Ein Hauch von Normalität

Das Tübinger Modell als Vorbild für Landsberg?

Außengastronomie in Tübingen
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Nur noch wenige Plätze frei: Beim Tübinger Modell durfte zumindest bis Dienstag (Entscheidung fiel nach Redaktionsschluss)auch die Außengastronomie öffnen. Den Sicherheitsabstand zu wahren, fällt manchmal allerdings schwer.

+++ Aktualisierung +++

Seit heute haben die Stadt Tübingen und das Land Baden-Württemberg beschlossen, dass die Außengastronomie wieder schließen muss. Der Einzelhandel bleibt geöffnet, die Schnelltests verpflichtend für das Tagesticket, das weiterhin nur Bewohner des Landkreises oder Personen, die in Tübingen arbeiten, erhalten. Kinder dürfen die Notbetreuung nur in Anspruch nehmen, wenn sie mindestens einmal pro Woche einen Schnelltest machen. Und ab Montag, 12. April, müssen die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mindestens ein- bis zweimal pro Woche vor Ort einem Schnelltest unterziehen. 

Ostersamstag, stark bewölkt, kühler Wind. Das Wetter ist sicher mit ein Grund, dass im Parkhaus noch viel Platz ist. Der andere Grund: Seit Donnerstag bekommen nur noch Landkreisbewohner das Tübinger Tagesticket. Zu viele haben davor die Stadt überflutet, Sicherheitsabstand war nicht mehr möglich, viele sah man ohne Maske. Deshalb hat OB Boris Palmer den Tourismus-Hahn zugedreht – zu spät, wie er zugibt. Denn inzwischen steigt die Inzidenz auch für den Stadtbereich wieder kräftig an. Und am Dienstag griff im Landkreis die Notbremse. Der Tübinger Modellversuch lief am Dienstag weiter. Über eine Verlängerung entschied das Land auch am Dienstag, aber nach Redaktionsschluss.

Die Teststation am Marktplatz ist nicht voll. Während des Wartens – 15 Minuten – schweift der Blick über den Wochenmarkt, der dreimal pro Woche stattfindet. Für ihn und auch für die anderen Geschäfte des ‚täglichen Bedarfs‘ ist kein Schnelltest nötig – da darf jeder rein. Wer Klamotten kaufen oder einen Kaffee am Tisch trinken will, muss zum Testen. Dass jetzt nur noch ‚Einheimische‘ mitmachen dürfen, bekommt ein Pärchen an der Teststation bitter zu spüren. Es sind Touristen, aus Mexiko, für zehn Tage in Tübingen. Die beiden sind sauer. „Diskriminierung“, schimpfen sie.

Nach dem Nasebohren wird ein Armband ums Handgelenk gebunden, darauf ein QR-Code. Wer ohne Handy unterwegs ist, bekommt den auf Papier. Das allerdings haben manche einfach an andere Bummelwillige weitergegeben, erzählt man in Tübingen. Wie ein Parkticket, das für den ganzen Tag gelöst wurde.

Nach 15 Minuten ist das Ergebnis da. Eigentlich. Aber der QR-Scanner will nicht. Vielleicht ist das Dunkelgrün des Bändchens doch ein bisschen zu dunkel. Wäre das Ergebnis positiv, werde derjenige natürlich sofort angerufen, informiert der Tester. Einen PCR-Test kann man zum Beispiel in dem zur mobilen Teststation umfunktionierten Bus machen, der am Altstadtrand positioniert ist. Nachdem der Scanner endlich einrastet, wird der Bildschirm grün. Test ist negativ. Also los.

Wegen des Wochenmarkts ist es inzwischen etwas eng. Eineinhalb Meter? Schwierig. Kontrollen des Kommunalen Ordnungsdienstes und seit Kurzem zusätzliche Freiwillige in Warnwesten sind unterwegs. „Es ist heute auf jeden Fall besser als letzten Samstag“, versichert einer der Kontrolleure. Kaum jemand sei ohne Maske unterwegs. Und tatsächlich, innerhalb der drei Stunden Stadtbesuch ist niemand ohne OP- oder FFP2-Maske zu sehen.

