Mangels Interesse

Das Ende eines Dießener Traditionsvereins

 Verschönerungs- und Fremdenverkehrsvereins Dießen
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Tourismus-Referentin Hannelore Baur (links) dankte dem ‚Rest-Vorstand‘ des Verschönerungs- und Fremdenverkehrsvereins Dießen für die ehrenamtliche Arbeit: Barbara Mastaller-Gastl, Ulrike Hawel und Rosemarie Ripper (von rechts).
  • Dieter Roettig
    VonDieter Roettig
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Dießen – „Aus is und gar is und schad is, dass‘ wahr is“ würde Karl Valentin sagen. Denn die Marktgemeinde Dießen hat jetzt einen über 150 Jahre alten Traditionsverein weniger. Bei einer außerplanmäßigen Mitgliederversammlung im „Seefelder Hof“ wurde die Auflösung des „Verschönerungs- und Fremdenverkehrsverein e.V.“ einstimmig beschlossen. Grund: Niemand aus den Reihen der 120 Mitglieder zeigte sich im Vorfeld bereit, für die Nachfolge der Vorsitzenden Ulrike Hawel und ihrer Vize Barbara Mastaller-Gastl zu kandidieren, die aus zeitlichen Gründen ihre Ämter niedergelegt hatten, aber noch kommissarisch tätig sind.

Trotz persönlicher und schriftlicher Einladung waren inklusive der kommissarischen Vorstandschaft nur zwölf Mitglieder gekommen, die über den wichtigsten Tagesordnungspunkt „Neuwahlen oder Auflösung des Vereins“ diskutierten. Ulrike Hawel bedauerte, dass der Dießener Verein jetzt das gleiche Schicksal erleiden müsse wie die Fremdenverkehrsvereine in Utting und Schondorf. Aber durch Internet und Portale wie HRS habe sich das Buchungs- und Reiseverhalten der Urlauber drastisch verändert.

Den gestiegenen Ansprüchen sei die Marktgemeinde bereits Anfang 2020 durch die Eingliederung der „Tourist-Info“ in die bewährte Plattform „StarnbergAmmersee“ nachgekommen, die von der „gwt Starnberg GmbH, Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung“ betrieben wird. Damit wurde die „Tourist-Info“ vom Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein abgekoppelt. Büro und Anlaufstelle für Urlauber und Touristen blieben im Bahnhofsgebäude. Das Personal vor Ort mit Ulrike Hawel an der Spitze wurde übernommen. Einen ganz entscheidenden Vorteil für die gewerblichen und privaten Vermieter in Dießen brachte dabei das elektronische Buchungssystem der gwt. Damit begann mit dem Austritt von Mitgliedern auch ein Aderlass beim Verschönerungs- und Fremdenverkehrsverein.

Welche Aufgaben blieben damit dem Verein, der einst zur Förderung des aufkommenden Ammersee-Tourismus gegründet wurde? Damals habe man als Vorreiter von „Unser Dorf soll schöner werden“ den Ort rausgeputzt, Blumen gepflanzt, Hinweisschilder zu Sehenswürdigkeiten und Wirtshäusern aufgestellt, beim Seefest die Wahl zur „Miss Dießen“ organisiert und Touristen bei der Zimmersuche mittels Karteikästen geholfen. Das alles habe sich längst überholt und mit dem Begriff „Verschönerungsverein“ könne heute niemand mehr was anfangen, wie Ulrike Hawel reüssierte. Allerdings sehe sie eine Fortführung des Vereins durchaus positiv als Bindeglied zwischen gwt und der Marktgemeinde.

Schatzbergalm-Wirtin Inga Persson wollte in diesem Zusammenhang wissen, ob sich die Gemeinde Dießen überhaupt als Fremdenverkehrsort sieht und den Tourismus weiter ausbauen will. Fremdenverkehr sei schließlich mehr als nur Zimmervermittlung und brauche einen Fulltime-Jobber. Dem widersprach vehement Gemeinderätin und Tourismus-Referentin Hannelore Baur, die in Vertretung von Bürgermeisterin Sandra Perzul an der finalen Sitzung teilnahm. Die Gemeinde zahle für die Zusammenarbeit mit den Profis von gwt sowie dem Tourismusverband Ammersee-Lech jährlich einen hohen fünfstelligen Betrag. „Trotzdem will hier keiner Tegernseer Zustände“, ergänzte Seefelder Hof-Wirt Andreas Filgertshofer.

Kein Dahindümpeln

Ulrike Hawel bedauerte, dass sie als Vorsitzende mit der Auflösung des Vereins „die A…karte“ gezogen habe. Aber es habe keinen Sinn, weiter so „dahinzudümpeln“. Da sich auch aus dem Kreis der Anwesenden kein Nachfolger für sie fand, müsse sie den Verein jetzt notgedrungen liquidieren. Auch das Desinteresse und Fehlen der über einhundert Mitglieder an dieser entscheidenden Versammlung beweise, „dass es nicht mehr funktioniert“.

Aber vielleicht finde sich während der einjährigen Abwicklungsphase noch ein Nachfolger für eine „Rolle rückwärts“, wie sie hoffte. Als Liquidatoren gegenüber dem Vereinsregister beim Amtsgericht bestimmte die Runde Ulrike Hawel und das langjährige Vorstandsmitglied Rosemarie Ripper.

Bevor nach der Liquidation das restliche Vereinsvermögen der Marktgemeinde zufällt, beschloss man als letzte Amtshandlung noch ein Abschiedsgeschenk an die Dießener Bürger. An der Burgkapelle will der Noch-Verein einen Rastplatz mit Tischen und Bänken realisieren und am Sandberg ein gewelltes „Waldsofa“ aufstellen.

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