"Das hängt einem nach"

COVID-19-Patient: Ein Arzt aus dem Klinikum Landsberg berichtet

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COVID-19-Lunge: Die hellen Stellen zeigen die Entzündung. Manche COVID-19-Lungen sind fast weiß.

Landsberg – COVID-19 – der Name einer Krankheit, die bis vor Kurzem niemand kannte und über die noch nicht viel bekannt ist. Eine Krankheit mit unspezifischen Symptomen, die den einen dreimal husten lässt, während sie den anderen tötet. Was es bedeutet, an COVID-19 zu erkranken, erzählt ein Arzt aus dem Klinikum Landsberg. Er ist nach fünf Wochen fast wieder gesund. „Aber man hat da schon existentielle Ängste.“

Er sei in Südtirol beim Skifahren gewesen, erzählt der 43-Jährige, der anonym bleiben möchte. Dann habe er Fieber und Gliederschmerzen bekommen, „wie bei einer Influenza“. Der Test auf das SARS-CoV-2-Virus fiel positiv aus, weshalb er zuhause in Quarantäne ging – und dort die nächsten drei Wochen mit Fieber, Gliederschmerzen und Husten völlig außer Gefecht im Bett lag. „Danach war ich immer noch nicht belastbar, kurzatmig und total kaputt. Jetzt, nach fünf Wochen, bin ich fast wieder gesund“, erzählt er. Manchmal ist er etwas kurzatmig, muss ab und zu noch husten. „Diese Krankheit hängt einem nach.“

Obwohl er Arzt ist, habe er Angst gehabt. „Auch weil ich weiß, dass man bei einem schweren Verlauf mit künstlicher Beatmung eine Überlebenschance von nur etwa 50 Prozent hat.“ Wie sich die Krankheit bei jedem einzelnen entwickle, könne man ja nicht vorhersagen. „Das nicht zu wissen, hat mich psychisch belastet.“ Dass er zu keiner Risikogruppe gehört und noch relativ jung ist, sei nicht beruhigend gewesen: „Erst kürzlich ist jemand in einer nahen Klinik an COVID-19 gestorben. Bei uns auf der Intensivstation sind bisher weitgehend ältere Menschen, aber bayernweit gibt es immer mehr jüngere Menschen, die einen schweren Krankheitsverlauf haben.“ Dass manche Ärzte immer noch behaupten, die Krankheit sei nicht schlimmer als eine Grippe, findet er erschreckend.

Tag 1 der COVID-19-Erkrankung

Manche Patienten hätten fast keine Atemprobleme, obwohl ihre Sauerstoffwerte sehr schlecht seien. „Auch die Röntgenbilder der Lungen sehen oft dramatisch aus, wie bei einem kompletten Lungenversagen.“ Die Lunge brauche lange, bis sie sich erhole. „Auch andere Organe können Schaden nehmen, Herz- und Kreislaufprobleme und natürlich Kurzatmigkeit können Folgen der Krankheit sein.“ Wie bei jeder Intensivbehandlung könne auch eine COVID-19-Intensivbehandlung, insbesondere die künstliche Beatmung, dauerhafte Schäden verursachen. Die genauen Folgen seien noch nicht absehbar, „da wissen wir noch zu wenig“.

Tag 2 der COVID-19-Erkrankung

Die Stimmung im Klinikum bezeichnet der Mediziner „als sehr professionell, auch wenn die normale Arbeit nur eingeschränkt möglich ist“. Dennoch fehle der persönliche Kontakt, auch beim medizinischen Personal. „Wir haben keine Cafeteria mehr. Klar können wir uns meterweit entfernt voneinander hinsetzen. Aber auch, dass alle mit Mundschutz arbeiten, macht eine seltsame Stimmung.“

Tag 21 der COVID-19-Erkrankung

Am schwierigsten sei das Nicht-Wissen über COVID-19: „Wir leben von Woche zu Woche und müssen schauen, was kommt.“ So stehe beispielsweise die Nachricht, dass in Südkorea bei bereits Genesenen die Krankheit angeblich wieder ausgebrochen sei, gegen Testergebnisse bei Affen, die nahelegten, dass gebildete Antikörper einen zweiten Ausbruch verhinderten. „Da muss man aber auch fragen: Wie wurde in Südkorea der Zustand ‚geheilt‘ definiert? Mit schlechten Nachrichten kann man umgehen. Aber Unsicherheit greift uns alle so an.“

Es gebe aber eine gute Nachricht: „Sicher waren schon einige mit dem Virus infiziert, ohne Symptome zu entwickeln.“ Der bei Krankheitsverdacht verwendete Schnelltest mittels Abstrich, der testet, ob das Virus in Nase und Rachen nachweisbar ist, habe eine Trefferquote von nur etwas 50 Prozent: „Meine Frau und meine drei Kinder wurden zum Beispiel auch alle negativ getestet. Und das ist bei dem engen Kontakt eigentlich kaum möglich.“ Falsch-negative Tests könnten eventuell dann resultieren, wenn der Abstrich nicht korrekt, zu früh oder zu spät gemacht werde – und das Virus bereits nicht mehr im Rachen vorhanden ist. Möglicherweise hatten also schon weit mehr Menschen in Deutschland Kontakt mit dem Virus, als die Statistiken belegen.

Die jetzt vom Staat geplanten Lockerungen seien ein schmaler Grat, beurteilt der Mediziner. „Ich habe auch das Gefühl, dass sich die Leute seit Ostern nicht mehr so streng an die Abstandsregeln halten.“ Jetzt zu denken, alles sei überstanden, ist aber falsch, „Wirtschaft hin oder her“. Man müsse sanft lockern und immer die Zeit geben, um nach drei bis vier Wochen sehen zu können, wie sich die Lockerungen auswirkten. „Wir sind erst am Anfang der Pandemie, das wird uns noch viele Monate beschäftigen.“ Die verordnete Maske verringere eine Übertragung mittels Sprechen und Atmen schon sehr. Momentan erwarte man zwar einen weiterhin langsamen Anstieg der Infektionszahlen. Die Hauptwelle werde aber vielleicht, wie zu Beginn der Pandemie prognostiziert, in Deutschland erst im Juni oder Juli auftreten. „Keiner weiß, was in sechs Wochen sein wird. Und ich möchte nicht die Situation erleben, dass wir nur noch zwei Intensivplätze frei haben, aber fünf Patienten behandelt werden müssen.“

Dass die momentanen Anordnungen seitens des Freistaats die persönliche Freiheit eingrenzen, kann der Arzt zwar nachvollziehen. „Selbsteinschränkung ist nicht jedem gegeben.“ Er hoffe aber, dass der Egoismus, der sich in den letzten Jahren in der Gesellschaft verstärkt habe, wieder abnehme. Und dass man sich auf das rückbesinne, was wirklich wichtig ist. „Denn Freiheit und Sicherheit sind untrennbar, auch wenn sie sich gegenseitig beschneiden.“
Susanne Greiner

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