Fahrbahnmarkierung auf dem Hauptplatz

Weiße Linien statt Stangenwald

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In Europa bei Neu- und Umbauten städtischer Straßen praktisch Standard, auf dem Hauptplatz nur an der Bushaltestelle realisiert: Taktile Streifen für Sehbehinderte.

Landsberg – Viele Landsberger wollen sich offensichtlich nicht recht mit den geplanten Linien auf dem Haupt­platz anfreunden. Ein Antrag, die Markierung noch einmal kritisch zu hinterfragen, stieß bei der Bürgerversammlung am Dienstag auf großes Echo.

Ebenso erntete eine Bürgerin viel Applaus mit ihrer Frage: „Warum wurde das denn bei der Planung nicht gesagt? Diese Linien waren auf keinem Foto und keinem Plan zu sehen. Hat man da die Straßenverkehrsordnung nicht berücksichtigt?“ Nach den Erklärungen von OB Mathias Neuner (CSU), Ordnungsamtsleiter Ernst Müller und Grünen-Stadtrat Henrik Lüßmann scheint nur soviel klar: Irgend jemand hat offenbar an der Realität vorbei geplant.

Dieses Geheimnis lüftete jedenfalls Lüßmann selbst in einer Wortmeldung: „Es wurde schon ordentlich geplant, aber wir sind in vielen Sitzungen, auch im Arbeitskreis, immer davon ausgegangen, dass die Straße zur Gemeindestraße heruntergestuft wird. Das ist dann aber irgendwie nicht weiterverfolgt worden – ob wegen des Wechsels an der Spitze, oder weil wegen der Derivate zu viel zu tun war, weiß ich nicht.“

Wie realistisch dieser Ansatz überhaupt war, ist allerdings fraglich. Die Abstufung müsste von der Regierung von Oberbayern genehmigt werden, die sich in dieser Frage bislang eher zurückhaltend zeigt. Für die Staatsstraße müsste ein alternativer Verlauf gefunden werden. „Außerdem würde dann die Baulast komplett auf die Stadt Landsberg übergehen“, warnte Ernst Müller, „da zahlen wir dann alle Arbeiten komplett selbst“. Das dürfte aber ohnehin demnächst drohen, da Landsberg über 25000 Einwohner hat und der entsprechende Zensus über drei Jahre zurückliegt (beides Voraussetzung für die Verschiebung der Baulast) – nur hat die Stadt diese Zahlen bislang noch gar nicht ans Statistische Landesamt gemeldet.

Solange der Hauptplatz aber weiterhin Staatsstraße 2054 ist, kann die Stadt ihre kühnen Pläne für die Nutzung des Platzes nur sehr eingeschränkt umsetzen. „Shared Space gibt es in Deutschland ohnehin nicht“, so Müller, „das kommt aus der Schweiz, und in Österreich fängt man gerade damit an.“ Für den Hauptplatz vorgesehen war deshalb ein „verkehrsberuhigter Geschäftsbereich“. In diesem könnte man problemlos Tempo 20 anordnen und bräuchte auch keine Markierungen, um Fahrbahn und Seitenbereiche zu trennen. Möglich ist das aber nur auf Gemeindestraßen, für Kreis- und Staatsstraßen schließt die Straßenver­- kehrsordnung das ausdrücklich aus.

So ist man im Moment in der Markierungsfalle gefangen: Auf der Staatsstraße müssen die Bereiche optisch deutlich getrennt sein, die dunkelgraue Entwässerungsrinne reicht dazu nicht aus. Damit, so Müller, bleibe nur die Wahl zwischen einem „Stangenwald“ an Schildern oder eben den weißen Linien. „Aber sogar für die müssen wir sehen, ob wir eine Sondergenehmigung der Regierung bekommen, normalerweise sind Schilder vorgeschrieben.“

"Das ahndet niemand"

Das war offenbar nicht das, was sich mehrere Bürger bei der Umgestaltung des Platzes vorgestellt hatten, wie aus den Reaktionen deutlich wurde. „Über durchgezogene Linien dürfen Radfahrer dann ja auch nicht drüber“, warnte Bernd Peter vom ADFC. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand ahndet“, entgegnete der Oberbürgermeister. Mehrere Bürger bemängelten (auch in Anträgen), dass man mit der Trennung von Fahrbahn und Fußgängerbereich genau das erreiche, was man nicht mehr wollte: „Es kann rücksichtslos gerast werden, weil der Autofahrer auf ,seiner‘ Fahrbahn statt in einem gemeinsamen Raum ist.“

Deutlich wurde aber auch, wie man das Problem bei anderer Planung hätte umgehen können: Vor der Musikschule müssen keine Linien angebracht werden. „Da ist das Pflaster so deutlich unterschiedlich, dass klar ist, wo der Fußgängerbereich anfängt.“ Bei der (absichtlich so beschlossenen) gleichfarbigen Pflasterung am gesamten Hauptplatz gilt das nicht.

Stadtbaumeisterin Annegret Michler und die Behindertenbeauftragte des Landkreises, Barbara Juchem, zeigten sich we­- gen einer anderen Eigenschaft des neuen Bodenbelages „enttäuscht“, wie Michler sagte: „Es ist für die Sehbehinderten sehr schlecht, dass sich die Ablaufrinnen und das Pflaster farblich so wenig unterscheiden. Das war anders gedacht und das hatten wir uns auch anders vorgestellt.“

Überrascht zeigte sich die Stadtbaumeisterin von der kritischen Frage nach so genannten „Taktilen Streifen“. Diese Pflastersteine, die Sehbehinderten helfen, sich anhand verschiedener Prägungen (Noppen, Streifen, etc.) besser zurechtzufinden, sind zwar inzwischen bei Neu- und Umbauten von städtischen Straßen europaweit praktisch Standard, in Landsberg aber fast komplett weggelassen worden. Michler: „Wir haben das nur an der Bushaltestelle gemacht, weil da mit der Kante eine besondere Gefahr vorliegt.“

Dass die Orientierungshilfe sonst nirgends verlegt wurde, begründete Michler ebenfalls: „Da müsste man den gesamten Platz entlang fräsen und die Wege und Abzweigungen dann ja auch weiterführen, das ist sehr aufwändig. Unter Fachleuten ist das Thema auch noch nicht ausdiskutiert.“ Außerdem seien während der gesamten Planungsphase „alle maßgeblichen Leute immer eingebunden“ gewesen.

Christoph Kruse

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