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Coronapandemie: Rückblick der Landsberger Gesundheitsamts-Leiterin

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Von: Sabine Fleischer, Susanne Greiner

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Gesundheitsamt Landsberg Brünesholz
Mit der Corona-Pandemie liegt eine „äußerst belastende“ Zeit hinter den Mitarbeitern des Landsberger Gesundheitsamtes und seiner Leiterin Birgit Brünesholz. © Julian Leitenstorfer

Landkreis – Nicht nur im Landkreis, sondern in ganz Europa hat sich die Corona-Situation mittlerweile entspannt. Sogar im Fernverkehr fallen nun endgültig die Masken. Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen. Die Leiterin des Landsberger Gesundheitsamtes Dr. Birgit Brünesholz schaut im Interview mit dem KREISBOTEN auf drei Jahre Pandemie zurück und erzählt über die Auswirkungen dieser Zeit auf die Arbeit im Amt.

Drei Jahre ist es her, dass Covid 19 die Welt überrannt hat. Wie lief die Anfangsphase im Gesundheits­amt Landsberg ab?

Birgit Brünesholz: „Der erste bestätigte Fall war ein Mann, der in Kaufering wohnte, aber bei Webasto im Landkreis Starnberg gearbeitet hat. Der erste Fall in Deutschland war also im Landkreis Landsberg, auch wenn in der Presse immer wieder Starnberg genannt wird. Wir waren von Anfang an mit dabei. Zu Beginn wussten wir nur sehr wenig über das Virus, die Erkrankung, den Verlauf und wir konnten auf keine Erfahrungen im Umgang mit dem Virus zurückgreifen. Es war für uns ‚Neuland‘, denn Vorgaben der Fachbehörden kamen erst später.“

Wie liefen die ersten zwei Tage im Gesundheitsamt?

Brünesholz: „Ich hatte am Abend in den Nachrichten von diesem ersten Fall in, angeblich, Starnberg gehört – und dachte gleich, was da jetzt auf meinen dortigen Kollegen wohl zukommen wird. Abends habe ich mich noch soweit wie möglich ins Thema eingelesen. Und am nächsten morgen noch vor sieben Uhr hatte ich das Fax auf dem Schreibtisch: die erste positive Labormeldung, nicht in Starnberg, sondern von dem Mann aus Kaufering. Das hat mich fast vom Stuhl gehauen! Der Mann kam ja dann schnell ins Schwabinger Krankenhaus, und auch das Kind der Familie war schon mehrere Tage nicht im Kindergarten gewesen. Trotzdem waren die Eltern dort extrem besorgt. Ich habe fast stündlich mit dem Kindergarten telefoniert.“

Wie haben Sie den Pandemieverlauf erlebt?

Brünesholz: „Dass sich aus dem ersten Fall in Deutschland auch hier ein nicht, beziehungsweise kaum zu beherrschendes Infektionsgeschehen entwickelt, das sich über drei Jahre hinzieht, damit hat niemand gerechnet.“

Haben Sie sich von der Politik genug unterstützt gefühlt?

Brünesholz: „Auch die Politik stand vor neuen Herausforderungen und einer noch nie dagewesenen Infektionswelle. Wir konnten zwar die Taskforce des LGL (Landesamt für Gesundheit, Anm. d. Red.) anrufen, da hatte ich einen Ansprechpartner, der 24/7 erreichbar war. Auch in der Regierung von Oberbayern gab es für uns Gesundheitsamts-Ärzte Ansprechpartner zum Thema Infektionsschutz.

Aber es gab ja keinerlei Vorgaben am Anfang, niemand wusste Bescheid. Zwar wurden schnell neue Regeln aufgesetzt und versucht, diese auch schnell umzusetzen. Aber natürlich mussten die auch immer wieder revidiert werden. Wir wussten ja auch nicht, wie genau und wie schnell man sich ansteckt oder wie pathogen das Virus wirklich war. Da haben wir im Blinden gefischt.“

Was war konkret schwierig?

