Lockerungen forcieren?

Chefarzt Klinikum Landsberg:  "Rechne fest mit Anstieg der Infektionskurve"

Klinikum Landsberg
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Zwar gibt es auch im Klinikbetrieb Lockerungen. Dennoch hält Chefarzt Dr. Ingo Mecklenburg die Forderungen nach Öffnungen von Kitas für nicht realisierbar.

Landkreis - Am Wochenende demonstrierten deutschlandweit Menschen gegen Masken- und Impfpflicht sowie für die Aufhebung aller noch bestehenden, aufgrund der Corona-Pandemie getroffenen Einschränkungen wie beispielsweise die Öffnung von Kitas. Eine Forderung, die laut dem Chefarzt der Inneren Medizin am Klinikum Landsberg Dr. Ingo Mecklenburg nicht empfehlenswert ist. 

Einige halten die Corona-Maßnahmen für übertrieben, speziell die Maskenpflicht. Wie sehen Sie das als Chefarzt der Inneren Medizin?

Dr. Ingo Mecklenburg: Die Maskenpflicht ersetzt nicht die notwendigen Basismaßnahmen wie Abstandsgebot und Händehygiene. Da sich die Basishygiene in unserem Alltag jedoch nicht immer überall konsequent umsetzen lässt, liefert die Maskenpflicht zumindest einen begrenzten Schutz gegen eine Virusübertragung an die Umgebung. Zu bedenken ist dabei, dass nicht der Träger einer einfachen Maske geschützt wird, sondern der Maskenträger seine Umgebung vor einer möglichen Infektion schützt. Somit ist die Maskenpflicht Ausdruck der gegenseitigen Rücksichtnahme, insbesondere wenn sich Personen mit einem besonderen Risikoprofil in der Nähe aufhalten könnten.

Wie ist der Stand der Dinge bei den Infektionen? Gibt es inzwischen weniger Infizierte im Landkreis als noch vor ein paar Wochen – und woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Dr. Mecklenburg: Die Kontaktbeschränkungen haben eine gute Wirksamkeit erzielt, weshalb sich die brenzlige Situation seit Ende März deutlich entschärft hat. Aktuell haben wir noch circa ein Dutzend Patienten mit Corona-Infektionen in der stationären Behandlung im Klinikum. Auf der Intensivstation müssen im Moment keine schweren Infektionen mehr behandelt werden, weshalb wir überall voll handlungsfähig sind.

Welche Lockerungen halten Sie persönlich für sinnvoll und welche nicht?

Dr. Mecklenburg: Jeder von uns möchte baldmöglichst in sein gewohntes Leben zurück und für viele Menschen ist die Auswirkung der Beschränkungen existenzbedrohend. Daher ist es sicherlich erforderlich, die wesentlichen Dienstleistungen wieder zu gestatten und den Menschen ein Leben trotz - oder besser mit - der Corona-Pandemie zu ermöglichen. Dennoch halte ich es für vollkommen abwegig, zum jetzigen Zeitpunkt ein Bierzelt oder ein Fußballstadion zu füllen, obwohl genau diese Großveranstaltungen in Mailand, Bergamo und Heinsberg die Pandemie ausgelöst haben und wie ein Brandbeschleuniger für die Virusverbreitung wirken. Für problematisch halte ich auch die Öffnung der Kindertagesstätten, da Kinder auch ohne Symptome Coronaviren übertragen können und ein Abstandsgebot hier wahrscheinlich illusorisch ist. Zumindest der Kontakt zwischen Enkelkindern und Großeltern wird wahrscheinlich noch für einige Zeit vermindert ablaufen müssen, weshalb wir auch die Besuchsmöglichkeiten am Klinikum weiterhin einschränken.

Erwarten Sie durch die Lockerungen nun einen Anstieg der Infektions-Kurve?

Dr. Mecklenburg: Wir diagnostizieren auch in dieser Woche noch weitere Erstinfektionen mit dem SARS-CoV2 Virus, weshalb die Pandemie nicht beendet ist. Demnach rechne ich fest mit einem erneuten Anstieg der Infektionen und muss auch von gelegentlichen schweren Verläufen und Todesfällen ausgehen. Hierfür haben wir im Klinikum umfangreiche Vorbereitungen getroffen und halten eine Reservekapazität mit Isolationsmöglichkeiten und Beatmungskapazitäten vor. Ich gehe am ehesten davon aus, dass die SARS Infektion sich für längere Zeit in unserem Alltag etablieren wird, bis es irgendwann eine effektive Impfung hierfür gibt.

Nach Ihrer bisherigen Erfahrung mit Covid 19: Kann man dieses Virus mit dem Grippe-Virus vergleichen? Wo liegen die Unterschiede?

Dr. Mecklenburg: Die Infektiösität der SARS-Infektion ist wahrscheinlich etwas höher als bei der Influenza und die Übertragung durch beschwerdefreie Personen oder Kinder macht eine Eindämmung schwierig. Schwere Verläufe gibt es bei beiden Infektionen: Wir haben jedes Jahr zahlreiche Todesfälle durch Influenza und haben auch schon 30jährige mit einer schweren Grippe beatmen müssen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Tatsache, dass im Gegensatz zum neuen Coronavirus ein großer Teil der Bevölkerung gegen Influenza geimpft ist und somit kein Massenanfall von Influenzafällen zu erwarten ist.

Sind wirklich nur ältere und vorerkrankte Menschen durch Covid 19 gefährdet?

Dr. Mecklenburg: Dieses Gerücht ist absolut falsch und entspricht überhaupt nicht unserer Erfahrung. Die Infektionsrate ist für die meisten Menschen gleich, allerdings ist die Sterblichkeit bei älteren und vorerkrankten Patienten ungleich höher. Bei uns im Landkreis war der jüngste Patient, der mit Multiorganversagen bei COVID-19 Erkrankung auf der Intensivstation beatmet werden musste, 35 Jahre alt. Weitere Patienten waren in den 40er und 50ern, vielfach auch ohne jegliche Vorerkrankungen und wir hatten auch Todesfälle in dieser Altersgruppe zu verzeichnen. Auch die Patienten ohne beatmungspflichtige Lungenentzündung können von der Erkrankung schwer gezeichnet sein und brauchen viele Wochen, bis eine Erholung eintritt. Über die Spätfolgen der Infektion ist noch gar nichts bekannt, aber ich gehe zumindest bei einzelnen Fällen von einer Einschränkung der Lungenkapazität aus. Die Tatsache, dass viele Patienten wenig oder kaum Symptome aufweisen, sollte nicht zu der Annahme führen, dass es sich bei SARS-Infektionen um banale Erkältungen handelt.

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