seelos †

Eine liebenswerte, fantastische Welt, in der musiziert und zum Tanz aufgespielt wurde, wo mit fröhlichem Herzen jedem, der Hilfe oder Unterstützung gebraucht hat, geholfen wurde – und wo die einzigartigen Töpferwaren in Unterglasurtechnik hergestellt worden sind. Sie füllten früher regelmäßig den Holz­ofen aus dem Jahr 1923. Der war so groß, dass die Werkstatt um ihn herum gebaut wurde – und die Seelos-Töpferwaren haben auch über die Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst, ADK, und über den Pavillon am See ihren Weg in die Welt der Keramikfreunde und -sammler angetreten.

So nimmt auch die ADK, voller Trauer aber auch Dankbarkeit Abschied von einem ihrer ältesten und treuesten Mitglieder Heinrich Seelos. Vorsitzender Wolfgang Lösche erinnert, wie Heini Seelos zusammen mit seinem Bruder Hans-Georg die elterliche Kunstkeramikwerkstatt in der Buzalle über Jahrzehnte weiterführte. Im Stil waren sie der seit den 1920-er Jahren bekannten Seelos-Keramik treu geblieben. Gefäße, hauptsächlich Teller, Dosen und Krüge wurden auf einem hellbrennenden Scherben in Unterglasurmalerei mit schwungvollen floralen Motiven dekoriert, wie sie schon von den Eltern Hans Seelos und Jutta Seelos-Rottka weit über Dießen hinaus bekannt gemacht wurden. Seelos-Keramik war auch im Pavillon des Dießener Kunsthandwerks über Jahrzehnte ein Klassiker und typisch für die Dießener Keramik des 20. Jahrhunderts.

Wolfgang Lösche: „Für die Gemeinschaft der ADK war Heini Seelos stets ein engagierter Freund. Hilfsbereit, freundlich und immer positiv gestimmt, wenn es darum ging, mitzuhelfen. Seine Freude an der Musik hat er auch bei den Sommerfesten der Dießener Kunsthandwerker spontan und voller Liebe eingebracht. Mit der Ukulele als ständigem Begleiter wird er uns fehlen, aber er wird nie vergessen.“

Kino und Keramik

Eine große Sympathie verband den Keramiker mit dem Kino. Schon die Eltern hätten eine Leidenschaft fürs Cinema gehabt, die schließlich auch ihn verzauberte. Anfangs wollte er nur für einen Freund als Aushilfsfilmvorführer im Capitol (heute Kinowelt) die Filmrollen einlegen. Das war 1961. So kam es, dass der Töpfer tagsüber töpferte und abends Kino vorführte. 1967 wurde das Capitol zugesperrt und für Heini begann ein neuer Anfang: Das Augustinum Ammersee eröffnete 1968 und übernahm die Capitol-Projektoren als Grundausstattung fürs Kino im Stiftstheater.

40 Jahre lang legte er die Filmrollen in die Überblend-Projektoren ein. Als 1997 die Dießener Filmtage im Augustinum gestartet sind, hat er bis 2012 Jahr für Jahr auch noch die Filmtage „vorgeführt“. 2012 zog die digitale Technik ein und Heini zog sich aus der Vorführkabine zurück – aber nicht aus dem Künstlerleben. Man traf ihn nach wie vor bei jeder Ausstellung, bei jedem größeren Event – bis ihn die Kräfte langsam verließen. Ende 2015 zog er vom Töpferhaus an der Buzallee zu seinem jüngeren Bruder Hans-Georg in die Rotter Straße, ab März vergangenen Jahres wurde er im Senioren-Landhaus Riederau betreut, pendelte aber immer wieder zwischen Krankenhaus in Herrsching und Reha nahe Berchtesgaden.

Was in Dießen und der Region sichtbar und erlebbar ist, sind die speziellen Töpferwaren in Unterglasurmalerei mit ausgeprägtem Craquelé. Keramik bleibt – wie auch die Erinnerung an die Töpferpersönlichkeit Heinrich Seelos.

Beate Bentele

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