Brünesholz: „Ich erinnere mich, dass in den Faschingsferien, als alle im Skiurlaub waren, die ersten Risikogebiete festgelegt wurden. Deren Abgrenzung war aber nicht immer nachvollziehbar. Außerdem haben die sich ständig, zum Teil über Nacht, geändert. Schwierig waren aber beispielsweise natürlich auch Anweisungen für Schulen, die erst abends um zehn kamen und zum nächsten Tag umgesetzt werden sollten. Oder mehrseitige Gesetzesvorlagen, deren Formulierungen man als Nichtjurist nur schwer verstehen konnte. Und wenn man sie verstanden hatte, war die Frage, wie genau legt man das aus?“

Gab es Momente, in denen die Arbeitslast kaum zu bewältigen war?

Brünesholz: „Ja, die gab es natürlich. Ich war immer auch am Wochenende im Gesundheitsamt, habe in dieser Zeit sehr wenig geschlafen. Viele im Gesundheitsamt sind wegen dieser Zeit immer noch sowohl körperlich als auch psychisch mitgenommen, weil wir so lange weit über das normale Maß gearbeitet haben. Das sich wieder Sammeln und sich Regenerieren, das dauert länger als ein paar Wochen. Wir alle haben da Federn gelassen.“

Was war besonders anstrengend?

Brünesholz: „Aus meiner Sicht der Aufbau neuer Organisationsstrukturen. Zum Beispiel waren dem hiesigen Gesundheitsamt zeitweise bis zu 140 Mitarbeiter zugeordnet, insbesondere Soldaten, Polizisten und Beamte anderer Behörden und Institutionen. Im Laufe der Pandemie wurde für jedes Gesundheitsamt ein Contact-Tracing-Team (CTT) gebildet. Auch dafür wurden zahlreiche Mitarbeiter neu eingestellt.“

»Äußerst belastend«

Wie sehen Sie die berufliche Impfpflicht? Wie liefen die Beratungsgespräche dazu?

Brünesholz: Hintergrund für die Einführung der beruflichen Impfpflicht war der Schutz vulnerabler Gruppen, zum Beispiel Bewohner von Altenheimen. Sie sollte als Vorläufer der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht dienen. Es war aber bald klar, dass die politisch nicht durchsetzbar ist. Dass sich die sowieso stark belasteten Berufsgruppen benachteiligt fühlten, kann ich deshalb verstehen. Außerdem war ziemlich schnell klar, dass die Impfung zwar vor schweren Verläufen, jedoch nicht vor Übertragung oder Infektion schützen kann. Im Rahmen der Beratungsgespräche wurde versucht, die Belange der Beschäftigten möglichst zu berücksichtigen. Wir haben auch keine Bußgelder verhängt.“

Haben Kritik oder ‚Querdenker‘ mitunter die Arbeit beeinflusst?

Brünesholz: „Für die Mitarbeitenden war es manchmal äußerst belastend, wenn sie zusätzlich zur exorbitant hohen Arbeitsbelastung Beleidigungen und ungerechten verbalen Angriffen ausgesetzt waren. Verunglimpfungen oder auch Beleidigungen, die sogar Familienmitglieder von Mitarbeitenden betroffen haben, mussten ausgehalten und verkraftet werden. Da ist schon manch einer der Mitarbeitenden in Tränen ausgebrochen.

Ein konkretes Beispiel für rücksichtsloses Verhalten: Ein Mann, dem der Testabstrich zu lange gedauert hatte, ist mit Vollgas aus der Teststation rausgefahren ... Solche Fälle waren aber zum Glück nicht die Regel. Der Großteil der Bevölkerung im Landkreis ist sehr wertschätzend mit uns Mitarbeitenden umgegangen.“

Ist das Amt die Anlaufstelle bei eventuellen Impfschäden?

