Nicht erziehen, sondern helfen

Wie Corona die Arbeit der Polizei verändert

+
Corona macht die Arbeit der Polizei nicht unbedingt leichter: Vizechef der Landsberger Polizei Michael Strohmeier.

Landkreis – Kaum Verkehr, leere Straßen, stille Nächte: Die Arbeit der Polizei hat sich geändert, seit Corona das Leben reglementiert. „Es war alles deutlich ruhiger“, fasst Hauptkommissar Alfred Ziegler, Chef der Polizeiinspektion Dießen zusammen. „Aber jetzt wacht das Leben wieder auf.“ Was sich auch im Dienst bemerkbar mache. Eine Entwicklung, die Ziegler begrüßt: „Es ist doch schön, wenn alles wieder etwas normaler wird.“ Dennoch: Die immer stärkeren Lockerungen bei weiterhin bestehenden Kontaktbeschränkungen und gefordertem Mindestabstand sorgen für „unangenehme Situationen“, sagt Hauptkommissar Michael Strohmeier, stellvertretender Chef der Polizeiinspektion Landsberg. „Je liberaler die Situation, desto schwieriger wird es für die Polizei.“

In den vergangenen Wochen hat sich der Einsatzbereich der Polizei geändert: Die Verkehrsdelikte haben stark abgenommen. Allerdings gebe es dafür weitaus mehr Fahrradunfälle, vor allem Stürze, so Strohmeier. Einerseits, da mehr Fahrradfahrer unterwegs seien. „Aber auch wegen der Pedelecs, die jetzt auch immer öfter zu sehen sind.“ Viele unterschätzten die Geschwindigkeit, vor allem bergab und in Kurven. „Da passieren dann Fahrfehler, weil eben einfach die Übung fehlt.“ Zugenommen hätten wohl auch Betrugsdelikte im Internet: „Meinem Gefühl nach waren das eindeutig mehr“, sagt Strohmeier. Auch Raser sieht – und hört – der Hauptkommissar jetzt immer öfter. Da der Verkehr in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nicht mehr so im Fokus stehe, missachteten viele die Geschwindigkeitsbeschränkungen. „Wir haben deshalb wieder mit der Laserüberwachung angefangen.“

Weniger geworden sind natürlich die Beschwerden wegen Ruhestörungen in Bezug auf Gaststätten. Auch Einbrüche gab es weitaus seltener: „Wenn alle zuhause sind, bricht eben auch niemand ein“, so der Dießener Chef Ziegler.

Neue Bereiche

Dafür kamen neue Aufgaben dazu: Fragen am Telefon beantworten: Was ist erlaubt, was nicht? Schauen, dass der Mindestabstand eingehalten wird. Prüfen, ob die Leute wegen eines triftigen Grunds außer Haus gehen. Menschen ermahnen, der Maskenpflicht in Geschäften und dem ÖPNV zu folgen. Überprüfen, dass das Kontaktverbot je nach Anordnung – erst nur mit Menschen aus dem eigenen Haushalt, dann mit einem weiteren Haushalt – befolgt wird. Kontrollieren, ob diese Regeln auch bei Demonstrationen gegen diese Regeln eingehalten werden. Kein einfacher Job.

„Die meisten waren sehr kooperativ“ so Ziegler, „die Leute haben Verständnis gezeigt“. Allerdings sei die Nichteinhaltung des Mindestabstands ja schon „seit einiger Zeit nicht mehr bußgeldbewehrt“. Ein Umstand, der die Kontrolle für dessen Einhaltung sicher nicht einfacher gemacht hat. Wenn man beispielsweise acht Jugendliche zusammen gesehen habe, sei kontrolliert worden, erzählt Strohmeier: „Die waren ja wahrscheinlich nicht mehr alle aus einem oder zwei Haushalten.“ Allerdings: „Drei junge Männer, das können natürlich auch Brüder sein.“ Die Polizei bitte dann um die Ausweise, vor allem gehe es aber darum, die Menschen zu überzeugen, ihr Verständnis für die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zu wecken. „Ohne Bußgeld muss man an die Vernunft appellieren.“ Denn man wolle nicht erziehen, sondern helfen.

