Wenn die Stimmen verstummen

Wie Chöre unter Auflagen proben - oder auch nicht

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Ein Konzert, das nach dem Prinzip Nähe funktioniert und deshalb vielleicht nicht stattfinden wird, auch wenn es erst im Dezember sein soll: Das traditionelle und beliebte Santa- Lucia-Konzert des Vocalensembles Landsberg.

Landkreis – Sie können wieder gemeinsam singen – allerdings nur auf Abstand. Chorproben dürfen seit dem 22. Juni laut Freistaat unter Auflagen angesetzt werden: begrenzte Probenzeit, regelmäßig lüften, Kontaktflächen mehrmals reinigen und desinfizieren, Händewaschen auch während der Probe, Einbahnstraßensystem. Und beim Singen – das ohne Maske erlaubt ist – gilt ein Mindestabstand von zwei Metern. „Wie soll ich das denn mit 35 Mitgliedern bewerkstelligen?“, fragt der Chorleiter des Landsberger Vocalensembles Matthias Utz. Auch bei Konzerten sieht Utz Probleme. Zum Beispiel beim traditionellen Santa-Lucia-Konzert.

Während die Sänger noch stumm blieben, durften Instrumentalisten bereits proben. Denn man vermutete, dass beim Singen ein hoher Ausstoß an Aerosolen stattfinde, der mittels Luftstrom eine große Reichweite habe. Zwar widerlegte eine Studie der Bundeswehr diese Annahme: Egal, wie laut und egal auf welcher Tonhöhe, Töne setzten nur die Luft bis zu einem halben Meter vor dem Mund in Bewegung. Dennoch verbot die Bayerische Regierung den Sängern das Proben – bis letzten Montag. Jetzt dürften sie wieder. Wenn sie können.

Kleinere Chöre haben es dabei leichter, einen passenden Raum zu finden. Zum Beispiel das Oktett A cappella Ammersee aus Schondorf: „Wir hatten Wahnsinnsglück und haben einen passenden Raum gefunden“, freut sich Sopranistin Juliane von Meding: 160 Quadratmeter, Deckenhöhe über vier Meter. Hier können sich die acht Sänger an die bereits detailliert ausgearbeiteten Vorgaben des Bistums Augsburg für Chorproben halten: 20 Quadratmeter Platz pro Person, zwei Meter Abstand und ständiger Luftdurchzug.

Probe in Teilen

Utz und die 35 Mitglieder des Vocalensembles dürften Probleme haben, mit der Anforderung von 20 Quadratmeter Raum pro Person eine passende Örtlichkeit zu finden. „Zudem steigen die Aerosole nach oben, wir brauchen also auch eine gewisse Höhe.“ Wobei Utz die Auflagen für durchaus sinnvoll hält. Es gebe ja auch im Vocal­ensemble Mitglieder, die zu den Risikogruppen gehörten.

Momentan könne er wohl nur in Einzelgruppen à zwölf Personen proben. „Aber die meisten wollen nicht nur üben, es geht auch darum, den Klang zu hören, Musik zu machen.“ Eine andere Möglichkeit sieht der Chorleiter in Open-Air-Proben. Wobei da der Klangraum fehle. Eventuell könne man aber im Säulenhof des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals üben. Oder auch im Färberhof am Sandauer Tor.

Ein weiteres Problem sieht Utz in der ständigen Unsicherheit: „Auf was hin sollen wir proben? Welche Art von Konzerten wird möglich sein? Und wann traut sich das Publikum wieder in geschlossene Räume?“ Fraglich sei auch, ob das Konzert in der kleinen Klosterkirche in der langen Kunstnacht stattfinden könne. Wenn die Kunstnacht überhaupt stattfinden könne.

Ein Konzert im Pfarrhof hat der Chorleiter bereits auf 2021 verschoben. Aber an Kirchweih steht eine Gottesdienstgestaltung mit dem Chor von Johannes Skudlik auf dem Programm. Wie das stattfinden soll, ist ungewiss. Auch das Santa-Lucia-Konzert sieht Utz in Gefahr. Das wäre zwar erst im Dezember. „Aber das ist ein Konzert, das nur mit Nähe funktioniert.“ Mit Sängern, die durch die Gänge gehen, Sänger, die direkt neben den Zuhörern stehen. „Eine Light-Version möchte ich nicht anbieten.“ Zum Glück könne er das aber spontan entscheiden.

Body Percussion

Finanziell gehe es dem Vocal­ensemble im Vergleich noch gut. Die Stadt unterstütze, aber natürlich falle der Teil, der normalerweise selbst eingesungen werde, jetzt weg. Da aber auch die geplante Auslandsreise ausfallen müsse, habe man ein gewisses Polster, rechnet Utz.

Als Chorleiter ist Utz freigestellt, er arbeitet aber als Schulmusiker in Schongau. Dort falle zwar auch der Orchesterunterricht und der Chor weg. Aber die ‚graue Musiktheorie‘ könne man auflockern. Zum Beispiel mit Body Percussion – um nicht ständig Instrumente desinfizieren zu müssen.

A cappella Ammersee richtet sich nach den Regeln, die das Bistum Augsburg für Proben aufstellt. Mit ihrem Glücksfund haben die acht 40- bis 60-Jährigen einen idealen Probenraum, den sie bereits am kommenden Sonntag testen werden. Denn am 20. September steht ein Konzert mit Werken englischer Komponisten in St. Ottilien an.

Die Beschränkungen für die Proben hält Sopranistin von Meding für sinnvoll. „Die Restriktionen in Deutschland haben ja sichtbar gewirkt.“ Sie selbst und auch ihr Mann haben sich mit dem Virus infiziert, „wahrscheinlich auf einer Reise im Zug“, vermutet die Schondorferin. Drei Tage lang lag sie mit hohem Fieber flach, mit rasenden Kopfschmerzen und ebenso rasendem Puls. Antikörpertests hatten die Infektion bestätigt. Sie selbst fühle sich zwar jetzt sicher, verstehe aber die Ängste anderer Sänger, die Angehörige haben, die zur Risikogruppe gehören. Masken reduzierten das Risiko, „aber mit Masken kann man leider nicht singen“.

Sowohl Utz als auch von Meding haben keine online-Proben durchgeführt. „Die Sänger hören sich nicht untereinander und ich konnte die Sänger nicht wirklich hören“, urteilt Utz. Zudem habe es eine enorme Rückkoppelung gegeben. Auch von Meding und ihre sieben Mitsänger sind nicht von virtuellen Proben begeistert: „Die Zeitverzögerung in der Übertragung ist schwierig, eine richtige Chorprobe ist da nicht machbar.“ Vor allem, da das Oktett meist achtstimmige Werke erarbeite. „Töne üben ist online sicher sinnvoll, aber das brauchen wir nicht. Bei uns geht es darum, zusammen zu singen.“

Gerade dieses Gemeinsame habe sie am meisten vermisst, sagt von Meding. Am Anfang der Einschränkungen sei die relative Ruhe schön gewesen. „Aber irgendwann hat das Musizieren extrem gefehlt.“
Susanne Greiner

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