Bürgermeister Karg: Seehofer, diese miese Ratte

Regenerative Energien: "Es bleibt was hängen"

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Nach der Infos im Rathaus noch eine kurze Exkursion zu den Windkraftanlagen im Kingholz: die Delegation vom Bund Naturschutz. Rechts neben Bürgermeister Erwin Karg der Landesvorsitzende Richard Mergner (vor der Tafel) und Kreisvorsitzender Folkhart Glaser.

Fuchstal – Beim Klimaschutz ist die kommunale Energiewende ein wesentlicher Baustein. Dass beim Umstellen auf regenerative Energien aber auch „was hängen bleibt“, verdeutlichten Fuchstals Bürgermeister Erwin Karg und Kämmerer Gerhard Schmid, als sich der Landesvorstand im Bund Naturschutz (BN) in Leeder vor Ort informierte. Schmid verwies auf die Wertschöpfung der Gemeinde, die immerhin 4,5 Millionen Euro im Jahr ausmache.

Zur gleichen Stunde, als im Münchener Hofgarten das Bayerische Kabinett unter freiem Himmel zum Klimaschutz tagte, fand sich eine 15-köpfige BN-Delegation im Fuchstal ein. Bürgermeister Erwin Karg schilderte die Investitionen der vergangenen zehn Jahre im Bereich der Nahwärme aus Biogas, bei der Fotovoltaik und bei der Windkraft. Zuletzt, im Januar, sei die zweite Freiflächenanlage in Betrieb gegangen. Insgesamt würden durch alle Anlagen 35 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugt.

Ein Thema bei der Information vor Ort war auch der geplante Wärmespeicher mit 10.000 Kubikmetern und mit einer 3,25 Mega­watt großen Batterie. Er soll 2021 fertig werden und ist mit gut fünf Millionen Euro veranschlagt, wobei der Bund für das Pilotprojekt mehr als drei Millionen Euro beisteuert. So könne vor Ort der Strom verwertet werden, der durchschnittlich zweimal im Monat zu Spitzenzeiten nicht im öffentlichen Netz benötigt werde, fügte der Rathauschef hinzu.

„Mehr und mehr Kommunen sollten dem Beispiel folgen und die Zeichen der Zeit erken­nen“, befand BN-Beiratssprecher Manfred Engelhard. Landesvorsitzender Richard Mergner sprach nach den Ausführungen Kargs von einer „absolut motivie­renden Präsentation“. Die Blockade in der Politik müsse durchbrochen werden. „Laden Sie den Aiwanger ein“, wandte sich Mergner an Karg. Der leite ein Ministerium, wo bisher noch der Verband der Bayerischen Wirtschaft mehr oder weniger die Energiepolitik mache.

Am Beispiel der Gemeinde Fuchstal sehe man, dass der Schwenk zu regenerativen Energien gelingen könne. Dabei sei dem Bund Naturschutz vor Ort immer eine unterstützende, naturverträgliche Haltung wichtig gewesen. So äußerte sich Landsbergs BN-Kreisvorsitzender Folkhart Glaser.

Der Bund Naturschutz setzt sich für eine landesweite dezentrale Energiewende ein. Damit die nicht ausgebremst wird, fordert er in Bayern eine Abkehr von der 10-H-Regelung bei Windkraftanalgen, wonach der Abstand zur nächsten Wohnbebauung mindestens zehnmal so weit sein müsse wie die Gesamthöhe der Windräder.

Bürgermeister Karg erklärte, die 10-H-Regelung werde bei einer Anlage im Staatsfrost nicht ganz erfüllt. Diese sei 2036 Meter von der nächsten Bebauung in Frankenhofen (Gemeinde Markt Kaltental) entfernt. Er sei froh gewesen, dass man damals die 10-H-Vorgabe nicht einhalten musste. Ansonsten stünde das Windrad weiter östlich in der Mulde, wo der Windertrag deutlich niedriger wäre.

Zudem verwies Karg darauf, dass im Leederer Gemeindewald drei weitere Windräder errichtet werden sollen. Der Antrag dazu sei am Laufen. Investitionen zur Energiewende müssten impulsiv angestoßen werden. „Die Bürgermeister müssen Bock haben“, betonte Karg, der überdies einen Schwachpunkt in der Vorgabe erkennt, dass eine Gemeinde nicht mehr regenerativen Strom erzeugen dürfe als sie selbst verbrauche. Er fragt: „Warum darf man denn nicht benachbarte Kommunen mitversorgen?“

"Miese Ratte"

Beim Gespräch der 15-köpfigen Delegation des BN-Landesvorstandes mit Bürgermeister Karg und Kämmerer Schmid wurde auch die Vorgeschichte der Fuchstal Windräder aufgegriffen. Dabei übte Karg Kritik am Vorgehen des früheren Regierungschefs Horst Seehofer, der plötzlich die 10-H-Regelung einsetzte, den Bau neuer Windkraftanlagen ausbremste und das Vorhaben im Staatsforst bei Denklingen und Fuchstal deutlich erschwerte. Sprach Karg über Seehofer zunächst – ironisch – von „unserem allseits geschätzten Ministerpräsidenten“, dann kam ihm vor den Vertretern des BN-Landesvorstands gleich noch der Ausspruch „diese miese Ratte“ über die Lippen.

Johannes Jais

Die Zunge besser zügeln

„Im Verein für deutliche Aussprache ist Fuchstals Bürgermeister Erwin Karg allemal für einen Vorstandsposten gut“, frotzeln Freunde und Kritiker gleichermaßen. Dass er sich dabei – direkt wohltuend – vom diplomatisch-feinen Gesülze mancher Politiker abhebt, ist ihm durchaus positiv anzurechnen. Doch markige Sprüche haben auch ihre Grenzen.

Wenn Karg im Fuchstaler Rathauskeller den ehemaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ironisch als „unseren allseits geschätzten Ministerpräsidenten“ tituliert, mag das in Ordnung sein. Dass der Bürgermeister in der Runde mit dem Bund Naturschutz Bayern den Seehofer wegen seines plötzlichen Kurswechselns beim Bau der Windräder (10-H-Regelung) obendrein als „miese Ratte“ deklariert, ist aber absolut daneben. Und da ist es egal, wie man zum polarisierenden Politiker Seehofer steht.

Ein Bürgermeister wird an seinen Taten gemessen; da hat Karg einiges vorzuweisen. Aber auch an seinem Auftreten. Manchmal wär’s wirklich besser, würde er seine Zunge zügeln. Und das dürfen ihm ruhig auch diejenigen Fuchstaler deutlich sagen, die bei seinen markigen Aussprüchen verlegen beziehungsweise beschämt reagieren oder das mit einem „So isch er halt“ abtun. 

Johannes Jais

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