Dem Schlüssel "ausgeliefert"

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Standen Rede und Antwort zur Asylunterkunft in Greifenberg: Ralf Müller, Geschäftsstellenleiter der Verwaltungsgemeinschaft Schondorf, Bürgermeister Johann Albrecht, Landrat Thomas Eichinger, Asylsozialberaterin Michaela Zeilmeir und Andreas Schwan vom Sachgebiet Asyl im Landratsamt (von links). Im kleinen Bild der „Gasthof zur Post“.

Greifenberg – Die offizielle Entscheidung ist gefallen: Einstimmig bewilligte der Greifenberger Gemeinderat die Nutzungsänderung des Traditionswirtshauses „Zur Post“ als Asylunterkunft. In den nächsten Wochen, nach Abschluss der Umbauarbeiten, werden 56 Flüchtlinge aus Eritrea, vorwiegend junge Männer, in die ehemalige Gaststätte einziehen, die seit Sommer dieses Jahres geschlossen ist. Damit stirbt endgültig eine Institution, die bereits 1814 in den Büchern als „Wirtshof und Tafernwirtschaft“ urkundlich erwähnt wurde.

Bei einer Informationsveranstaltung letzte Woche wurde noch bemängelt, dass Information und Einbeziehung der Bürger eine Augenwischerei sei und die Entscheidung wohl längst gefallen ist, da die Trockenbauarbeiten in der „Post“ bereits im Gange sind, wie die Container und Baufahrzeuge vor dem Hause bewiesen. „Falsch“, konterte Landrat Thomas Eichinger. „Wir haben noch keinen Mietvertrag, da der Gemeinderat die Nutzungsänderung erst genehmigen muss“. Da dieser Schritt jetzt erfolgt ist, müssen sich die Greifenberger auf ihre neuen Mitbewohner einstellen. Laut Quote sollten es nur 37 Asylanten sein, aber angesichts der nicht versiegenden Flüchtlingsströme habe das Landratsamt die Zahl auf 56 festgelegt. Zumal Greifenberg eine der wenigen Gemeinden im Landkreis sei, wo bislang noch keine Flüchtlinge untergebracht wurden.

Bürgermeister Johann Albrecht nahm’s mit Humor und einem Zitat von Karl Valentin: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist.“ Wie groß das Interesse der Greifenberger an diesem Thema ist, bewies der Andrang bei der Bürgerversammlung im Sportheim. Über 400 Gäste lauschten den Ausführungen von Landrat Thomas Eichinger, der unermüdlich durch den Landkreis tingelt und für Aufnahme und Hilfsbereitschaft wirbt. Nun also war Greifenberg an der Reihe. Bei seinem Amtsantritt im letzten Jahr seien es nur 200 Asylbewerber in Landsberg gewesen, jetzt habe sich die Lage dramatisch zugespitzt und bis Jahresende gelte es, 1.850 Flüchtlinge unterzubringen: „Wir sind der politischen Großwetterlage ausgeliefert, die Zuweisung erfolgt nach dem Königsteiner Schlüssel.“

Seine Stabsstelle im Landratsamt sei unermüdlich auf der Suche nach neuen Unterkünften. Besonders schwierig erweise sich die Suche nach dauerhaftem Wohnraum, wenn der Asylantrag positiv beschieden werde. Bundesweit werden übrigens laut Städtetag bis Jahresende 370.000 Wohnungen für Flüchtlinge fehlen. Michaela Zeilmeir, Dipl.-Sozialpädagogin und Leiterin der Asylsozialberatung des Roten Kreuzes für das Gebiet Ammersee-West, bedauerte, dass hier nur fünf Betreuer vom Roten Kreuz und ein Betreuer von der Diakonie für die Belange der Flüchtlinge zuständig seien: „Wir sind an der Belastungsgrenze und ohne die tatkräftige Hilfe der vielen Ehrenamtlichen würden wir das nicht schaffen!“ Sie hoffe sehr auf Solidarität der Greifenberger, wo sich bereits ehrenamtliche Bürger formieren, die helfen möchten. Auch freue sich Zeilmeir, dass die örtlichen Sportvereine die neuen Mitbürger integrieren wollen. In der „Post“ selbst werde ein sog. Kümmerer, ein hauptberuflicher besserer Hausmeister, nur stundenweise für die Flüchtlinge da sein, da er mehrere Unterkünfte zu betreuen hat.

Die Fragen der Greifenberger in der Diskussionsrunde waren nahezu identisch mit denen in den anderen Gemeinden: „Wie verpflegen sich die Flüchtlinge?“, „Wie läuft die ärztliche Versorgung?“, „Wer bringt den Asylanten Deutsch bei und erklärt unsere Gesetze, Verkehrsregeln, Mülltrennung?“, „Sind die Flüchtlinge versichert, wenn sie einen Schaden anrichten?“ usw. Die Antworten der Landrats- und Gemeindevertreter fielen zum Großteil zufriedenstellend aus, wenngleich auch einige Fragezeichen blieben. Spezielle Greifenberger Themen standen aber im Mittelpunkt der Runde. So wurde nachts ein Security-Dienst angeregt, da die Polizei aus Dießen zu lange brauche, wenn es Probleme gibt. Um den Saal im „Gasthof zur Post“ wurde bitterlich gekämpft. Man solle ihn doch als Begegnungsstätte mit den Helferkreisen und örtlichen Vereinen sowie für Deutschunterricht etc. erhalten. „Geht leider nicht“, so der Landrat. „Wir brauchen jeden Quadratmeter für die Unterbringung.“

Der Vorschlag einer Containeranlage auf der grünen Wiese wurde ebenfalls abgelehnt bzw. vertagt, da die Fertigstellung und Erschließung mindestens sechs Monate dauere. Bürgermeister Johann Albrecht zeigte sich abschließend zuversichtlich, die baldige Integration der Eritreer dank der neuen Ehrenamtlichen zu schaffen, die sich in Listen eingetragen haben und jetzt formieren: „Wir wollen ein verträgliches Miteinander – das schaffen wir!“

Dieter Roettig

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