Heißer Auftritt im Stadttheater

Dachauer Bigband: Verdammter Beat mit Discokugel

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Die Dachauer Bigband im Theaterfoyer gibt alles: Bandleader Tom Jahn (rechts) und Sänger und Gitarrist Tobi Eichhorn im Goldjacket in den Lüften.

Landsberg – Bigbandmusik war früher laut, wild und schräg. Quäkende Bläser, treibende Beats, schweißtreibende Musik, die in die Beine ging. Bigband heute ist davon oft weit entfernt. Weiße Anzüge, distinguierte Musiker, ein Dirigent, der mit smartem Lächeln seine Jungs unter Kontrolle hält. Wer mit James-Last-Erwartungen zum Auftritt der Bigband Dachau im Stadttheater kam, wurde enttäuscht. Denn die Bigband ist alles, aber nicht distinguiert. Sie ist eine Abenteuerreise fürs Publikum. Aus freien Stücken. Bigband Dachau, das ist reine Energie.

Dass hier nicht James Last auf der Bühne steht, ist sofort zu sehen. Denn auch wenn die Bigband Dachau ein Ensemble der Knabenkapelle ist, ist sie vom adretten Knaben weit entfernt. Der Gitarrist trägt Schlaghose und Turban. Ein Trompeter mit Puck-die-Stubenfliege-Brille hat die kesse Haarschleife über dem raspelkurzen Haar drapiert. Und Sänger Tobi Eichhorn überzeugt mit Satchmo-„Yeah!“ und nacktem Bauch unterm geöffneten Goldjackett. 

Bauch unterm Goldjackett

Denn ja, es glitzert und funkelt überall. Sogar die Instrumente tragen Lichterkette. Und dann noch die Musik: Gitarren, Synthie und zwei Drumsets verstärken den massiven Bläsersatz. Und erzeugen Tanzbeat zwischen Jazz, Elektro, Techno und Bigbandsound. Der Beat, so heftig, dass der Synthie fast vom Tisch rutscht, geht sofort ins Blut und aktiviert die Beine. Wie die roten Schuhe im Märchen, die jeden, der sie trägt, zum Tanzen verdammen.

Die Musiker sind Schüler oder Studenten. Immer wieder durch neuen Nachwuchs aufgefrischt: Benjamin an der Posaune ist 13, Pianist Maxi neun. Leiter Tom Jahn ist Legende. In den Tiefen des Bayerischen Walds geboren, springt er wie ein Flummiball, holt die Trompeten mit großer Geste zum Einsatz ab, zählt den Countdown. Sein aka-Name: „Tom Tornado“. Schon nach wenigen Takten fließt bei dem 39-Jährigen der Schweiß. Wie er das Konzert durchhält? Keine Ahnung. Es wird wohl die Leidenschaft zur Musik sein. Vor allem zum Miteinander: „Er treibt auch noch uns an mit seiner Energie“, sagt einer der Schlagzeuger nach dem Konzert ermattet.

Jahn komponiert auch, macht die Arrangements. Da gibt es „Öresund für meine Perle“; eine Hommage an den „größten Komponisten aller Zeiten“, Beethoven, zitiert dessen Fünfte. Oder das Arrangement von Stevie Wonders „Music“, vom Tempo her doppelt so schnell wie das Original. Denn die Bigband will, dass wieder getanzt wird. Zum Bigbandsound. Im Stadttheater schafft sie das vom ersten Takt. Auch wenn fast bis zum Schluss der „Schlund“ zwischen Band und Zuschauern freibleibt. Und erst beim letzten Walzer im Balkantempo verschwindet.

Trompeter mit Schleife

Letztes Jahr hatte die Band das Konzert ihres Lebens: Unter Palmen mit dem Genfer See im Rücken spielte sie ihren „verdammten Beat“ beim Montreux Jazz Festival. Neben Herbie Hancock und Tom Jones. Eingestimmt hat Jahn dort mit einem Gustav-Mahler-Zitat: „Mein Verständnis von Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitertragen des Feuers“. Heuer haben die Dachauer den Tassilo-Kunstpreises der Süddeutschen Zeitung gewonnen.

Die gut 100 Zuhörer im Stadttheater tanzen und jubeln, die Discokugel wirft Lichtpunkte, der Schweiß fließt. Am Ende kommt die Landsberger Trommelgruppe Samba Outravez dazu – Rhythmus in voller Lautstärke. Nicht jeder Ton sitzt. Aber Perfektion wäre auch der Tod der Lebenslust, die die Bigband Dachau versprüht. Nächstes Jahr sollen sie wiederkommen, sagt Edmund Epple. Eigentlich ein Muss für jeden. Denn schreiben könnte man noch viel. Aber wie sagt Jahn: „Talking about Music is like singing about Football.“

Susanne Greiner

Viel Blech für den massiven Sound

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