Brünesholz: „Ja, gemäß Infektionsschutzgesetz sind die Gesundheitsämter dazu verpflichtet, bereits Verdachtsfälle über Impfschäden aufzunehmen, Bürger zu beraten und das Paul-Ehrlich-Institut zu informieren.“

Die Maßnahmen wurden nur langsam zurückgenommen. War die Aufhebung der Isolationspflicht nicht längst überfällig?

Brünesholz: „Es war schwierig, mögliche schwerwiegende Auswirkungen jeder Mutation von Beginn an so abzuschätzen, dass man die Vorgaben hätte lockern können. Vorsichtshalber wurde deshalb doch lange gewartet. Nachdem die Omikron-Welle aber ausgewertet und beurteilt worden war, ist die Aufhebung der Isolationspflicht sicherlich gerechtfertigt gewesen. Es war angemessen, dann auf die Eigenverantwortung der Bürger zu setzen.“

Versäumnisse?

Welche Aufgaben musste das Gesundheitsamt während der Pandemie hinten anstellen?

Brünesholz: „Da alle im Amt mit dem Pandemiegeschehen ausgelastet waren, konnten einige Aufgaben wie zum Beisiel Schul­eingangsuntersuchungen nicht im vollen Umfang durchgeführt werden. Im Schuljahr 2021/22 wurden rund 1.400 Kinder durch unsere Fachkräfte der Sozialmedizin in einem mit dem Ministerium abgesprochenen, aber sehr reduziertem Umfang begutachtet.

Zum Glück gab es in dieser Zeit vergleichsweise wirklich wenig Bedarf an amtlichen Gutachten. Wir hatten kaum Meldungen über Noroviren oder Influenza. Auch die Präventionsarbeit an Schulen war nur sehr eingeschränkt möglich. Viele der Mitarbeitenden waren auch auf die akute Krisenintervention fokussiert. Wenn es zum Beispiel schwere Erkrankungen der Eltern in einer Familie gab oder Ähnliches.“

Welchen Raum nimmt Corona zur Zeit ein? Wie bewerten Sie die jetzige Lage, Stichwort: China?

Brünesholz: „Unser CTT ist in reduzierter Form noch tätig, die Mitarbeitenden sind regulär noch bis Ende Juni beschäftigt, Angestellte im CTT mit medizinischen Ausbildungen, also Krankenschwestern oder Arzthelfer, sind bis Ende des Jahres beschäftigt und werden vom Gesundheitsamt in den Bereichen Infektionsschutz und Schuleingangsuntersuchungen eingesetzt.

Aktuell wird im CTT beispielsweise die Rückabwicklung und auch die Dokumentation vervollständigt, die Datenbank wird so umgerüstet, dass Anfragen auch in Zukunft bearbeitet werden können.

In Bezug auf China liegen uns aktuell keine detaillierten Informationen vor. Man geht jedoch bei der derzeitigen Infektionswelle von Omikron-Varianten aus, die zwar sehr infektiös sind, aber entsprechend der in Deutschland zirkulierenden Omikron-Varianten nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ,gefährlicher‘“.

Welche Lehren kann man aus der Pandemie ziehen? Was bleibt in Erinnerung?

Brünesholz: „Ähnlich der Influenza-Pandemien ist das Coronavirus bei uns mittlerweile endemisch. Eine Aufarbeitung der letzten drei Jahre ist sicherlich nötig, um für künftige Pandemien gerüstet zu sein, zum Beispiel was den Aufbau neuer Organisationsstrukturen angeht oder was konkret die Auswirkungen einer Pandemie auf ein Amt sind. Was die Maßnahmen angeht: Mit den Schulschließungen hätte man wohl etwas vorsichtiger sein können. Über die Konsequenzen , was es bedeutet, wenn die Kinder nur noch zuhause sind, war sich wohl niemand vorher bewusst.

Insgesamt war es eine anstrengende und sehr belastende Zeit, die uns alle vor extreme Herausforderungen gestellt hat. Ich bin dankbar, dass das Team des Gesundheitsamtes das trotz allem gemeistert hat.“

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