»Steinzeit zum Mitmachen«

Das UNESCO-Weltkulturerbe Pestenacker ist wieder geöffnet 

Landrat Thomas Eichinger (2. von links) und MdB Michael Kießling lassen sich das Gerben von Fellen genau erklären. Mit dabei war auch Carmen Jakobs von der Kreisheimatpflege im Landrats­amt Landsberg (rechts).
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Landrat Thomas Eichinger (2. von links) und MdB Michael Kießling lassen sich das Gerben von Fellen genau erklären. Mit dabei war auch Carmen Jakobs von der Kreisheimatpflege im Landrats­amt Landsberg (rechts).
  • Dietrich Limper
    VonDietrich Limper
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Pestenacker/Weil – Seit 2011 gehört die „Feuchtbodensiedlung Pestenacker“ zu einer von 111 Fundstellen der UNESCO-Welterbestätten „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“. Schon in den 90ern hatte es sich der Förderverein „Prähistorische Siedlung Pestenacker“ zur Aufgabe gemacht, das Interesse für den Ort in der Öffentlichkeit zu wecken. Inzwischen hat der Landkreis die Konzeption des Steinzeitdorfes übernommen: Seit letztem Jahr ist Archäologin Lejla Hasukic mit dem Projekt beauftragt. In der vergangenen Woche wurden der Umbau, das neue Konzept und die aktuelle Ausstellung im Pavillon vorgestellt.

Alles begann 1934, als Bauarbeiter den Loosbach begradigten und dabei in einer Moosschicht auf die ersten prähistorischen Holzfunde stießen. Es handelte sich um die Überreste einer Siedlung aus der Jungsteinzeit. Eine Untersuchung der Bauhölzer datiert das prähistorische Pestenacker auf eine Zeit von 3495 bis 3410 v. Chr. Weitere Grabungen fanden von 1988 bis 1993 sowie 2000 bis 2004 statt und brachten weitere Funde ans Tageslicht. Nicht nur das Leben der damaligen Bauern konnte dokumentiert werden, sondern es fand sich – neben Holz-, Pflanzen- und Textilresten – auch der älteste Hut Bayerns.

Insgesamt 17 historische Wohnhäuser konnten ausgemacht werden, 2011 erhielt die jungneolithische Siedlung die Anerkennung durch die UNESCO. Weitere Grabungen brachten 2020 eine Überraschung hervor: Mindestens ein weiteres Gebäude wurde entdeckt und es gibt Hinweise auf einen größeren Siedlungsteil. Der Boden bei Pestenacker hat anscheinend noch lange nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben.

Landrat Thomas Eichinger war es vorbehalten, den renovierten Pavillon mitsamt der neuen Ausstellung zu eröffnen: „Es handelt sich bei diesem Ort hier in Pesten­acker um ein schwieriges Erbe, denn eine Sichtbarmachung im klassischen Sinne ist durch die Gegebenheiten im Boden nicht möglich.“ Deshalb sei der Landkreis froh, dass nun endlich der Pavillon als Ausstellungsgebäude zur Verfügung stehe. Landrat Eichinger appellierte aber auch an den Freistaat Bayern, sich an kommenden Kosten zu beteiligen, denn der Landkreis könne die entstehenden Aufwendungen nicht alleine tragen.

Bei den Exponaten im Pavillon handelt es sich um Werkzeuge und Waffen aus Stein, die neben jungsteinzeitlicher Keramik anschaulich in den Vitrinen liegen. Schautafeln geben Auskunft über die bewegte Geschichte des Dorfes und ein prähistorischer Webstuhl vermittelt einen Eindruck von den Mühen des damaligen Alltagslebens.

Gefördert wurde das Projekt durch das LEADER-Programm des bayerischen Staatsministerium. Frei nach dem Motto „Bürger gestalten ihre Heimat“ und organisiert in Lokalen Aktionsgruppen (LAGs). 68 LAGs sind derzeit anerkannt. Eine davon ist die LAG Ammersee mit Weils Bürgermeister Christian Bolz als Erstem Vorsitzenden.

Geleitet wurde das Projekt seit April 2020 indessen von Archäologin Hasukic vom Landratsamt Landsberg. Unterstützt wurde sie von Bürgermeister Christian Bolz, dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in Person von Prof. Dr. C. Sebastian Sommer und durch Dr. Bernd Steidl, seines Zeichens Kreisheimatpfleger für Bodendenkmäler. Die meiste ehrenamtliche Arbeit habe indessen Karl Dirscherl – ein ehemaliges Mitglied des Fördervereins – geleistet, hebt Hasukic hervor. Der Vorstand des Vereins habe sich indessen „sehr zurückgehalten“. Weitere Helfer waren Albert Brunner und Tobias Burat.

Ausstellungskonzeption

Hasukic gab einen Überblick über die geleisteten Arbeiten. Die neue Ausstellung sei zweiteilig konzipiert: Im Freien wird die Lebenswelt der damaligen Siedler vorgestellt, wobei die Themen auf neu installierten Schautafeln erklärt sind. Die Feuerstelle in der Dorfmitte wurde ausgebaut und in wenigen Wochen wird ein funktionstüchtiger Lehmofen in Betrieb genommen.

„Im Innenbereich wird dann auch die Wissenschaft erklärt: Woher wissen Archäologen eigentlich, wie alt so ein Haus ist? Wie kommen wir auf die Anzahl der Häuser? Und natürlich ist auch der älteste Hut Bayerns zu sehen“, sagt Hasukic. In Zukunft solle es um „Steinzeit zum Mitmachen“ gehen, auch wenn es noch eine Weile dauere, bis das ganze Programm umgesetzt werden könne. Führungen werden allerdings bereits jetzt schon angeboten.

Außerdem sollen Keramik gebrannt, Werkzeuge gebaut und mit Holz gearbeitet werden. Einen ersten Eindruck vom Leben in der Steinzeit vermittelte Rita Szeibert aus München, die in der Ausstellung den prähistorischen Webstuhl bediente. Bei der Feuerstelle konnten frisch gegerbte Felle bestaunt werden.

Sie freue sich auf eine erneute Zusammenarbeit mit dem Förderverein, sagte Hasukic: „Ich bin froh über jeden, der mitmachen möchte.“ Allerdings müsse sich Der Verein und insbesondere der Vorstand dafür erst neu aufstellen. Der Verein sei wohl auch in sich zerstritten, vermutet Hasukic. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass der Vereinsvorsitzende Ernst Rieber angeblich einen ‚falschen Doktortitel‘ führe.

Das Landratsamt und die laut Hasukic zum Glück immer zahlreicher werdenden ehrenamtlichen Helfer werden in den nächsten Jahren noch viel Engagement in das Pfahldorf stecken. Und wer weiß, welche Entdeckungen der Boden noch bereithält.

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