„Die Stadt ist mein Wohnzimmer“

Benedikt Trenker, der Mann für Landsbergs Straßen

Straßenkehrer Benedikt Trenker
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Benedikt Trenker hält die Straßen in Landsberg sauber.

Landsberg – „Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig“, sagt der Straßenkehrer Beppo in Michael Endes Roman „Momo“. Eine Beschreibung, die zu Benedikt Trenker passen könnte. „Ich bin mein eigener Herr“, sagt der Mann, der Landsbergs Straßen sauber hält.

Seit 2007 gehört Benedikt Trenker zum Stadtbild wie Mutterturm, Rathaus oder Bayertor. Mit seiner orangen Kluft, dem markanten Hut oder der Mütze im Winter, seinem Besen und der Schubkarre fegt er von früh bis spät die Straßen zwischen den beiden Brücken in Landsberg. Bei jedem Wind und Wetter, ob es stürmt oder schneit – Trenker würde erst aufhören „wenn es Dachziegel regnet“, wie er grinsend versichert.

Der 58-Jährige wurde in Landsberg geboren, ging dort zur Schule und nach einigen beruflichen Experimenten heuerte er 1989 beim Forstamt an. Zehn Jahre lang wohnte er der Liebe wegen in Utting und pendelte in aller Herrgottsfrühe und Abends. Sein Sohn wurde geboren, es waren glückliche Zeiten am Ammersee. Dann ging die Beziehung in die Brüche, er musste aus gesundheitlichen Gründen das Forstamt verlassen und war anschließend eine Dekade lang für die Friedhöfe in Landsberg zuständig. Seit 2003 wohnt er nun wieder in der Lechstadt und arbeitet für den Bauhof.

Im Sommer klingelt der Wecker um 5 Uhr, im Winter eine Stunde später. Zunächst geht er in sein ‚Büro‘ und Lager in der Lechstraße, kocht sich einen Kaffee und legt die Tagesroute fest. Er ist mehr oder weniger sein eigener Herr und das schätzt er an seinem Job. Niemand quatscht ihm rein, niemand ruft Anweisungen. „Ich bin praktisch meine eigene Firma“, sagt er lachend, „ich weiß, was Sache ist. Nun hat zum Beispiel die Eisdiele am Lech zu, dann fallen diese Becher schon mal weg. Ich habe hier meinen Kalender und da trage ich jeden Tag ein, was ich gemacht habe und wo ich war. Ich habe die ganze Stadt im Blick, die ist mein Wohnzimmer.“

Nur, wenn mal wieder eine Taube gegen ein Schaufenster gekracht ist, muss er seine Routine unterbrechen und zu diesem ‚Notfall‘ eilen. Ansonsten hat er es im Gefühl, wo sein Besen gebraucht wird und wo die Menschen „mal wieder zu ungeschickt waren, ihren Unrat in die Mülleimer werfen“, wie er kopfschüttelnd berichtet. Zu seinen Aufgaben zählen: Straßen fegen, Mülleimer leeren (alleine am Hauptplatz sind es zwölf), Laub saugen und ins Depot bringen, Streuen und Schneeschippen beim Winterdienst sowie Wasserrinnen und Gullis reinigen. „Außerdem rupfe ich noch jede Menge Unkraut. Moment! Unkraut gibt es nicht mehr! Das heißt heute Beikraut, denn es ist ja alles genießbar. Habe ich mir sagen lassen“, erzählt Trenker mit ansteckender Heiterkeit.

Schaufeln, Besen, Harken, Laubsauger, Schubkarre und Abfallwagen sind seine Arbeitsgeräte. 15 Kilometer macht er durchschnittlich am Tag und trägt dabei feste Sicherheitsschuhe, die ziemlich genau ein Jahr halten, dann braucht er neue. „Es gibt nichts, was wir nicht haben. Die Stadt versorgt uns gut. Auch mit der passenden Kleidung für Sommer und Winter“, sagt der Straßenfeger und wirkt rundum zufrieden. Vier weitere Kollegen gibt es in der Stadt, aber er möchte seinen Bereich auf keinen Fall tauschen.

Benedikt Trenker bei der Arbeit

Trenker liebt seine Arbeit und lässt sich auch von den dummen Kommentaren, die es gelegentlich gibt, nicht aus der Ruhe bringen. Früher hätte es auch mal eine Semmel oder einen Kaffee von freundlichen Mitbürgern gegeben, aber das käme kaum noch vor, die meisten seien weggestorben, berichtet Trenker. Allerdings sei immer Zeit für einen kurzen Plausch. Und für Touristen ist er ohnehin das „Informationsbüro“.

Reichtümer habe er auf seinen Touren noch nicht gefunden. Nur mal ein paar Cent hier und da. Durch die Corona-Pandemie hat sich allerdings auch der Müll auf den Straßen geändert: viel mehr „to go“. Schachteln, Becher und Kartons liegen herum und wollen entsorgt werden.

Wenn er nach anstrengenden Tagen in die eigenen vier Wände kommt, wartet dort auch wieder eine Lebensgefährtin. Gemeinsam richten sie die Wohnung ein oder räumen den Keller auf. Aber meistens hat er abends noch eine ganz andere Aufgabe, denn Benedikt Trenker versorgt sogar noch viele Haushalte mit Wochenzeitungen.

Der Mann scheint unermüdlich und voller Energie. Die Stadt kann sich hoffentlich noch viele Jahre glücklich schätzen, dass er über die Straßen und Plätze wacht. Wie schon Michael Ende in „Momo“ schrieb: „Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.“
Dietrich Limper

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