"Das eine Verhör noch…" – Karl Rom überlebt das Konzentrationslager und findet keinen Frieden

„Ich hatte die Konzentrationslager überlebt, dachte ich mir damals, dann werde ich auch dieses Verhör durchstehen“, sagt Karl Rom in seinen kurzen biografischen Splittern am vergangenen Sonntagabend zur Eröffnung der Fotoausstellung über „Die jüdischen Kinder in Kovno“ im Foyer des Stadttheaters Landsberg. Mehrmals hatte ein Offizier von Stalins Geheimdienst NKWD im Lodsz der Nachkriegsjahre mit Karl Rom „Russisches Roulette“ gespielt. Der Soldat hatte eine Kugel geladen, das Magazin gedreht, ihm den Lauf an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Kein Schuss löste sich. „Du hast Glück“, bemerkte der Offizier und ließ Rom laufen.

Eigentlich sollte Solly Ganor an diesem Abend die Fotoausstellung „Solly Ganor. Das andere Leben. Die jüdischen Kinder von Kovno 1941-1945“ eröffnen. Gezeigt werden bis 30. November Fotografien des 1997 verstorbenen litauisch-jüdischen Fotografen George Kadish, die dieser mit versteckter Kamera im Ghetto von Kovno ge- macht hatte. Ganor war verhindert. Sein Freund Karl Rom, gebürtig in Kaunas, vertrat ihn. Erst im Jahre 1988 hatte Rom seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern und nach dem Krieg, als er alle drei bis vier Wochen Gruppen von Menschen durch das von Russen besetzte Polen bis nach Berlin in den Westen lotste, öffentlich gemacht. Sein Enkelsohn hatte ihn gebeten. Mehr als 40 Jahre waren vergangen, ehe Rom sein Schweigen brechen konnte. In der Theorie des Kollektiven Gedächtnisses, die vom Ägyptologen Jan Assmann maßgeblich ausgearbeitet wurde, sind diese 40 Jahre genau die Zeit, nach deren Ablauf über solche furchtbaren Ereignisse gesprochen werden kann. Dazu passt auch die Tatsache, dass Claude Lanzmann 1985 seine Aufsehen erregende Dokumentation „Shoah“ in die internationale Kinowelt gebracht hatte. Mit einem Aufruf zur Demonstration am 29. November auf dem Rossmarkt gegen die geplante Kundgebung von Neonazis (lesen Sie hierzu auf Seite 3) hatte der Oberbürgermeister der Lechstadt, Ingo Lehmann (SPD), den Abend eingeleitet. Er freue sich, dass insbesondere von Seiten junger Menschen eine solche starke Bereitschaft erkennbar sei, sich gegen den braunen Sumpf zu wehren. Vor allem, weil Landsberg in der Zeit des Nationalsozialismus das Prädikat der „Stadt der Jugend“ zugekommen sei. In ihrem kurzen Referat zur Ausstellung wies Kuratorin Dr. Michaela Haibl auf die besondere Dialektik von Bild und Abgedildetem hin. Mit Recht argumentierte sie, dass nur im Kontext sowohl mit anderen Bildern wie auch mit anderen, beispielsweise oralen Zeugnissen der Wahrheitsgehalt eines Bildes festgehalten werden kann. Desweiteren sei auch zu beachten, dass die Bilder eines Roman Vishniac und eines George Kadish Fotografien von Opfern seien, die andere Opfer abbildeten. Dagegen spiegelten die Bilder der Amerikaner, etwa vom Lager Kaufering, den Blick des Befreiers wider. „Landsberg steht zu seiner Geschichte.“ Mit diesem Satz verhöhnt die rechte Szene die Stadt. Noch-Theaterleter Alexander Netschajew stellte für sein Haus, insbesondere mit Blick auf die am 14. November beginnende Vortragsreihe „Landsberger Gespräche“ fest, wie sehr gerade das Stadtteater der Ort sei, an dem dieser Teil der Geschichte Landsbergs mit den verschiedensten Medien reflektiert werde. Lieder in jiddischer Sprache, gesungen von Felicitas Niegisch, begleitet am Klavier von Hanno Botsch, im melancholischen Moll gehalten, eröffneten die Veranstaltung, traurige Lieder beschlossen ihn. Eine angemessene würdige Erinnerung an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. In seiner Schlussmoderation stellte Hausherr Alexander Netschajew in anrührend schlichten Worten fest, dass Lebensgeschichten wie die von Karl Rom für Nachgeborene zutiefst bewegend und doch kaum vorstellbar seien.

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