"Unter aller Kanone"

Landsberg – Er fuhr ohne Führerschein mit einem Auto ohne Versicherungsschutz. Dabei passierte ein schwerer Unfall, der den 17-jährigen Fahrer aus dem südlichen Landkreis um ein Haar ins Gefängnis gebracht hätte. Mit im Wagen saßen ein heute 19-jähriger Kumpel und eine Bekannte, alle drei hatten getrunken.

Die junge Frau leidet noch immer unter den Unfallfolgen. Der Fall wurde vergangene Woche vor dem Jugendschöffengericht Landsberg verhandelt.

Spätnachts im September letzten Jahres stiegen die drei in das Auto des Angeklagten, um die 21-jährige nach Hause zu fahren. Sie glaubte, der 17-Jährige sei im Besitz einer Fahrerlaubnis – er hatte sich ihr gegenüber ein Jahr älter gemacht. Auf der Rückbank saß der 19-Jährige, der den Fahrer unterwegs mehrfach zu höherem Tempo anstachelte. Auf dem Weg nach Waal, wo die junge Frau wohnte, kam das Auto bei Unterdießen mit stark überhöhter Geschwindigkeit von der Kreisstraße LL16 ab und überschlug sich mehrfach. 

Unter Tränen schilderte die junge Frau vor Gericht, wie sie schwer verletzt aus dem Auto gekrochen sei, blutend aus Schnitt- und Platzwunden, mit einem Schädelhirntraum, einer Knieverletzung und einem Lungenriss. „Ich habe kaum Luft bekommen.“ Den Mann auf der Rückbank hatte es weniger schlimm erwischt. Er lief einfach weg, ohne sich um die 21-Jährige zu kümmern oder Hilfe zu holen. Deshalb saß auch er auf der Anklagebank – wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Fahrer trug ebenfalls erhebliche Verletzungen davon, hatte aber zunächst nur eine Sorge: Es sollte nicht herauskommen, dass er am Steuer gesessen hatte. Vor der Polizei behauptete er, sein Kumpel sei gefahren. Die 21-Jährige bat er per SMS, ihn nicht zu verraten. Wenige Tage später schickte er aber noch aus dem Krankenhaus ein Schuldeingeständnis. 

Die Angst des 17-Jährigen vor einer Haftstrafe war groß und berechtigt. Er stand zum Zeitpunkt des Unfalls unter Bewährung, weil er mit Rauschgift gehandelt hatte. Außerdem war er bereits einmal ohne Führerschein erwischt worden. Autos seien schon immer sein Hobby gewesen, sagte er vor Gericht. Den Unfallwagen, einen BMW, hatte er selbst aus Teilen alter Fahrzeuge hergerichtet und war damit schon ein paar Mal auf Feldwegen gefahren. Um nicht aufzufallen, hatte er ein ungültiges Kennzeichen an den Wagen geschraubt. So kam gleich eine ganze Liste von Straftaten zusammen: fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, Urkundenfälschung, Fahren ohne Fahrerlaubnis und ohne Ver- sicherungsschutz. Letzteres kommt den 17-Jährigen jetzt besonders teuer zu stehen. Die 21-Jährige kann seit dem Unfall nicht mehr in ihrem Beruf als Altenpflegehelferin arbeiten, weil sie einen dauerhaften Schaden am Knie davongetragen hat. 

18 000 Euro sind bereits an Kosten aufgelaufen, die der Unfallfahrer wird abstottern müssen. Dass er mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davonkam, verdankt er dem Jugendstrafrecht, das mehr auf Erziehung setzt als auf Sanktion. Der 17-Jährige absolviert erfolgreich eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker und hat eine Drogentherapie angetreten. Seine Bewährungshelferin, eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe und eine Mitarbeiterin der Drogenberatung sagten übereinstimmend aus, dass er mittlerweile gut mitarbeite und Einsicht zeige. „Wären Sie ein Erwachsener, bräuchten wir über Bewährung nicht mehr zu reden“, so der Vorsitzende Richter Alexander Kessler zu dem 17-Jährigen. „Haarscharf wie's haarschärfer nicht mehr geht“ sei der Angeklagte dem Gefängnis entgangen. 

Wäre es nach Staatsanwältin Kerstin Schrom gegangen, hätte er zwei Jahre und drei Monate absitzen müssen. Als Warnschuss verhängte das Gericht drei Wochen Dauerarrest. Außerdem muss der 17-Jährige 80 Sozialstunden leisten und die Drogentherapie erfolgreich zu Ende bringen. Ebenfalls zu Dauerarrest und Sozialstunden wurde der 19-Jährige Mitangeklagte verurteilt. „Ihr Verhalten war unter aller Kanone“, so Richter Alexander Kessler.

Ulrike Osman

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