Capri und der "Ochsensepp"

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In einer kurzen Gesprächsrunde anlässlich den 70-Jährigen der Landsberger CSU äußerten sich die Politiker zu aktuellen Themen (von links): Vizepräsident des Europäischen Parlaments a.D. Dr. Ingo Friedrich, Landtagsabgeordneter Alex Dorow, Oberbürgermeister Mathias Neuner und Landtagsabgeordneter Dr. Thomas Goppel.

Landsberg – Vor 71 Jahren schmiedeten der „Ochsensepp“ Josef Müller und der amerikanische Betreuungsoffizier Dale Clark im Hotel „Paradiso“ auf der Insel Capri die Pläne zur Gründung einer christlich sozialen Partei. Die Ortsgruppe Landsberg hätte letztes Jahr fast das 70. Jubiläum mitfeiern können: Sie wurde jedoch erst am 4. Januar 1946 im „Gasthof zur Glocke“ gegründet, weshalb die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag erst am vergangenen Sonntag im Stadttheater stattfanden.

Neben zahlreichen CSU-Stadtratsmitgliedern und Angehörigen der Ortsgruppe nahmen unter anderem Oberbürgermeister Mathias Neuner sowie die beiden Landtagsabgeordneten Dr. Thomas Goppel und Alex Dorow an dem Festakt teil. Auf Bundestagsabgeordneten Alexander Dobrindt warteten die Anwesenden sowie die zwei dafür abgestellten Polizeibeamten vergebens.

Zur Einstimmung gab es eine Sendung des BR zum Thema „70 Jahre CSU“ zu sehen, die die bewegte Geschichte der Partei vorstellte. Der Filmbeitrag stammt aus der Reihe „Kontrovers“, war jedoch ein klein wenig modifiziert: Die kritischen Anmerkungen des Politikwissenschaftlers Michael Weigl wollte man beim Festakt in der Lechstadt wohl doch nicht hören und ersetzte sie kurzerhand durch wohlmeinende Worte des Parteivorsitzenden. Mathias Neuner, der im Lauf des Abends viel Lob und das Prädikat „coole Socke“ verliehen bekam, hieß die Anwesenden herzlich willkommen, bevor Volkswirtschaftler und Vizepräsident des Europäischen Parlaments a.D. Dr. Ingo Friedrich ans Mikrofon trat: Bayern, Europa, und die Flüchtlinge waren Inhalte seiner Festrede.

„Bayern und damit die CSU haben eine phänomenale Entwicklung hinter sich“, leitete Friedrich ein. Der Freistaat stemme zwei Drittel des Länderfinanz­ausgleichs – weshalb Bayern praktisch Europa finanziere –, schneide im PISA- und Hochschulranking weltweit gut ab und zähle jedes Jahr mehr Einwohner. Natürlich auch Flüchtlinge, wobei Bayerns Politik auch hier vorbildlich sei: „Wir halten die Spannung aus, wir sind Christen, aber wir haben auch Verstand.“ Bayern helfe, so weit es gehe, „aber auch der heilige Sankt Martin hat nur seinen halben Mantel gegeben.“

Den derzeitigen Stopp des Flüchtlingsstroms aufgrund nationaler Maßnahmen müsse man zur Integration nutzen. Ebenso gelte es, die Situation in den Fluchtländern zu stabilisieren. „Mit der Türkei müssen wir reden, um an der syrisch-türkischen Grenze Zeltstädte als Schutzzonen einrichten zu können“, forderte Friedrich. Dort könnten die Flüchtlinge bis zur Rückkehr in ihre Heimat bleiben.

Mehrere Landsberger Stadträte empfanden Friedrichs Ansicht als etwas zu undifferenziert: „Wir brauchen die Flüchtlinge für unsere Wirtschaft“, betonte etwa Berthold Lesch, „ein Leben in der Komfortzone ohne Veränderung ist nicht möglich.“ Dennoch sehe auch er, Lesch, die Notwendigkeit einer europäischen Lösung.

Zum Thema Europa resümierte Friedrich, dass die Außengrenzen geschlossen werden müssten. Europa franse an den Rändern aus und stehe kurz davor zu zerbrechen: „28 Mitgliedsstaaten, die in unterschiedliche Richtungen ziehen, sind einfach zu viel.“ Seine Vision sei ein verkleinertes Europa, bestehend unter anderem aus Deutschland, Dänemark, den Beneluxländern und Österreich, mit klaren Spielregeln. Und auch der Möglichkeit, eine europäische Armee zu generieren, was die finanziellen Mittel für jeden Mitgliedsstaat stark reduzieren würde.

Thomas Goppel stimmte Friedrich zu: Die ehemaligen Ostblockstaaten seien zu schnell und ohne Bedingungen aufge­nommen worden: „Wir brauchen ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten, das aus einer Kerngruppe besteht, wobei weniger integrationswillige Staaten zum Beispiel im Bereich Währungsunion nicht einbezogen werden müssen.“

Die Ergebnisse der Landtagswahlen und die damit verbundene „Watsch‘n für die Schwesterpartei“ (Dorow) bremste die Stimmung beim gemütlichen Zusammensein trotz Musik der 12th Street Jazz Connection. Dorow fragte in Bezug zur „Watsch‘n-Wahl“ auch Goppel, wie man die inzwischen nur mehr „entfernten Verwandten“ CDU und CSU wieder zusammenbringe – einen Zwiespalt, den Goppel mit dem religiösen Nord-Südgefälle begründetet, jedoch nur als „Zickenkrieg“ abtat.

Der Eresinger Kreisrat und Bürgermeister Josef Loy sah die Watsch‘n und den Ausgang der Landtagswahlen „im Rahmen der Erwartungen, aber es ist sicher kein Stimmungsbarometer für die Bundestagswahl“. So hofft auch Dr. Thomas Goppel, die zahlreichen Neuwähler, die für den Erfolg der AfD verantwortlich waren, in Zukunft für die eigene Partei gewinnen zu können.

Susanne Greiner

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