Einige seien sich der Fehler gar nicht bewusst. „Ein anderer sagt dann aber auch ‚Ja und, was machen Sie jetzt?‘“ Anzeigen habe es aber erst bei Wiederholungstätern gegeben, betont der Vizechef. Ob Ahndungsmöglichkeit bestehe, entscheide dann das Landratsamt. Leichter ist es beim zu geringem Mindestabstand in den Gaststätten: Dort kann der Wirt Anzeige erstatten – und 150 Euro werden fällig.

Anzeigen wegen Nichteinhalten der Regeln habe die Polizei schon bekommen, berichtet der Dießener Polizeichef Ziegler. Dass im Nachbarhaushalt eine Fete steigt, obwohl da eigentlich nur vier Menschen wohnen. Per E-Mail, per Brief, einige kamen auch anonym.

„Natürlich sind wir auch angelogen worden, wenn es zum Beispiel um den ‚triftigen Grund‘ zum Verlassen des Hauses ging. Jeder durfte ja spazierengehen“, gibt Strohmeier zu. Man habe dabei auf Glaubhaftigkeit gesetzt. Und nur die sanktioniert, die sich absolut geweigert hätten, auf andere Rücksicht zu nehmen.

„Wir sind auch angepflaumt worden, warum wir keinen Mundschutz tragen“, sagt der Landsberger Beamte. Dass es keine Maskenpflicht im Auto oder im Freien gebe, sei dabei wohl nebensächlich gewesen. Am Anfang habe man allerdings mit den Masken auch sparsam umgehen müssen – es gab schlicht zu wenige. „Inzwischen hat sich das aber gebessert.“

Die Dießener Polizei konnte sich nicht aufteilen. Hier haben alle wie zuvor weitergearbeitet. „Um in festen Teams zu arbeiten oder um uns abzuwechseln, dazu sind wir hier einfach zu klein“, sagt Ziegler. Strohmeier und Kollegen haben mehr Kapazitäten: „Wir haben Streifenpartnerschaften gegründet, Teams gebildet, die nicht mehr durchmischt werden.“ Um wie in allen anderen Bereichen auch garantieren zu können, weiterhin einsatzbereit zu sein.

Demonstrationen

Demonstrationen gab es im Einsatzbereich der Polizei Dießen nicht, so Ziegler: „Wir haben hier ja eher kleinere Ortschaften.“ Anders in Landsberg. Eine erste Demonstration von Impfgegnern auf dem Hellmair-Platz rief Kritik hervor: Warum die Polizei nicht eingegriffen habe, obwohl der Mindestabstand nicht eingehalten wurde? Mit einem Polizeieinsatz – bei dem rund 30 Beamte nötig gewesen wären, um die geforderte Gleichbehandlung zu garantieren, um also jeden Verstoß ahnden zu können – hätte man den Mindestabstand unter den Zuschauern noch mehr verkürzt, gibt Strohmeier zu bedenken. Und die Infektionsgefahr für die Allgemeinheit weiter erhöht. Er habe das ‚kleinere Übel‘ „sehenden Auges hingenommen“, gibt er zu. Polizeiarbeit sei immer situationsbedingt. „Es geht um Verhältnismäßigkeit.“

Bei der abgesagten Demo auf der Waitzinger Wiese zeigte die Polizei dann starke Präsenz in der ganzen Stadt. „Die Bekanntmachungen auf den sozialen Medien haben uns gezwungen, massiv präsent zu sein“, sagt Strohmeier. Letztlich seien nur wenige vorbeigekommen. Mit denen – „ein ganz neues Klientel für uns“ – habe man aber vernünftig reden können.
Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!
Uttings Bürgermeister Hoffmann ist Vorsitzender von "VHS Ammersee West"
Uttings Bürgermeister Hoffmann ist Vorsitzender von "VHS Ammersee West"
Aus der Zukunft in die Gegenwart - ein Projekt von dieKunstBauStelle Landsberg
Aus der Zukunft in die Gegenwart - ein Projekt von dieKunstBauStelle Landsberg
Landkreis Landsberg: Kapellentag nur virtuell
Landkreis Landsberg: Kapellentag nur virtuell

Kommentare