Kino, Theater, Museum

Wäre es Abend, könnte man ins Kino. Oder ins Theater. Tagsüber bietet sich das Stadtmuseum an. Am Eingang werden die Kontaktdaten festgehalten, auf Papier. „Hoch im Aufzug, runter auf den Treppen und bitte Hände desinfizieren“, sagt die Mitarbeiterin am Einlass. Schnelltest entbindet nicht von den AHA-Regeln. Im oberen Stockwerk sei gerade eine größere Gruppe unterwegs. Schön, dass das mit dem Tagesticket möglich sei, meint die Museumsmitarbeiterin am Einlass. Auch schön, wenn es noch eine Weile so bleibe. Aber eben bitte eingeschränkt: „Letzte Woche war Tübingen deutlich voller als normalerweise – also auch zu Zeiten vor Corona.“ Es sei eben ein Problem, wenn nur eine Stadt weit und breit öffne.Das kritisiert auch einer der Marktstand-Besitzer. „Letzte und vorletzte Woche war das hier die Hölle“, sagt er. Wenn Touristen von überall her kommen, nur um einfach mal wieder im Biergarten zu sitzen. Tübingen mag ja vielleicht eine Insel sein. Aber ganz sicher keine einsame.

Trotz Trubel und Überfüllung, der Einzelhandel freut sich über das Tagesticket. Einige Geschäfte bieten den Schnelltest auch eigenständig an – Kundenwerbung. Natürlich ist die Zahl der Personen, die in einen Laden dürfen, begrenzt. Aber fast überall tummeln sich Menschen. Kontrolliert wird meist am Eingang, manchmal aber auch erst im Inneren. Nun ja.

Inwiefern die Inzidenz in Tübingen schneller steigt als in Städten ohne Öffnungsversuche, wird sich noch zeigen. Ein Schnelltest findet niemals alle mit dem Virus Infizierten. Und jeder Laden ist eine Möglichkeit mehr, sich zu infizieren.

Kritik am Tübinger Modell gibt es ausreichend, bis hoch zur Kanzlerin. „Testen und Bummeln ist momentan keine Lösung“, sagte sie bei Anne Will. So werde das Projekt zwar von der Universität Tübingen begleitet – allerdings moniert die Tageszeitung eine „Hopplahopp-Befragung“. Anfangs hat das Landratsamt die Inzidenzwerte für die Stadt selbst nicht herausgegeben. Das funktioniere aber inzwischen. Mit der Umstellung des Tagestickets auf die digitale Version samt nicht ablösbarem Armband stoppt man zumindest dessen Weitergabe an Nicht-Getestete. Diese Woche darf Tübingen noch offen bleiben, obwohl seit Donnerstag die Stadt-Inzidenz über 100 liegt. Und danach? Abwarten. Vielleicht kann eine Ausgangssperre regulieren. Vielleicht muss man aber auch eingestehen: Versuch gescheitert.

Fast wie früher

Inzwischen funkelt die Sonne am blauen Osterhimmel, nur noch wenige Tische vor dem Café am Marktplatz sind frei. Also schnell zugreifen. Die Bedienung wartet geduldig auf den Scan des QR-Codes, bevor sie die Bestellung aufnimmt. Das dauert, denn inzwischen hat sich der Code durch den Jackenärmel ziemlich abgeschrubbelt. Nach fünf Versuchen mit drei verschiedenen Scannern klappt es. Und endlich dampft der Kaffee in der Sonne. Das hat was. Wie früher. Das findet auch die Bedienung. Viele ihrer Kollegen seien nicht festangestellt, also auch ohne Kurzarbeitergeld. Sie sei froh, jetzt wieder arbeiten zu können. Ein bisschen Normalität. Das ist – trotz aller Kritik – in der ganzen Stadt spürbar. Optimismus. Freude darüber, dass zumindest etwas möglich sein könnte. Ein Funken Hoffnung – auf bessere Zeiten.
ks

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