Gestern im Landsberger Stadttheater

Wenn Musik die Herzen öffnet

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So bewegend wie vor 70 Jahren: Der israelische Pianist Guy Mintus mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter Dirigent Mark Mast mit Gershwins „Rhapsody in Blue “.

Landsberg – Der tiefe Triller der Klarinette und das aufsteigende Glissando – ein welt­berühmter Anfang: George Gershwins „Rhapsody in Blue“ brachte 1924 in New York das Publikum zum Toben. Gestern Abend schrieb das Stück wieder Geschichte: mit dem israelischen Pianisten Guy Mintus und dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie. In kleiner Besetzung und mit Akkordeon, die gleiche Instrumentierung wie vor 70 Jahren: Als Leonard Bernstein am 10. Mai 1948, das jüdische 5708, mit dem DP-Orchester Gershwins Komposition in Landsberg für die Überlebenden des Holocaust intonierte.

Momente solcher Intensität sind selten. Dass dieses Gedenkkonzert dazugehört, ist zwei Aspekten zu verdanken: einerseits dem Ausnahmetalent des gerade mal 26-jährigen Mintus, der dem lebensbejahenden Stück durch federleichte Improvisationen noch mehr Freiheit gab. Und andererseits durch die Bedeutung dieses Konzertes vor 70 Jahren: Musik eines jüdischen Komponisten, dirigiert und am Flügel begleitet von dem damals 29-jährigen Juden Leonard Bernstein, gespielt für die jüdischen Überlebenden des Holocaust. Bernstein hatte die Rhapsody eine „amerikanische Musik“ genannt. Etwas Eigenständiges, das Ethnie und sonstige Unterschiede vergessen lassen sollte. Am Ende der Landsberger Aufführung sprangen die Zuhörer jubelnd von ihren Plätzen. Dirigent Mark Mast umarmte Mintus. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sagte, so etwas habe sie noch nie erlebt. „Guy Mintus ist ein Genie.“ Und Professor Jan Müller-Wieland von der Münchener Hochschule für Theater und Musik zitierte Mann: „Landsberg hat geleuchtet.“

Abe Gurko (2. v. links), Vivian Reisman, Rita Gurko Lerner uns Sonia Beker (3., 4. und 5. von links), Nichten und Neffen des Komponisten Wolf Durmashkin, übergaben die Preise. Die Preisträger sind Otto Wanke (links), Rose Miranda Hall (rechts) und Bracha Bdil (2. von rechts).

Das Konzert war der Höhepunkt des erstmalig ausgeschriebenen Wolf Durmashkin Composition Award (WDCA). Namensgeber ist Komponist Wolf Durmashkin, der 1944 im KZ Koogla (Estland) ermordet wurde. Als Schirmherr der Veranstaltung fungierte Abba Naor, Sprecher des Internationalen Dachau-Komitees und selbst Insasse des DP-Lagers Landsberg/Kaufering. Initiiert und organisiert wurde der WDCA vom Landsberger Kulturverein „dieKunstBauStelle“ unter Leitung von Wolfgang Hauck und von der Journalistin Karla Schönebeck. Die war vor mehreren Jahren bei der Recherche zur NS-Zeit in Landsberg auf eine Erwähnung gestoßen. Dass Bernstein 1948 das DP-Orchester aus St. Ottilien dirigiert hatte. Stattgefunden habe das sehr wahrscheinlich im ehemaligen Gebäude des AKE-Kindergartens, sagt Schönebeck. Zum Konzert und der Preisverleihung am Tag zuvor waren Gäste aus der ganzen Welt angereist. Unter anderem die Nachkommen der Überlebenden des DP-Orchesters: Sonia Beker, Tochter von Durmashkins Schwester Fania, die damals Klavier spielte, oder Vivian Reisman, Rita Gurko Lerner und Abe Gurko, Kinder von Durmashkins Schwester Henia, Sängerin im DP-Orchester. Auch Michael Bernstein, Neffe des Dirigenten, war anwesend und erzählte von seinem Onkel „Lenny“.

Weitere musikalische Höhepunkte waren die jiddischen Lieder, bei denen Mintus den in Jerusalem geborenen Tenor und Kantor Yoéd Sorek begleitete. Das „Nimmer schweigen“, zu dem alle Anwesenden aufstanden und mitsangen. Auch das „Kol Nidrai“ von Max Bruch, das Cellistin Janet Horvath, Tochter eines der DP-Orchestermitglieder, mit großer Intensität spielte. Und schließlich Mintus selbst komponiertes „Of Music & Meaning“, seine Hommage an Leonard Bernstein mit Bernstein-Zitaten wie „Somewhere“ aus „West Side Story“. Dass das damalige Konzert weltweite Kreise zog, zeigte der Kurzfilm „Mr. Bernstein“ (2016) der Neuseeländerin Deb Filler: Ihr Vater, ein Bäcker, war 1948 unter den Zuhörern. Und erzählte seiner Tochter von der unglaublichen Bedeutung, die dieses Konzert für ihn hatte: Wenn Bernstein diese Musik in dieser Situation spielen könne, so habe er die Chance, ein neues Leben zu beginnen.

In Landsberg zu sehen: Der Originalflügel aus dem DP-Lager.

Auch die drei Siegerkompositionen des WDCA wurden uraufgeführt. „Vergiss, wer du bist“ des Österreichers Otto Wanke, ein mit Streichern und Akkordeon begleitetes Lied, das Sopranistin Luise Höcker vorstellte, gewann den 3. Platz. Den zweiten Platz belegte „Mein Schatten“ der Engländerin Rose Miranda Hall, ein vertontes Gedicht des 17-jährigen Nevio Vitelli, verfasst im Dachauer Konzentrationslager. Dessen erste Worte: „Mama, ich kehre nicht zurück, Gott hat es mir gesagt.“ Den ersten Platz belegte „Hayom“ („Heute“), komponiert von der Israelin Bracha Bdil. Deren Professor Alexander Tamir als Elfjähriger selbst im Ghetto von Wilna war. Und einen Preis für die Komposition des berühmten Liedes „Ponar“, auf jiddisch „Sthillar, Sthillar“, erhalten hatte. Sie widmete ihr Stück ihrem Mentor und dem Erinnern.

Alle drei Kompositionen zum Thema Holocaust sind modern und nicht leicht zu verstehen. Eingang ins Herz finden sie dennoch, insbesondere die Siegerkomposition, die Sorek mit sparsamer Hornbegleitung darbrachte. Ein Aspekt bei der Auswahl der siebenköpfigen Jury ist zu betonen: Name und Herkunft der Komponisten waren anonymisiert. Dass eine Israelin den ersten Platz einnimmt, ist somit so etwas wie „Zufall“. Und dass Jessica Kettle, Praktikantin der Kunstbaustelle, die zweite Gewinnerin Hall aus gemeinsam besuchten Seminaren in New York kennt, ist einer der vielen Kreise, der sich beim WDCA in Landsberg schloss.

Susanne Greiner

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