Nach 20 Minuten: Terminvorschlag

Corona-Impfungen im Landkreis Landsberg: Es geht voran - zumindest teilweise

Physiotherapeutin mit Patient im Rollstuhl
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Obwohl „nahe dran“ am Patienten, sollten sie noch nicht „dran“ sein, was die Impfung betrifft. Mittlerweile haben auch die Pysiotherapeuten eine Impfeinladung bekommen.
  • vonAndrea Schmelzle
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Landkreis – Die Priorisierung bei den Corona-Impfungen ist problematisch und wird oft als ungerecht empfunden (der KREISBOTE berichtete). Angehörige der Berufsgruppe der Physiotherapeuten, die ihre Arbeit direkt am Menschen ausüben und häufig alte und pflegebedürftige Menschen in engstem Kontakt behandeln, fühlten sich etwa gegenüber Lehrern und Kita-Personal benachteiligt, die offenbar vorher an der Reihe waren. Aber es scheint voranzugehen. 

„Unsere gesamte Praxis hat eine Einladung für eine Impfung mit dem Imfpstoff AstraZeneca bekommen“, berichtete schließlich eine Mitarbeiterin einer Landsberger Physiotherapiepraxis erfreut dem KREISBOTEN. Für sie – namentlich möchte sie nicht genannt werden – und ihre Kollegen ein Happy End, das jedoch einen längeren Vorlauf hat.

Denn die Therapeutin war verärgert. Darüber, dass ihre Berufsgruppe, die in ihren Behandlungseinheiten jeweils „für mindestens 20 Minuten ganz dicht am Patienten arbeite“, der Prioritätengruppe 2, also nur „hoher Priorität“, zugeordnet werde, wenn kein ärztlich verordneter Haus- oder Heimbesuch vorliegt. „Höchst grenzwertig bei dieser Enge zu den doch meist älteren Patienten“, sagt sie. Verärgert war sie aber auch darüber, dass die Physiotherapeuten innerhalb dieser Gruppe nun offenbar in der Priorität unter den Lehrern und Mitarbeitern in den Kitas lagen. Die sollten so schnell wie möglich mit dem Impfstoff AstraZeneca versorgt werden. „Was für ein Witz ist das denn?“

„Die Lieferungen BionTech und AstraZeneca erreichen das Impfzentrum in der Regel zweimal die Woche“, erklärt Landratsamts-Sprecher Wolfgang Müller. Derzeit habe man einen wöchentlichen Zugang von circa 1.800 Impfdosen. Genaue Zahlen seien nicht verfügbar. Jeden Tag sei natürlich auch AstraZeneca im Einsatz. Gegenüber diesem Impfstoff besteht jedoch bayernweit Zurückhaltung. Zudem konnte er bisher nur an Unter-65-Jährige verimpft werden, also nicht innerhalb der Gruppe der Personen mit höchster Priorität, in der hauptsächlich über 80-Jährige stehen. Aber jegliche Überschüsse an Impfstoff sollten verimpft und nicht verworfen werden, heißt es von Seiten des Bayerischen Gesundheitsministeriums. Aufgrund der zuvor abweichenden Impfempfehlung für AstraZeneca – nur für Personen bis 64 Jahre – müsse „das Durchlaufen höherer Stufen in der Gesamtheit nicht abgewartet werden, wenn die Personen dieser Stufe, für die die Impfung mit AstraZeneca in Betracht kommt, ein Impfangebot erhalten haben“, so ein Sprecher des Ministeriums. Einfacher ausgedrückt: „Wir impfen derzeit in Prio 2, obwohl Prio 1 noch nicht durchge­impft ist“, sagt Müller. Das führt zu Verschiebungen in der Impfreihenfolge, über die zu entscheiden nicht leicht ist. Mittlerweile haben sich die Regeln geändert: Ab sofort werden auch Personen über 65 Jahre (Prio 1) mit AstraZeneca geimpft. Es sei daher mit einem verstärkten Abfluss von AstraZeneca zu rechnen, sagt Müller. „Auch diese Änderung stellt uns vor große Herausforderungen, die es zu meistern gilt.“

Dass sie ungeimpft ihre Tätigkeit verrichten musste, habe Ängste bei den – vor allem älteren – Patienten geschürt, meint die Therapeutin. „Ich arbeite familiär bedingt nur vormittags“, erzählt sie. Genau dann kämen jedoch hauptsächlich die älteren Menschen. Die Folge: Sie möchten sich nicht mehr behandeln lassen. Eine Kollegin etwa sei seit November nicht mehr bei ihren Hausbesuchen gewesen. Die Patienten seien verunsichert, hätten Angst, eine ungeimpfte Therapeutin zu empfangen. Auch ein Seniorenheim werde nicht mehr von ihr versorgt.

Keine Wertschätzung

„Unser Beruf wird leider, außer von unseren Patienten, nicht ausreichend wertgeschätzt“, glaubt die Therapeutin. Vom Corona-Bonus sei die Berufsgruppe der Physiotherapeuten nicht begünstigt gewesen. „Darüber hätten wir uns ja auch sehr gefreut“, sagt sie. Schließlich sei man durchgehend in persönlichem Kontakt für die Patienten dagewesen. Sie rutschen eben immer durchs Raster, bedauert sie.

Für andere Berufsgruppen ist der Impfstoff AstraZeneca offenbar geradezu beworben worden. In einem Schreiben vom Impfzentrum Penzing an eine Arztpraxis heißt es: „Wir haben aktuell täglich eine größere Anzahl an AstraZeneca-Slots.“ Man bitte um Mithilfe und um Registrierung aller Impfwilligen. Die Physiotherapie-Praxis, in der die Therapeutin arbeitet, hatte dieses Schreiben zunächst nicht bekommen. Nach telefonischer Nachfrage auf die vom Chef eigenständig vorgenommene Praxis-Registierung, hieß es: Zuerst seien die Lehrer dran. Physiotherapeuten wohl eher erst im Juni. Die Therapeutin machte ihrem Ärger Luft: in einer E-Mail an Impfzentrum und Landrats­amt. Zudem registrierte sie sich online als Einzelperson für einen Impftermin – inklusive der Angabe, dass sie mit Krebs- sowie Hoch- und Höchstrisikopatienten arbeite. Vielleicht hätten diese Angaben ja genügt, um hier weiterzukommen, meint sie. „Nach 20 Minuten hatte ich jedenfalls einen Terminvorschlag.“ Und wenig später kam auch das Einladungsschreiben für das gesamte Praxisteam an. Die Bemühungen haben gefruchtet. „Es läuft ja jetzt“, sagt sie – mittlerweile geimpft.

Das Impfzentrum habe inzwischen sowohl Arztpraxen als auch Schulen und Physiotherapiepraxen angeschrieben, sagt Müller. Diese Aktion sei beendet. Die wichtigsten Berufsgruppen in der ‚Prio 2‘ seien damit abgedeckt. Das zeigt: Es geht voran.

Bleibt noch die Frage der Einzelfallentscheidung. Wäre es nicht sinnvoller, einen jüngeren Krebskranken zu impfen als einen 82-jährigen Gesunden? „Wir machen keine Einzelfallentscheidung,“ sagt Müller. „Und sind auch froh darüber.“ Jeder könne sich registrieren lassen, etwa unter Angabe seiner Vorerkrankungen. Den Rest mache der Algorithmus des Systems.
Andrea Schmelzle

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