"Mach‘s wie die Mimose!"

Christian Springers Plädoyer für mehr Toleranz und weniger Angst

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Kabarettist Christina Springer spricht sein Publikum direkt an. Und fordert zum Mit- und Umdenken auf.

Landsberg – „Wir könnten die ersten Menschen sein, die den Weltuntergang miterleben!“. Christian Springers Auftakt zum politischen Kabarett-Abend des s‘Maximilianeums am Tag der deutschen Einheit im Landsberger Stadttheater ist unmissverständlich. Und liegt zynisch ganz auf Kabarett-Linie. Das Programm des 54-Jährigen Müncheners setzt aber einen anderen Schwerpunkt: Mit wahren Geschichten appelliert Springer an das Wichtigste des Menschseins: an Toleranz gegenüber dem Fremden. Und plädiert für das Überwinden der Angst.

Das Ende ist nah. Und Zeit vergeht ja auch so schnell. Welcher Hahn kräht noch nach den Amazonaswäldern? Sind sie gelöscht? Oder kokelt‘s noch? Schon fast vergessen, auch wenn Gretchen – es ist immer das Gretchen, das wusste schon Goethe – weiter warnt. Doch wenn der Mensch nicht verstehen will, dann muss man eben konkret werden, denkt sich Springer. Also: Was wäre, wenn die Welt im November 2037 zuende geht? „Wär blöd, ich hab noch Termine“, flaxt der Kabarettist. Einer der wenigen ‚platten‘ (und deshalb nicht schlechteren) Witze, die am Abend zu hören sind. Da ist noch die Anekdote über den Kaktus, der „das Wasser durch die Fensterscheibe zuzelt“. Oder ein Kommentar zum strahlenden Grab von Umweltminister Alfred Dick, der Tschernobyl-Milchpulver gelöffelt hat. Aber wichtiger ist dem Kabarettisten, Geschichten über das Fremde zu erzählen. Persönliche Geschichten. Denn damit rückt das Fremde in die Nähe. Zum Beispiel England: trotz Brexit gibt‘s da Springers Onkel John: Der konnte 1938 als eines der letzten Kinder mit dem letzten Zug aus Nazideutschland fliehen. Und später Konstantin Weckers erste Platte produzierte.

Springer sind vor allem die wichtig, die in der Gesellschaft unten stehen. Wie die Hartz-VI-Empfängerin, der Jens Spahn bei seinem Besuch („Hartz-IV bedeutet keine Armut“) großzügig sechs Stück Obstkuchen überreichte. Der Helmut-Kohl-Gedächtnis-Fünfer wär‘ natürlich auch möglich gewesen, aber dessen Wert hätte man ja gleich vom Wohngeld abziehen müssen. Und wenn Springer dann als Geschenk für die Frau einen Hund vorschlägt, gegen die Einsamkeit der Armen, dann ist sein Unverständnis, sein Entsetzen vor dem Umgang mit diesen Menschen deutlich zu spüren.

Auch andere Notleidende liegen dem Kabarettisten am Herzen: Geflüchtete. Regelmäßig reist er in den Libanon – „die Sprache kann ich ein bisschen“, denn studiert hat er Semitistik, Orientalistik und Bayerische Literaturgeschichte –, um mit seinem Verein ‚Orienthelfer‘ vor Ort zu unterstützen. Denn wie schon seine Mama gesagt hat: „Wenn jemand hinfällt, dann hilf ihm auf. Egal wer es ist.“

Und was ist mit den ‚deutschen Werten‘? Ja, aber welche sind das denn überhaupt? Was soll sie denn sein, diese ‚Leitkultur‘? Denn „die ‚Würde‘ im Grundgesetz ist eindeutig ein Konjunktiv.“ Und ob jeder Deutsche alle Argumente Thomas von Aquins oder Erasmus von Rotterdams im Repertoire hat, ist fraglich. Was hierzulande ‚gewertet‘ wird, sei nicht Toleranz und Offenheit. Sondern Blutdruck, Cholesterin und Abgas.

Dabei ist das Fremde gerade für Bayern wichtig. Fürs Bayerische Barock, das aus Italien kam. Oder für den Katholizismus, den Iren nach Bayern brachten. Wirtschaftsflüchtlinge schon damals, wie auch die Bajuwaren selbst, die aus Böhmen übersiedelten. Natürlich brachten auch die Römer für Bayern bis dato Fremdes mit: durch die Söldner. Unter denen waren auch syrische Bogenschützen. Und die kommen bei dem ein oder anderen „echten Bayern“ sicher im Stammbaum vor. „Also, seid‘s freundlich, die Verwandtschaft kommt.“ Angst? Fehl am Platz.

Wer trotzdem zurückschreckt, für den hat Springer einen Tipp: Mach‘s wie die Mimose! Das Pflänzchen ist empfindlich: ein Hauch, ein Schatten, ein Blinzeln: Die Mimose zieht sich ein. Aber sie ist wie wir: lernfähig. Lässt man sie fallen und fängt sie auf, zieht sie sich die ersten Male weiter ein. Aber irgendwann bleibt sie stehen. „Sie hat gelernt, dass ihr nichts passiert. Das ist ihr Mimosen-Mut.“ Und das habe so viel mit uns zu tun. „Versuchen wir, aufrecht stehenzubleiben. Denn vielleicht werden wir aufgefangen.“
Susanne Greiner

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