Drei Ideen und eine "Blackbox"

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Weil die Fläche nördlich der ehemaligen Lechrainkaserne inzwischen „Nationales Naturerbe“ ist, lässt sich dieser Europan-Werkssiedlungs-Vorschlag „Living with(in) Natur“ wohl nicht mehr verwirklingen.

Landsberg – Die Stadtverwaltung spricht aufgrund „veränderter Rahmenbedingungen“ bereits vom „ehemaligen Betrachtungsgebiet“. Weil 60 Hektar Fläche nördlich der ehemaligen Lechrainkaserne inzwischen „Nationales Natur–erbe“ sind, ist die im Euro­pan-Wettbewerb verfolgte Idee der „3C-Werkssiedlung“ nicht mehr verwirklichbar. Dadurch könnte die geplante unternehmerische Expansion des Kohlenstoff-Spezialisten gefährdet sein. Genaues weiß man freilich nicht: Der Dialog mit 3C ist mühsam.

Eine schützenswerte Landschaft, ein Gelände im Eigentum des Bundes – das roch eigentlich von Anfang an nach der Möglichkeit einer Überführung des Areals in das „Nationale Natur–erbe“. Immerhin hatte das Bundesumweltministerium bereits zwei Mal derartige Widmungen vorgenommen und „herausragende, charakteristische Landschaften“ nicht privatisiert, sondern quasi verstaatlicht und dem Naturschutz überantwortet – mit der erklärten Richtung „Wildnis“.

Bisher fanden diese Maßnahmen allerdings vor allem in Ostdeutschland statt. Daher hatte 3C Carbon bis zuletzt gehofft, nördlich der Lechrainkaserne Wohnhäuser für Mitarbeiter errichten zu können. Firmenchef Karsten Jerschke hatte sich „ein nachhaltiges Wohnquartier“ gewünscht, „das den Ansatz der Werkssiedlungen aufgreift und in die heutige Zeit transformiert“. Dabei sollte „mit ergänzenden Infrastrukturen ein ganzheitlicher Campus entstehen“.

Skepsis im Stadtrat

Der Stadtrat hatte diesen Wunsch im November 2014 zumindest insofern aufgegriffen, als er mit 19:6 Stimmen beschloss, sich am „Europan“- Wettbewerb zu beteiligen. Europan ist eine von 19 europäischen Staaten getragene Initiative zur Erarbeitung innovativer und experimenteller Ansätze bei Architektur und Städtebau. Sie bietet jungen europäischen Architekten die Möglichkeit, mit außergewöhnlichen Entwürfen international von sich reden zu machen. Das Thema lautete diesmal „Adaptable City“.

Das Projektgebiet umfasste die Fläche der ehemaligen Lechrainkaserne (die mit Ausnahme des städtischen Museumsdepots vollständig von 3C Carbon genutzt wird oder genutzt werden soll) nach Norden bis an die Grenze der bisherigen Bebauung in der Kernstadt Landsberg. „Das ist für uns städtebaulich Neuland“, hatte die damalige Stadtbaumeisterin Annegret Michler gesagt und argumentiert: „ So günstig kommen wir sonst nie an neue Planungsideen heran.“ 3C hatte zuvor versprochen, 60 Prozent der Wettbewerbskosten von insgesamt 135.000 Euro zu übernehmen.

Allerdings gab es von vornherein Widerspruch. Da solle „ein neues Stadtviertel entstehen“, hatte Stefan Meiser, ÖDP, befürchtet. Das Unternehmen habe „Bedürfnisse, die nicht im Einklang mit dem stehen, was wir als Stadt wollen“. Diesen Bedenken hatten sich fünf weitere Stadträte angeschlossen, unter anderem Dr. Reinhard Steuer (UBV). Ähnliche Skepsis gab es im Stadtrat bei der Beschlussfassung über die Veränderung der Bauleitplanung. Insbesondere stieß der Campus-Gedanke nicht auf Begeisterung: „Warum können die Mitarbeiter nicht da wohnen, wo alle wohnen?“

Schleppender Dialog

Auch heute ist zu hören, dass viele Mitglieder des Gremiums mit dem Dialog zwischen dem Unternehmen und der Stadt unzufrieden sind. Man wisse noch nicht einmal, wie viele Mitarbeiter die Firma habe. „Sicherheitsstreifen“, „geschlossene Tore“ – da blieben viele Fragen offen. Jede Personalie werde als Geheimnis eingestuft. Außerdem kommuniziere das Unternehmen seine Pläne zu zurückhaltend. Auch durchaus diskutable Wünsche – etwa die angeregte Fußgänger- und Fahrradbrücke in Pitzling – würden nur von Dritten übermittelt. Das Unternehmen sei für die Stadträte eine „Black Box“.

