Initiativkreis denkt über Frauenhaus für den Landkreis nach

Ein Frauenhaus für Landsberg?

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Häusliche Gewalt richtet sich vorwiegend gegen Frauen. Ein Initiativkreis in Landsberg prüft jetzt den Bedarf und die Möglichkeiten für ein Frauenhaus.

Landsberg/Landkreis – Wenn Frauen unter häuslicher Gewalt leiden, droht ein Dilemma. Einerseits suchen sie Schutz im sozialen Netzwerk, das ihnen ihr Umfeld bietet: Freunde, Bekannte, die eigene Familie. Insbesondere, wenn Kinder im Spiel sind, wollen Frauen in ihrer ‚Heimat‘ bleiben. Aber was, wenn die eigene Familie nicht in der Nähe lebt, wenn Freunde der Bedrohung nicht Paroli bieten wollen oder können? Für solche Fälle gibt es Frauenhäuser. Eigentlich. Denn weder Stadt noch Landkreis Landsberg haben eines. Zwar existiert eine Kooperation mit dem Frauenhaus Augsburg. Doch das ist zu über hundert Prozent ausgelastet. Wäre es da nicht sinnvoll, in Landsberg selbst ein Frauenhaus zu eröffnen?

Dieser Frage geht ein Initiativkreis mit Vertretern aus sozialen Einrichtungen wie AWO, Weißer Ring, Caritas nach. Auch die Sachbeauftragten der Polizei Dießen und Landsberg sind mit dabei, ebenso die Beauftragte für Kriminalitätsopfer des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord Silke Poller. Und schließlich Mitarbeiter des Frauenhauses Augsburg sowie der Interventionsstelle „Via – Wege aus der Gewalt“, ebenfalls in Augsburg lokalisiert.

Zuerst wäre natürlich zu klären, ob überhaupt Bedarf besteht. Das Problem: Es gibt keine belastbaren Zahlen. Die Polizei Landsberg habe in den letzten zwei Jahren keinen einzigen Fall häuslicher Gewalt gehabt, informiert der stellvertretende Leiter Michael Strohmeier. Im Tätigkeitsbericht 2018 des Frauenhauses Augsburg – mit dem der Landkreis Landsberg zusammenarbeitet, indem er drei Plätze dort finanziert – ist aber zu lesen, dass nur rund 14 Prozent der aufgenommenen Frauen von der Polizei vermittelt werden.

Das Frauenhaus Augsburg hat 42 Plätze für Frauen und Kinder. Drei der Plätze finanziert der Landkreis Landsberg. 2018 zahlte er dafür knapp 45.000 Euro. Die Gesamtauslastung der Augsburger Einrichtung betrug 2018 101,07 Prozent. Insgesamt wurden 56 Frauen und 83 Kinder aufgenommen. 1,8 Prozent davon kamen aus dem Landkreis Landsberg. ‚Nur rund zwei Fälle im Jahr‘, könnte man meinen. Aber so lässt sich nicht rechen: Augsburg muss zahlreiche Hilfesuchende aus Platzgründen abweisen. Auch die Häuser in Murnau Kaufbeuren, Fürstenfeldbruck sind komplett überlastet. Bundesweit fehlten rund 14.600 Plätze, zeigt eine aktuelle Recherche der ARD.

Woher all die abgewiesenen Frauen und Kinder kommen, die keinen Platz mehr finden, wird nicht festgehalten. Wie viele Frauen in Landsberg also tatsächlich einen Platz in geschütztem Umfeld gesucht haben, ist nicht herauszufinden.

Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring, der zusammen mit der Landsberger AWO-Vorsitzenden Margit Däubler den Anstoß zum Landsberger Initiativkreis gegeben hat, weiß von zahlreichen Frauen, die den Weißen Ring um Hilfe gebeten haben. Auch bei der Caritas und anderen sozialen Einrichtungen habe es Fälle gegeben. Der Weiße Ring versuche, sofort zu helfen, zu beraten, zu vermitteln, sagt Gingelmaier. Unterstützung ist also da. Aber das Problem sei, dass es keine konkrete Stelle speziell für häusliche Gewalt gebe. Dass so ein konkretes Angebot jedoch für Hilfesuchende wichtig ist, um überhaupt den entscheidenden Schritt zu tun, habe man es der Beratungsstelle für sexuelle Gewalt SeM in Landsberg gesehen: Seit es die gebe, seien auch die Zahlen der Ratsuchenden enorm gestiegen. Weil die Betroffenen eine niederschwellige, also eine Möglichkeit der direkten Ansprache vor Ort haben und nicht mehr in der Dunkelziffer versinken.

Bisher ist ein Frauenhaus für Landsberg und den Landkreis aber noch reine Idee, sagt Gingelmaier. Als Übergang wäre vielleicht auch denkbar, eine Zweigstelle der „Via“ als Ansprechüunkt in Landsberg einzurichten. Selbst wenn man sich letztendlich für ein Frauenhaus entscheide, müsse man überlegen, in welcher Form es geleitet werden sollte. Ob als offenes Haus, das auch betreute Gespräche der streitenden Parteien anbietet. Oder als ein streng abgeschirmtes Refugium, wie Augsburg es hat. Gingelmaier schwebt eher das offene Haus vor. „Denn schon die Entscheidung einer Frau, in ein Frauenhaus zu gehen, ist ein ganz deutlicher Schritt. Ein lautes ‚Nein‘. Da wird bereits eine Grenze aufgebaut.“

Sollte ein Frauenhaus eingerichtet werden, stellt sich auch hier die Frage nach der Finanzierung. Die läge beim Landkreis. „Wir hatten auch ein Gespräch mit Landrat Thomas Eichinger“, erzählt Gingelmaier. Eichinger (CSU) stehe der Frage aufgeschlossen gegenüber. Er habe auch auf die gesetzliche Lage hingewiesen: Familien- und Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) habe angekündigt, dass Frauenhäuser finanziell gefördert werden sollen. Mit einmalig 35 Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren. Die einen nennen das einen Tropfen auf den heißen Stein. Für manch Kommune wäre es aber eine Möglichkeit, ein Frauenhaus zu eröffnen. Die Entscheidung darüber liegt aber letztendlich bei der Kommune selbst: Frauenhäuser werden auf freiwilliger Basis eingerichtet. Wenn eine Kommune nicht will, muss sie nicht, es sei denn, es gebe eine Gesetzesänderung. Eichinger habe zugesagt, die weiteren Entwicklungen im Bund zu beobachten, berichtet Gingelmaier. Und den Stand der Dinge weiterzugeben.

Eine Möglichkeit, die Einrichtung eines Frauenhauses voranzutreiben, wäre über eine gesetzliche Festlegung der Platzanzahl, die pro Einwohner zur Verfügung stehen muss. So eine Rate empfiehlt auch die ‚Istanbul- Konvention‘ des Europarats, die Deutschland im Oktober 2017 ratifiziert hat. Laut dieser sind 2,5 Plätze pro 10.000 Einwohner ein Muss. Für Landsberg wären das also gut sieben Plätze, für den Landkreis gut 32. Oder anders gesagt: ein eigenes Frauenhaus.

Susanne Greiner

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