Bluttat vor Dießener Therapiezentrum

„Es war ein kaltblütiger Racheakt“, ist sich Dr. Helmut Waldmann sicher. Der Leiter des Therapiezentrums Bischofsried fand am Freitagmorgen drei seiner Patienten blutüberströmt vor dem Haus – niedergestochen von dem drogensüchtigen Münchner Igor K., der nach stundenlanger Flucht von der Polizei geschnappt wurde. Rund 60 Polizisten hatten intensiv nach dem Täter gefahndet. Aus der Bevölkerung kamen zahlreiche Hinweise.

Zur Tat: In dem abgelegenen Therapiezentrum des Bayerischen Roten Kreuzes am Ammersee lassen sich laut Waldmann zum größten Teil heroinabhängige Menschen behandeln. Auch der 25-jährige Igor K. und seine 29-jährige Freundin hingen schon länger an der Nadel. Vor zwei Monaten beschloss das Paar, einen Schlussstrich unter seine Drogenkarriere zu setzen und zog in das BRK-Therapiezentrum am Ammersee ein. Was sich dort in dem Zimmer der beiden abspielte, kann die Leitung nur vermuten. „Wir hatten den Verdacht, dass er seine Freundin misshandelt“, sagt Waldmann. So habe die 29-Jährige mehrmals nach Eis verlangt, um ihre Wange zu kühlen - unter dem Vorwand sie habe Zahnschmerzen. Am vergangenen Donnerstag konnte die 29-Jährige die Misshandlungen offensichtlich nicht mehr ertragen und vertraute sich der Heimleitung an. Laut Waldmann gibt es in dem Therapiezentrum eine eiserne Regel: Wer gewalttätig wird, fliegt raus. Um einen Eklat zu vermeiden, ging der 72-jährige Psychiater persönlich mit der Frau zum Segeln auf dem Ammersee. Man habe Angst gehabt, dass sie ihre Therapie abbricht und gemeinsam mit ihrem Peiniger zurück nach München fährt. Ein Mitarbeiter brachte Igor K. derweil zum S-Bahnhof nach Herrsching, kaufte ihm ein Ticket und schickte ihn nach Hause. Blutige Attacke Seine Freundin wurde in der Nacht in ein anderes Zimmer verlegt. Die Polizei fuhr laut Waldmann Streife und zwei Mitpatienten wurden angehalten, auf die Frau zu achten. Dennoch schaffte es Igor K., seiner Freundin am Freitagmorgen aufzulauern. Als die 29-Jährige am Morgen vor sieben Uhr das Haus verließ, um im Nachbargebäude Kaffee zu holen, stürzte sich der Mann auf sie und wollte sie mit Gewalt zwingen mitzukommen. Als die zu ihrem Schutz abgestellten Mitpatienten – ein 23-jähriger Mann und eine 25-jährige Frau – eingreifen wollten, bedrohte der Täter zuerst seine Freundin mit der Waffe und stach dann auf sie und ihre beiden Helfer ein. Als schließlich Waldmann aus seiner Wohnung zum Tatort geeilt war, hatte der 25-Jährige bereits die Flucht ergriffen. Alle drei Opfer wurden nach Weilheim ins Krankenhaus gebracht. Laut Polizei erlitten sie Stichverletzungen unterschiedlicher Anzahl und Tiefe im Schulter- und im Rückenbereich. Die schwerste Verletzung erlitt der 23-Jährige, der zudem einen Schock erlitt. Lebensgefahr bestehe aber nicht, die 25-jährige Helferin konnte nach Auskunft der Beamten das Krankenhaus bereits am Freitag wieder verlassen. Auf der Flucht Die Region rund um den Ammersee konzentrierte sich unterdessen auf die Suche nach dem Täter. Die umliegenden Polizeiinspektionen erhielten Unterstützung von zivilen Fahndungskräften, einem Polizeihubschrauber und Suchhundestaffeln. An Straßensperren warnten die Polizisten Autofahrer davor, Anhalter mitzunehmen. Die Bevölkerung wurde über Radiodurchsagen vor dem Täter gewarnt, die Dießener Volksschule bat die Eltern, ihre Kinder persönlich abzuholen. Derweil hatte sich Igor K. bis nach München durchgeschlagen: Um 16.12 Uhr erfolgte der Zugriff. Die Kripo Fürstenfeldbruck war auf den Täter aufmerksam geworden. Ein Sondereinsatzkommando nahm den Mann widerstandslos im Alten Botanischen Garten in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs fest. Igor K. war laut Polizei stark alkoholisiert, die Tatwaffe hatte er nicht bei sich. Die genaue Fluchtroute gab die Polizei bislang nicht bekannt. Gegen den Messerstecher ermittelt die Kripo Fürstenfeldbruck jetzt wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Seit der Gründung des Therapiezentrums im Jahr 1979 war dies der erste Vorfall dieser Art.

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