Die "geschenkte Zeit" nutzen

Coronakrise - Was im Landkreis Landsberg noch geplant ist

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Das Infektmobil, das die Infektambulanz unterstützt, ist nur eine der Maßnahmen, die der Landkreis anlässlich der Corona-Pandemie eingerichtet hat. Weitere Pläne stehen an.

Landkreis – „Wir hatten bisher nur Glück.“ Der Versorgungsarzt des Landkreises Landsberg, Dr. Markus Hüttl, warnt davor, angesichts der Lockerungen leichtsinnig zu werden. Man solle sich nicht auf dem milden Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland und auch speziell im Landkreis ausruhen und darauf setzen, dass sich die Situation nicht verschlimmern könnte. Vielmehr müsse man die „geschenkte Zeit“ nutzen – und für eine zweite Infektionswelle, die auch exponentiell verlaufen könnte, planen. Was der Landkreis bisher getan hat und was noch ansteht, darüber informierten im Kreisausschuss vergangene Woche Hüttl und die Leiterin der Führungsgruppe Katastrophenschutz, Maria Matheis.

„Wir haben einen Warnschuss bekommen“, sagt Hüttl in Bezug auf den Verlauf in anderen Ländern, beispielsweise Italien. „Jetzt können wir uns vorbereiten.“ Bisher habe es einen stark verzögerten Verlauf der Infektionen gegeben. Die Zahl der Infizierten in der Bevölkerung liege unter einem Prozent – was aber nicht nur positiv zu sehen sei. Um COVID-19 zu einer Krankheit zu machen, die ebenso handhabbar sei wie die endemische Grippe, müssen mehr Menschen dagegen Antikörper gebildet haben – sich also mit dem Virus infiziert haben. Ziel sei weiterhin die Zahl der Infizierten so gering zu halten – ‚flatten the curve‘ –, dass die medizinische Versorgung immer gewährleistet werden könne.

Die Aufgaben der Führungsgruppe Katastrophenschutz konzentrierten sich auf vier Schwerpunkte, beschreibt Matheis: Schutzausrüstung, Drive-In-Teststrecke, Steigerung der Intensivkapazitäten sowie die diversen Hotlines.

Eines der größten Probleme liege weiterhin in der Beschaffung der Schutzausrüstung, sagt Matheis. Von der anfangs versprochenen zentralen Verteilung aus München sei „sehr herzlich wenig“ gekommen. Seit die Landratsämter selbst die Ausrüstung beschaffen dürften, bessere sich die Situation langsam. Mangelware seien besonders Schutzkittel. Man habe in China und Bulgarien bestellt, vor allem um den landkreiseigenen Einrichtungen wie Heimen zu helfen: „Die bekommen selbst so gut wie nichts.“ Bisher werde die Ausrüstung von einem Mitarbeiter und sechs Azubis mehrmals täglich ausgefahren. „Das kann aber so nicht weitergehen.“

Die Situation in der Test-Station am Sportzentrum entspanne sich wie auch in anderen Landkreisen, „warum auch immer“, sagt Matheis. Im Durchschnitt teste man momentan125 Personen am Tag, bis zu 600 sind möglich. Dennoch fordere der Staat eine Kapazitätenausweitung. Dabei teste das Gesundheitsamt von 11 bis 14 Uhr, ab da sei der Kassenärztliche Verband Bayern (KVB) im Auftrag des LGL bis 17 Uhr zuständig – und nutze die Infrastruktur des Landrats­amtes. Über die Fähigkeiten des KVB zur Bewältigung der Krisensituation gelte es indessen „später noch zu sprechen“, betonte Landrat Thomas Eichinger.

Die klinische Versorgung ist laut Matheis noch gut, insbesondere, da im Klinikum nur 60 Prozent der Betten belegt seien. Zudem habe man 15 weitere Beatmungsgeräte bestellen können, „sodass wir jetzt auf 25 Beatmungsplätze im Klinikum kommen“, informiert Eichinger. Dabei habe der Landkreis fünf Masken für 146.000 Euro und die anderen zehn für 210.000 Euro erwerben können.

