„Marie Curie“ im Stadttheater Landsberg

Das Problem mit Marie Curie

Münchener Tourneetheater „theaterlust“
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Marie und Pierre Curie (Anna Klawun und Johannes Schön) in „Marie Curie“ von dem Münchener Tourneetheater „theaterlust“
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg - Wie stellt man eine Frau dar, deren Bedeutung für dei Welt den Menschen dahinter schon längst überstrahlt? Das Problem macht sich auch in den Filmen bemerkbar, die über die polnische Wissenschaftlerin existieren. Auch das Ensemble des Münchener Tourneetheaters „theaterlust“ rutscht auf dieser Schale aus - auch wenn der Anfang vielversprechend ist.

Es startet strahlend: Giftiggrünes Licht dämmert im Hintergrund, Geräusche, der nervengrabender Tinnitus, den Marie Curie selbst hörte. Die Schauspieler*innen betreten die Bühne, nur als Schattenrisse, im Licht allein Marie Curie (Anja Klawun): Rosen im Arm, Augen verbunden. Sie steht vor ihrer Staroperation, ihr Mann Pierre ist schon lange tot, das Stück erzählt im Rückblick. Marie redet mit der jungen Krankenschwester Elsie (Amelie Heiler), eine der Frauen, die Marie als Idol vergöttert, ein „Leitstern“. „Ich bin hier privat. Als Mensch“, antwortet Marie. Trommelwirbel, anderes Licht, andere Zeit: Marie als Schülerin einer Warschauer Mädchenschule. Ein Gong, nächste Szene, die Mutter ist gestorben – und trommelwirbel, zurück in die Klinik der Anfangsszene.

Das Zeitkonzept in Susanne Felicitas Wolfs Stück wirkt anfangs befreiend, scheint es doch die bei biografischen Theaterstücken oft ermüdende Zeitreihung aufzubrechen. Allerdings sind auch diesem Prinzip Grenzen gesetzt: Beim fünften Mal verglimmt der Effekt – das biografische Nacheinander dominiert. Und so verfällt auch Regisseur Thomas Luft dem Problem, das Curies Person anhaftet: Da will man weg vom Frauenpower-Aspekt, hin zu Curie als erbarmungslose Wissenschaftlerin, die forscht, um zu helfen – und um in der Forschung weiterzuleben; da will man weg von Daten, hin zum Wesen der Figur. Das gelingt auch in den ersten Szenen. Die Dialoge in der Klinik umreißen die Problematik ‚Leitstern versus Mensch‘ in prägnanten Sätzen. Eine Aussage wie „Ich hasse es, mich in die Hände anderer zu begeben“, präzisiert Curies Charakter besser als jede Handlung. Oder ihr Sehnen nach dem toten Pierre, – dessen Schauspieler Johannes Schön Marie umkreist, sich in den Scheinwerferkegel stellt – und zum Foto erstarrt. Die Idee, Pierre als stummen Mitspieler zu integrieren: großartig! Wenn das so weitergeht, wird das außergewöhnlich, denkt man – und wird enttäuscht. Denn nach und nach geht Curie im Action-Wirbel verloren.

Natürlich muss ihre Zeit mit Pierre gespielt, die Affäre mit Paul Langevin erwähnt werden, der Hass, der Curie als Frau deswegen traf. Aber Andeutungen hätten genügt, mehr Tempo dem Stück gutgetan. Kurze Informationen über das Studienverbot in Warschau, die Reise nach Paris – etwas, das Regisseur Luft bei der Darstellung von Curies wissenschaftlicher Arbeit umsetzt, indem er Marie nur in wenigen Sätzen erklären lässt und keine Kolben auf der Bühne aufploppen lässt.

Indem aber in dem knapp zweistündigen Stück nahezu alles ausgespielt wird, verschwimmt der Mensch hinter den Daten. Wenn man sich am Schluss fragt, wer diese Frau war, bleibt ein leerer Rahmen. Schade. Denn neben den guten Schauspielern ist auch das Bühnenbild von Arne Dewitz und Raymond Gantner aus schief angeordneten Bänken samt Beleuchtung und Musik von Anno Kestin atmosphärisch dicht.

Die rund 90 Zuschauer waren dennoch vom Stück und Ensemble begeistert – und dankten mit anhaltenden Bravo-Rufen.

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