Theater auf der Waitzinger Wiese

Arturo Uis Drahtseilakt - Theater Wasserburg überzeugt im Zirkuszelt

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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.
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Das Theater Wasserburg glänzt mit Brechts Arturo Ui im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Schauspieler auf Stelzen, Akrobaten und Musik à la Tom Waits tragen zu einem besonderen Erlebnis bei.

Landsberg – Circus. In der Antike die Arena, die mit Brot und ‚Spielen‘ das Volk bei Laune hielt. Und heute? Eine Manege voller Artisten, Clowns, Musik. Hochspannende Drahtseilakte und mitreißender Klamauk, auf dass das Publikum die Realität vergesse. Genau das, was Brecht nicht wollte. Das Publikum sollte nicht mitgerissen werden, sondern nachdenken. Es ist also gewagt, den „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ im Zirkus aufzuführen. Aber es funktioniert. Die Inszenierung des Theaters Wasserburg mit „Die Stelzer“ und dem Circus Boldini entrückt den Zuschauer in eine andere Welt. Und führt ihm die Realität vor Augen: in Form der Bestie Mensch.

Kies unter den Füßen, kleine Stände, die Essen anbieten und mit ihrem Zuckerduft die Kindheit zitieren. Dazu ein kleines Zelt in rot, gelb und blau, der Scheinwerfer malt einen Lichtkreis in den Manegehimmel. Eine heile Welt. Bis Arturi Ui auftritt. Und mit Mord, Intrigen und Verachtung sein Spiel mit allen treibt. Auch den Zuschauern.

Brechts Stück ist eine Parabel, die den Aufstieg Hitlers deklamiert. Mit einem Schuss Gangstermilieu, versetzte Brecht das Geschehen doch ins Chicago der Prohibition. Historische Ereignisse wie Weltwirtschaftskrise oder Reichstagsbrand erhalten Parallelen in absteigenden Trusts und einem Speicherbrand, NS-Chargen werden zu Gangstern oder Politikern, Hitler wird Ui selbst. Brecht überzeichnet bewusst, um mittels Absurdität die Realität deutlicher zu machen. Und um Hitlers ‚Aura‘ durch Gelächter zu brechen.

Regisseur Uwe Bertram, Intendant des Theaters Wasserburg, verfremdet Brecht um eine Ecke mehr. Indem er das Gangsterthema übernimmt, es aber in die Zirkuswelt versetzt. Mit der Manege kann er den Aspekt ‚Brot und Spiele‘, die Verführung der Zuschauer in den Vordergrund stellen. Und hat eine weitere Bild-Parallele zu Hitlers Aufstieg. Wenn zum Beispiel eine Artistin der Zirkusfamilie Frank im Drahtseilakt quer durchs Bühnenbild tanzt, während unter und neben ihr laviert und gemauschelt wird. Oder wenn ein Balancekünstler zahlreiche Teller gleichzeitig in der Luft hält, so, wie Arturi Ui mit allen Figuren seiner Szenerie spielt. Unterstreicht die Artistik einerseits, entrückt sie andererseits. In Traumwelten, in denen der Mensch die Grausamkeiten hinter dem schönen Schein gerne vergisst. Der Szenenapplaus des Publikums zeigt, dass es funktioniert.

Den Show-Aspekt – Arturo, der mit allen sein Spiel spielt – betont auch Musik im Stil von Tom Waits mit einem Schuss Zirkus (Komposition: Georg Karger und Pit Holzapfel). Gespielt wird sie vom Fünfmannorchester im Bühnenhimmel. Und so trällert Politiker Dogsborough (Susan Hecker) eine Arie oder Arturo krächzt mit Reibeisenstimme von der Zeit, als ‚das Leben noch ein Wunder war‘. Wobei Percussionist Anno Kesting zum Mittäter wird: Er untermalt einzelne Aktionen. Lässt das Gummihuhn gackern, wenn wieder einer dran glauben muss – „Gewalt, sie wär nicht nötig, wenn der Mensch vernünftig wär“. Und zersticht gehorsam den Luftballon als Bild für das Opfer, wodurch das Kreuz darunter erscheint. Ja, selbst über die Morde kann man lachen.

Die einzelnen Figuren treten in der Wasserburger Inszenierung in den Hintergrund. Es sind – bis auf wenige Ausnahmen – ‚das Kapital‘, ‚die Politik‘, ‚die Presse‘, die wirken. Die Handlung von Brechts Stück zitiert Bertram nur, bricht sie auf die nötigsten Aspekte herunter. Wodurch sein Arturo Ui noch zeitloser wird. Und umso aktueller.

Schauspieler Hilmar Henjes ist dabei wohl die Idealbesetzung des Arturo mit dem „synthetisch geölten Maul“, ob nun als Zirkusdirektor oder Clown. Schon mit dem ersten Wort, seiner Einleitung zur „großen historischen Gangstershow“, ist er präsent, schraubt sich in die Hirne des Publikums, versprüht eine Prägnanz, die in Bann zieht. Und ihn fast sympathisch macht. Mord? Egal, solange er so charmant daherkommt. Bis Henjes in zwei Halbsätzen den Hitlerimitator aufblitzen lässt. Begeisternd sein Sinnieren über das richtige Gehen, Stehen und Sitzen. Und ebenso sein Schlussmonolog, hoch im Orchesterhimmel thronend, wo er alle nach seiner Pfeife tanzen lässt.

Regina Alma Semmler übernimmt die Rolle des Leutnant Roma – und wird zur Assistentin des großen Magiers in Frack, Zylinder, sparsamer Bekleidung unten drunter (Kostüm: Annett Segerer) und Show-Gestik. Sie führt die Drecksarbeit aus, wird zwar nicht zersägt, aber verschwindet gerne mal unter Arturos Händen im Blechfass. Bis auf Arturo und Roma, die Kleinkriminellen, gehen alle auf Stelzen. Was gleich beim ersten Auftritt die Szenerie noch mehr ins Absurde hebt. Souverän tänzeln die Schauspieler übers Sägemehl-Parkett – und werden zu Puppen in Uis Spiel.

Wer Brecht nicht mag, weil zu trocken, zu konstruiert, zu moralisierend, wird vom „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ im Zirkuszelt begeistert sein. Wer Brecht mag, wird Brecht bestens umgesetzt sehen. Wem Brecht egal ist, genießt hervorragendes Theater, mit Zauberei, Artistik, Musik. Und dennoch so vielem, das im Kopf und Herzen hängen bleibt. Kurzum, niemand hat eine Ausrede. Hingehen, und zwar zackig!

Das Stück läuft noch heute Abend, 4. August, sowie dreimal am kommenden Wochenende (9., 10. und 11. August), jeweils 20 Uhr im Zirkuszelt auf der Waitzinger Wiese. Karten für das kommende Wochenende gibt's auch noch beim KREISBOTEN am Roßmarkt.

Susanne Greiner

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