Ein Versorgungsproblem sieht Matheis vor allem in Pflegeeinrichtungen. „Hier können die Personen oft nicht ausreichend isoliert werden.“ Bisher habe es Einzelinfektionen in vier Seniorenheimen im Landkreis gegeben. Diese Personen habe man noch isolieren können. Im Magnusheim oder auch der Lebenshilfe sei eine Isolierung aber beispielsweise nicht möglich. Insgesamt müsse man Strukturen bis mindestens Jahresende planen, betont Matheis: „Das Virus bleibt.“

Was ist geplant?

Ein Pendant der Infektambulanz, die seit dem 6. April beim Klinikum eingerichtet ist, soll auch für eine zahnärztliche Behandlung entwickelt werden, sagt Hüttl. Und zwar so weit, dass sie sofort bei Bedarf eingreifen könne. Insgesamt liege der Fokus aber auf den Seniorenwohnheimen, den Unterkünften für Menschen mit Behinderung und anderen Sammelunterkünften. Deshalb werde man ein Altenpflege-Epidemie-Kontrollteam (APEK) einrichten. Dieses werde in den Institutionen beispielsweise Schleusen einrichten, um zu verhindern, dass das Virus von außen hereingeschleppt werde. „Man muss auch die psychische Situation der Bewohner beachten“, sagt Hüttl. Der Besucherstopp wirke sich hier extrem aus, „das ist so nicht zu halten“.

Zudem werde man in den Heimen ein elektronisches Früh­warnsystem einrichten: Alle Bewohner sollen zweimal am Tag untersucht werden. Die Daten „landen auf einem gesicherten Server“, verspricht Hüttl. Sobald jemand Fieber bekomme, werde eine SMS abgeschickt, sodass das APEK-Team die Person isolieren könne. Für die Isolierung von Pflegebedürftigen schwebe dem Landkreis Landsberg das ehemalige Senioren-Landhaus in Riederau vor, das 2019 Insolvenz angemeldet hatte und schließen musste. Hier könnten bis zu 60 Bewohner aufgenommen werden. Menschen, die nicht pflegebedürftig seien – zum Beispiel Bewohner einer Asylunterkunft – könne man in Penzing unterbringen. Hier denke man an ein oder zwei Häuser auf dem Flieger­horstgelände mit einmal 79 Plätzen und einmal 34 Plätzen. Den Transport dorthin könne das Infektmobil leisten.

Über vier Millionen Euro

„Die Kosten sind noch ungewiss“, urteilt Kreiskämmerer Thomas Markthaler. Für die Teststation werde man bis Jahresende geschätzt 2,2 Millionen Euro ausgegeben, 750.000 Euro sehe man für Schutzausrüstung vor, 670.000 Euro für die Einrichtung der Isolierstationen in Riederau und Penzing. Insgesamt setzt Markthaler bis Jahresende eine Summe von knapp 4,3 Millionen Euro an. Dafür werde es wohl keine Erstattungen aus dem bayerischen Katastrophenschutzfonds geben. Dazu kämen noch Einnahmenausfälle, wie beispielsweise auch im Klinikum durch die verschobenen Behandlungen. Hier rechne er mit rund einer Million Euro, so Markthaler.

Ermächtigung erteilt

„Ich mache mir dabei keine Sorgen um die Liquidität des Landkreises“, betont Eichinger. Der Kreisausschuss stimmte einstimmig zu, für die Deckung der außerplanmäßigen Ausgaben Einsparungen aus 2019 zu verwenden. Ebenfalls einstimmig beschloss der Ausschuss, Eichinger bis zu einer Summe von 100.000 Euro zu ermächtigen, eigenständig Verträge im Rahmen des Katastrophenfalls beschließen und Deckungsmittel bereitstellen zu können. Sollte die Summe 100.000 Euro übersteigen, gab der Kreisausschuss dem dann zuständigen Kreistag die Empfehlung, die Ermächtigung auszusprechen.

Dem Antrag des BRK Landsberg auf Garantie der vollständigen Erstattung der Lohnkosten, die aufgrund der BRK-Mithilfe in der Infektionsambulanz entstehen, sollten diese wie zu erwarten nicht vom staatlichen Katastrophenschutzfonds übernommen werden, stimmte der Kreisausschuss nur mit gewissen Einschränkungen zu. So ist die Höhe der Zuwendung auf 20.000 Euro beschränkt und wird nur erteilt, „wenn die Aufwendungen das BRK unzumutbar belasten“.
Susanne Greiner

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