Rathauskonzert

Bestseller aus ritterlichem Mund

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Gwyneth Jones deklamierte beim Rathauskonzert Richard Strauss Melodram „Enoch Arden“. Am Flügel begleitete sie Adrian Müller, Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz.

Landsberg – Eine Stimme, ein Klavier und Dramatik in Reinform. Das Rathauskonzert mit Stargast Dame Gwyneth Jones und Adrian Müller am Flügel bot Kopfkino der besonderen Art. Die bekannte Sopranistin sang jedoch nicht. Sie rezitierte. Mit ihrer eindringlichen Stimme erweckte sie Lord Tennysons Versepos „Enoch Arden“ zum Leben. Wellen brandeten an Englands raue Klippen, Männer fantasierten auf einsamen Inseln, Menschen verliebten sich und Menschen starben. Richard Strauss steuerte die Musik zu diesem Kassenschlager des 19. Jahrhunderts bei. Und beim Vortrag von Gwyneth Jones und Adrian Müller ließ sich erahnen, warum Strauss in einem Brief von „ganzen Wasserbächen von Weiberverehrung“ schrieb.

„Eine der bekanntesten Stories des 19. Jahrhunderts“ versprach Cellist Franz Lichtenstern in seiner Einleitung. Dass diese Darbietung mit der grandiosen Gwyneth Jones in Landsberg stattfinden konnte, ist vor allem ihm zu verdanken. Als Mitglied im Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz kennt er natürlich den stellvertretenden Chefdirigenten Adrian Müller. Der wiederum hat mit Gwyneth Jones schon zahlreiche Konzerte bestritten. Und so konnte das Publikum im Festsaal des Historischen Rathauses in Landsberg die berühmte Sopranistin ganz nah erleben. Ein einmaliges Ereignis, zu dem auch Gäste aus Wien, Salzburg und sogar Bukarest anreisten.

Schon im Wort „Melodram“ sind die Bestandteile dieser Kunstform zu erkennen: Melodie und Dramatik, Klang und Wort. „Rezitate kommen immer dann, wenn es besonders gruselig ist“, erklärt Lichtenstern. So in der schaurig-romantischen Wolfsschlucht im „Freischütz“. Oder der einzige gesprochene Satz in „La Bohème“: „Wieso schaut ihr mich so an?“ Strauss schrieb die Musik zu Tennysons „Enoch Arden“ mit einem Hintergedanken: Er wollte Generalmusikdirektor am Nationaltheater München werden, weshalb er sein Werk dem damaligen Intendanten und Schauspieler Ernst Heinrich Possart widmete. Mit ihm gemeinsam führte Strauss das Werk unzählige Male auf – ein wahrer Hit. Strauss als Generalmusikdirektor klappte hingegen nicht.

„Enoch Arden“ erzählt eine Dreiecksgeschichte: „Das schmuckste kleine Mädchen Annie Lee“, Müllersohn Philipp Ray und der draufgängerische Seemannssohn Enoch Arden kennen sich schon als Kinder, „bauten Schlösser sich von lockerem Sand.“ Natürlich verlieben sich die Jungs in Annie – sie heiratet Enoch. Als für den die heimischen Aufträge ausbleiben, heuert er auf einem Schoner an. Annie ist entsetzt, hat sie doch die Ahnung, „dass ich dein Antlitz nimmer wieder seh“. Zum Andenken schneidet sie ihm eine Locke ihres jüngsten Sohnes ab. Nach Enochs Abreise holt Annie das Pech ein: Sie wirtschaftet schlecht, verarmt, schließlich stirbt ihr jüngstes Kind. Annie wartet Jahre auf ihren Gatten. Doch schließlich gibt sie Philipps Drängen nach und heiratet ihn. Sie bekommt gar noch einen Sohn und in diesem Moment vergisst sie das letzte, was ihr von Enoch geblieben ist, eine „rätselhafte Ahnung“.

Enoch indessen ist nach einem Schiffbruch auf einer einsamen Insel gestrandet. Nach unzähligen Jahren kehrt „der Eremit mit langem Haar und Bart, kaum ein Menschenbild“ nach England heim. Doch als er Annie mit Philipp aus der Ferne erblickt, beschließt er, ihr Glück nicht mehr zu stören. Sein Herz zerbricht, und auf dem Sterbebett bittet er darum, Annie die Locke des Jüngsten zu geben. Als Zeichen, dass er „heute noch so treu sie liebend wie damals als wir ruhten Haupt an Haupt“. Und mit den Worten „Ein Schiff“ Ein Schiff, ich bin gerettet!“ stirbt unser Held.

Mit Tiefgang

„Dame“ ist der britische Adelstitels eines Ritters, das weibliche „Sir“. „Ritterin“ Gwyneth Jones zauberte aus einem leicht kitschigen Epos ein dramatisches Werk. Ihre satte Stimme gibt den Worten Tiefgang. Das Publikum hört gebannt zu, es ist mucksmäuschenstill. Zwischen den Textpassagen spielt Adrian Müller am Flügel Strauss‘ musikalische Einwürfe mit leichter Hand und lässt Landschaften und Stimmungen entstehen. Das ist Theater und Film in einem, Kopf-Bilder entstehen beim Zuhören. Und wenn Ton und Silbe exakt zusammenwirken, dann kommt die Gänsehaut.

Das Publikum im gut gefüllten Festsaal war begeistert und konnte noch eine Zugabe entlocken. Mit Schuberts bittersüßem Rezitativ „Abschied von der Erde“ beschloss Jones einen eindrucksvollen Abend der anderen Art. 

Susanne Greiner

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