Zwei Oboen und ein Englischhorn

+
Dominik Wollenweber am Englischhorn (Mitte) überragte seine zwei Kollegen Christoph Hartmann (rechts) und Lucas Maria Navarro nur körperlich: Qualitativ überzeugten alle drei Musiker die Zuhörer mit ihrem perfekten Spiel.

Landsberg – Der Festsaal im Historischen Rathaus am Sonntagabend war fast ausverkauft – kein Wunder, denn mit dem Landsberger Oboisten Christoph Hartmann hatten sich die Rathauskonzerte einen Lokalmatador eingeladen. Er kam gemeinsam mit seinem Kollegen von den Berliner Philharmonikern Dominik Wollenweber am Englischhorn und dem spanischen Solo-Oboisten des Concertgebouw Orchesters Amsterdam Lucas Maria Navarro: Zusammen sind sie das Berliner Oboentrio. Die drei Ausnahmemusiker lernten sich schon früh in Berlin kennen und sind seither auch privat befreundet.

Das Programm versprach Abwechslung und Überraschungen. Schon der erste Komponist war vielen Besuchern unbekannt: Der Österreicher Franz Josef Moser, der bis 1939 lebte. Sein Trio in C-Dur begann in ganz barocker Tradition: Das hätte auch Händel sein können. Erst im dritten Satz tauchten fremde Harmonien auf. Dunkle Modulationen der Melodie nach Moll und wieder zurück in eine andere Durtonart ließen erkennen, dass diese Musik doch eher im 20. Jahrhundert zu verorten ist.

Bach gab es auch – aber nicht Johann Sebastian, sondern den Sohn Wilhelm Friedemann. Die Sonate in Es-Dur bot Hartmann und Navarro die Möglichkeit, ihre Spielfertigkeit zu zeigen: Denn wie der Vater so der Sohn komponierte auch Wilhelm Friedemann in Fuge, Umkehrung und mit vielen fingerfertigen Läufen. Die Musik des 1965 geborenen Dirk-Michael Kirsch ließ aufhorchen. Seine „Meeresbilder“, die mit Titeln wie „Frühlingsfest am Segelhafen“ akustische Visionen malten, erinnerten an Minimal Music: Melodien, gespielt vom Englischhorn, schwebten über gleichmäßigen Tonfolgen der Oboen.

Doch schon im zweiten Stück bröckelte die Harmonie: Bei „Stürmischer Tag“ hörte man deutlich die unruhige See. Das Finale machte einen Ausflug nach Irland: Englischhorn und Oboe imitierten Dudelsackgrundtöne, auf denen die zweite Oboe die Melodie spielte – ein Lied, das vom synkopisch gegenspielenden Englischhorn gebrochen wurde. Was sich so einfach anhörte, war technisch eine absolute Herausforderung, die die drei Musiker mit Bravour meisterten. Eine weitere Überraschung war Karlheinz Stockhausens „Opus 46 2/3, In Freundschaft“ für Solo-Englischhorn.

Wollenweber gab eine kurze Einführung: „Das Stück hat eine Choreographie. Die tiefen Töne sollen nach links, die mittleren nach vorne und die hohen nach rechts gespielt werden.“ Das räumliche Versetzen der Töne soll den Gedankenaustausch der Freunde darstellen – „aber man muss das auch nicht gar so ernst nehmen“, riet Wollenweber. Am Anfang wiederholten sich zwei Töne immer schneller, ein anfahrender Zug. Und dann begann Wollenwebers Musikgymnastik: Seine durch den Körpereinsatz schweißtreibende Darbietung erzeugte beim Publikum Schmunzeln, aber auch große Anerkennung seiner Musikalität und technischen Fähigkeiten.

Mit Hans Hadamowsky stand ein weiterer eher unbekannter Komponist auf dem Programm. Allerdings nicht für Oboisten, denn die Kompositionen des 1995 gestorbenen Englischhorn-Solisten der Wiener Philharmoniker sind für sie ein Muss. Das Berliner Oboentrio spielte „Variationen über ein Volkslied“. Was ganz lyrisch begann, veränderte sich in jeder Variation so stark, dass man fast glaubte, immer andere Komponisten zu hören. Die Variationen wurden auch mittags beim Kinderkonzert gespielt, das Kulturbürgermeister Axel Flörke ansprechend gestaltete.

Ob er denn als Kind viel geübt habe, wollte Flörke von Navarro wissen: „Nein, gar nicht“, war dessen eher unpädagogische Antwort. Den Kindern gefiel diese Antwort hingegen sehr gut. Hier erfuhren die Zuhörer von Wollenweber auch, was es mit dem Englischhorn auf sich hat: „Früher war das Instrument gebogen und hatte einen Metalltrichter wie ein Horn – auf Französisch „cor anglé“, winkliges Horn. Und das „anglé“ wurde irgendwann zu „anglais“, also englisch.“

Das abendliche Konzert schloss mit Beethovens anspruchsvollem Trio in C-Dur, das auch im Original für zwei Oboen und Englischhorn komponiert ist. Diese eher seltene Besetzung war eine Auftragsarbeit von den Gebrüdern Teimer: Drei Musiker, die 1793 ihre Wiener Zuhörer in dieser Besetzung überraschten und begeisterten – genau das, was dem Berliner Oboentrio in Landsberg auch gelang. Langer Applaus belohnte die Musiker und holte sie mehrmals auf die Bühne zurück. Eine Zugabe gab’s leider nicht: Aber nach zwei Stunden exzellenter und hochkonzentriert dargebrachter Musik ist das absolut verständlich.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Landsbergs Finanzen sind bald wieder "live"
Landsbergs Finanzen sind bald wieder "live"
Golf brettert Mercedesfahrer ins Bein
Golf brettert Mercedesfahrer ins Bein
Gabriele Uitz kandidiert als Bürgermeisterin
Gabriele Uitz kandidiert als Bürgermeisterin
634 neue Hirschvogel-Parkplätze
634 neue Hirschvogel-Parkplätze

Kommentare