Vielleicht kommt dieser Dialog nun zustande, nachdem die Stadtverwaltung das Thema Europan nicht einfach zu den Akten gelegt, sondern weiterentwickelt hat. Die beiden Architektenteams aus Italien (Entwurf „Living with(in) Nature“) und Polen („Forest first“), die beim Wettbewerb die Plätze 1 und 2 belegten, haben inzwischen neue Ideen entwickelt. Auch von der Stadtverwaltung und der Jury, zu der Stadtrat Hans-Jürgen Schulmeister (Landsberger Mitte) gehörte, gibt es einen neuen Vorschlag.

Eine von drei Ideen ist die „Wiesbachsiedlung“ bei Friedheim. Das polnische Team „Forest First“ schlägt dazu auch zwei Brücken vor – über die B17 und den Lech bei Pitzling.

• Idee 1: Wiesbachsiedlung. Das polnische Team „Forest First“ schlägt eine bauliche Entwicklung im Bereich Friedheim vor; westlich der B17 könnten Flächen für Repräsentation und Erweiterung von 3C sowie ein Wohnquartier (die „Wiesbachsiedlung“) entstehen. Ein weiterer Brückenschlag über die B17 verbinde die westlich und östlich gelegenen Wälder; eine neue Bahnstation schaffe Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr. „Die Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine attraktive und ökologisch wertvolle Aufwertung der Flächen westlich der B17 vorschlägt, eine qualitätsvolle West-Ost-Verbindung von Ellighofen über Gut Mittelstetten entlang des Wiesbaches und über den Lech (Brücke) bis nach Pitzling schafft und die vorhandene Bebauung in Friedheim für weitere Flächen für Wohnen und Arbeiten in selbstverständlicher Weise städtebaulich gut ergänzt“, heißt es dazu aus der Stadtverwaltung.

• Idee 2: Bestehendes ergänzen. Das italienische Team „Living with(in) Nature“, das den Wettbewerb gewonnen hatte, schlägt vor, die Mitarbeiter von 3C im gesamten südlichen Stadtgebiet unterzubringen. Dabei sollen sowohl im Firmengelände von 3C als auch in den weiteren Ortsteilen Wohnquartiere ergänzt werden. Am Lech solle ein Erholungsgebiet entstehen, das den Fluss für Wassersportarten zugänglich macht. Über eine Brücke und Tunnelquerungen werden die Barrierewirkungen von Bahn, B17 und Lech überwunden. Insgesamt biete die Arbeit vielfältige Möglichkeiten, den gesamten Landschaftsraum attraktiv weiterzuentwickeln und eine Nachverdichtung für den Betrieb im Bereich des Firmengeländes umzusetzen, so die Stadtverwaltung.

• Idee 3: Nutzungen verlagern. Auch die Jury und die Stadtverwaltung haben inzwischen eigenen Ideen entwickelt. Durch die Verlagerung von innenstädtischen Nutzungen wie Kleingärten und Sportzentrum könne östlich entlang der B17 das Angebot an Freizeit- und Sportmöglichkeiten gestärkt werden. Ergänzungen wie ein Baumwipfelpfad, Hochseilgarten, Badesee oder Skulpturengarten könnten das Gebiet aufwerten. Wohnen und Arbeiten würden beim Ortsteil Friedheim angeordnet.

„Insgesamt schaffen auch hier Brücken und eine Fährverbindung neue und wichtige West-Ost-Verbindungen. Mit dieser Arbeit werden verträgliche, attraktive und neue Nutzungsmöglichkeiten für Freizeit, Wohnen und Arbeiten geschaffen“, ist der Vorlage der Stadtverwaltung zu entnehmen.

Ob einer dieser Vorschläge realisiert wird, muss nun der Stadtrat entscheiden. Eines ist klar: Karsten Jerschke wird die Campus-Idee so schnell nicht aufgeben. Wohnen nah bei der Arbeit, mit einer „starken Identifikation für das Unternehmen“ – das soll nicht nur kurze Wege garantieren, sondern auch umfassendes Engagement für 3C und den Werkstoff Carbon, dem Fachleute große Zukunft voraussagen. „Ein positiver Input zur Identität zur 3C Gruppe“, betont das Team Forest First, ist wichtiger Bestandteil dieses Konzepts. Jetzt müssen diese neue und die alte Welt nur noch in Einklang kommen.

Werner Lauff

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