Karussell mit Holzkiste

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Die Masken sind gefallen, zurück bleibt der Mensch: Der Protagonist aus „Schuld und Sühne“ Raskolnikow (Michael Ruchter) erkennt, dass er nur durch die Liebe zur Prostituierten Sonja (Franziska Beyer) seine Morde sühnen kann.

Landsberg – Eine kleine Holzkate ist das Zentrum der Bühne für Dostojewskis „Schuld und Sühne“. In ihr stellen maskierte Schauspieler die Romanhandlung dar, auf ihre Außenwand wird ein Film projiziert. Außerhalb der Kate erzählen unmaskierte Schauspieler die Handlung, dazu gibt‘s noch verwaschene Klaviermusik: Die Bühnenfassung des Landestheaters Tübingen macht aus ­Dostojewskis „Schuld und Sühne“ eine alptraumhafte Mischung aus Film, Puppen-Schauspiel und Lesung. Ein ästhetisch ansprechendes Bühnenbild von Michael Köpke generiert eine unheimliche Stimmung, die im Gedächtnis kleben bleibt. Der Inszenierung von Gernot Grünewald liegt eine spannende Idee zugrunde. Aber letztendlich ist alles doch ein bisschen zu viel des Guten.

Das gesellschaftskritische Stück dreht sich um eine Theorie: Einem „außergewöhnlichen Menschen“ müsse es erlaubt sein, Verbrechen zu begehen, wenn dadurch die Verwirklichung einer großen Idee möglich ist. Alle großen „Menschheitsführer“ seien Verbrecher gewesen. Der ehemalige Student Raskolnikow will dementsprechend herausfinden, „ob ich eine Laus bin wie alle anderen oder ein Mensch“. So tötet er die „wertlose“ Pfandleiherin und deren Schwester.

Nach den Morden ergreift ihn jedoch, sinnbildlich für sein Gewissen, eine Krankheit. Raskolnikow sieht sie als seine moralische Schwäche: Er ist nicht besonders, sein Leben damit sinnlos. Doch schon vor seinen Morden ist er nicht fähig, etwas zu bewirken: Armut und Angst, die Anforderungen der Menschen um ihn herum nicht erfüllen zu können, lähmen ihn und führen zu der tiefen Selbstverachtung, aus der sein Wunsch nach Besonderheit erst erwächst. Einzig die bedingungslose Liebe der Prostituierten Sonja gibt seinem Leben nach den Morden noch einen Wert: Seine Sühne wird die Liebe zu ihr sein. Doch das erkennt Raskolnikow erst im sibirischen Straflager.

Starre Masken

Fünf Schauspieler stellen die 18 verschiedenen Rollen der Bühnenfassung dar. Michael Ruchter ist die Ausnahme: Er spielt Raskolnikow, alle anderen sind mit jeweils bis zu fünf Rollen gefordert. Kein Schauspieler verschmilzt mit seiner Rolle, denn Regisseur Grünewald will verfremden und stilisieren. Damit das noch besser funktioniert, tragen die Schauspieler grandiose Masken (Bau: Judith Mähler), überdimensionierte, unbewegliche Köpfe, die in ihrer Starre an den Stummfilm erinnern. Wenn sie darunter sprechen, hört der Zuschauer die Stimmen, jegliche Mimik fehlt.

Die Holzkate dreht sich wie eine magische Laterne, die Schatten und Licht nach außen wirft. Wenn das Innere nicht einsehbar ist, richtet ein Schauspieler eine Kamera auf das Geschehen. Mittels eines Projektors wird dieser „Film“ auf die Lattenwand der Kate geworfen. Damit die Handlung nachvollziehbar ist, treten die Schauspieler auch als Erzähler auf, erkennbar daran, dass sie dann keine Masken tragen: Sie lesen aus dem Roman, treiben die Geschichte voran, geben einen Crashkurs in „Schuld und Sühne“. Grünewald fordert einiges von seinen Darstellern, und diese geben ihr Bestes. Das Ganze wirkt wie ein verzerrter Alptraum, die Welt, wie sie dem Protagonisten erscheint.

Verfremdet und stilisiert

Das mag Dostojewskis Absicht einer subjektiven Weltsicht gerecht werden. Doch Grünewald verfremdet und stilisiert ein wenig zu viel. So dreht sich die Kate gefühlt einmal pro Sekunde: Die Kiste von vorne, Schauspieler in ihr, ein knapper Dialog und zack! Die Kiste dreht sich auf die Seite, das Innere wird gefilmt, auf die Holzwand projiziert und zack! Die Szene ist zu Ende, die Schauspieler treten aus der Kate, ziehen ihre Masken ab, erzählen… und zack! Kate dreht sich, Masken auf, rein in die Kiste, nächste Szene. Ein Karussell, aus dem man nicht aussteigen kann. In den vorderen Reihen wurde einem leicht schwindelig. Erst aus einiger Entfernung konnte man das Bühnenbild erfassen – und dann auch erst die Idee dahinter.

Susanne Greiner

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