Ein halbes Jahrhundert in Landsberg

Nach 47 Jahren am Landratsamt Landsberg: Andreas Graf geht in den Ruhestand

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Fast ein halbes Jahrhundert hat Andreas Graf im Landratsamt Landsberg gearbeitet. Aber auch das bayerische Innenministerium hat bei ihm Rat gesucht.

Landsberg – „Ich war noch nie woanders“, antwortet Andreas Graf auf die Frage, wo er gearbeitet hat, bevor er ins Landratsamt kam. Das war direkt nach dem Abschluss der Knabenrealschule Schondorf. Die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten gab es damals noch nicht. Graf fing „einfach an zu arbeiten“, zunächst als kleiner Angestellter. Gefallen hat ihm das nicht, und deshalb ging es bald steil bergauf. Jetzt geht Graf nach 47 Jahren in den Ruhestand.

Unter „innerer Verwaltung“ konnte sich der Scheuringer zunächst nicht viel vorstellen. Das jedoch war die Empfehlung des Berufsberaters. Die Eignungsprüfung für die Beamtenlaufbahn hatte Graf da schon bestanden. Ab 1976 besuchte er drei Jahre lang die Beamtenfachhochschule und schloss sie als Jahrgangsbester unter 500 Bewerbern ab. Kurz liebäugelte er mit einem Jurastudium, doch die Aussicht auf eine Laufbahn im Landratsamt war reizvoller – zumal das bedeutete, in der Heimatregion bleiben zu können.

Graf durchlief alle Abteilungen des Hauses und kennt es demzufolge wie seine Westentasche. Vier Landräte hat er miterlebt - Bernhard Müller-Hahl, Erwin Filser, Walter Eichner und seit 2014 Thomas Eichinger – und mit allen „sehr gut zusammengearbeitet“. Im Herbst 1983 übertrug man ihm die Kommunalaufsicht. Fortan war er Ansprechpartner und Berater der Gemeinden, wenn es um Satzungen und Ortsrecht, um Haushalte und Kreditaufnahmen ging – aber auch Ansprechpartner für Bürger, die Widerspruch gegen Abgabenbescheide einlegten oder Beschwerden hatten.

Einmal schrieb ein Bauwerber, bei der Ablehnung seines Antrags habe ein Gemeinderatsmitglied schon das dritte Weißbier intus gehabt. Die Antwort der Gemeinde auf Grafs Nachfrage kam postwendend: Da der fragliche Bauantrag der erste Tagesordnungspunkt gewesen sei, könne es höchstens das erste Weißbier gewesen sein.

Als ein andermal ein Bürgermeister ein strittiges Grundstücksgeschäft bereits am Tag nach dem Beschluss beurkunden ließ, beschwerte sich ein Gemeinderatsmitglied mit der Begründung, der Bürgermeister sei „sonst auch nie so schnell“. Graf schmunzelt. Er hat seine Rolle immer auch als die des Schiedsrichters gesehen.

Gestartet als Ein-Mann-Sachgebiet, gehören zu Grafs Aufgabenbereich mittlerweile 18 Mitarbeiter. Würde man das Personal der Kreisseniorenheime

hinzurechnen, wären es sogar über 200. Der Zuständigkeitsbereich seiner Abteilung umfasst neben der Kommunalaufsicht und der staatlichen Rechnungsprüfung auch Themen wie BaföG, Namensänderungen, Standesamtsaufsicht, Schülerbeförderung, ÖPNV, Schulrecht, Inklusion,

Klimaschutz, Wirtschaftsförderung, Kreisentwicklung, Rad- und Wanderwege, Sport, seniorenpolitisches Gesamtkonzept und Seniorenheime. Im Jahr 2000 musste Graf als Geschäftsführer die Kommunale Wohnbaugesellschaft abwickeln. Seit 2016 ist er für den Geschäftsgang der Kreisorgane mitverantwortlich und

Vertreter des Landrats im Amt. „Immer was Neues“, sagt der 62-Jährige. „Das ist ja das Spannende.“

Nebenher arbeitete der Vater zweier erwachsener Töchter mit viel Freude als Referent an der Bayerischen Verwaltungsschule. Manchmal zerbrachen sich die Schüler in Klausuren den Kopf über Fälle aus Grafs kommunalaufsichtlicher Praxis. Auf seine Expertise wurde man bald auch außerhalb des Landkreises aufmerksam. Das bayerische Innenministerium berief ihn in eine Arbeitsgruppe, die ein neues „Handbuch für Wahlen“ entwickeln sollte. „Der eine oder andere Vorschlag aus Landsberg“ habe es bis in den Gesetzestext geschafft, erzählt Graf.

Bescheiden ist er und lässt sich nicht wirklich in die Karten schauen. Ob er eher mit einem lachenden oder einem weinenden Auge in den Ruhestand geht? Nun ja. „Alles hat seine Zeit.“ Die in den letzten Monaten häufig gestellte Frage „Wie lange haben Sie denn noch?“ hat er jedenfalls als befremdlich empfunden. „Das klingt nach Reststrafe. Aber ich bin immer sehr gerne in die Arbeit gegangen.“

Was er anstellen wird mit der neugewonnenen Freiheit? Jetzt müsse er wohl etwas von Familie, Hobbys und Reisen erzählen, grummelt Graf. Und ja, er wird mehr Tischtennis spielen. Auf mehr Zeit mit seinem 14 Monate alten Enkel freut er sich. Zwar seien am Anfang „die Omas mehr gefragt“ gewesen, aber die Zeit der Opas werde kommen. Und viel zu tun gibt es ja auch in Haus und Garten. „Langweilig werden wird mir nicht.“ Auch deshalb nicht, weil er weiterhin als Dozent der Aus- und Fortbildung an der Verwaltungsschule arbeiten und Kurse für Geschäftsstellenleiter geben wird. Indirekt werden also noch viele Gemeinden von Grafs Erfahrung profitieren – weit über die Landkreisgrenzen hinaus.
Ulrike Osman

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