KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete

Bis dass die Socken dampfen: Ein Rundgang durch das Breite Moos 

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Hans Streicher (links) weiß, worauf es beim Moorspaziergang ankommt: auf den Strohhut. Wenn man untergeht, wissen die anderen, wo sie suchen müssen.
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Eine Landschaft mit ganz eigenem Charme: das Breite Moos bei Rott.
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Eine Landschaft mit ganz eigenem Charme: das Breite Moos bei Rott.

Der Landkreis Landsberg hat insgesamt acht Naturschutzgebiete und auch das ein oder andere LBV-Schutzgebiet vorzuweisen. Da Urlaub zuhause gerade hoch im Kurs steht, stellt der KREISBOTE einige dieser Schutzzonen in dieser und den kommenden Ausgaben vor.Rott – Ein Spaziergang durchs Moor ist kein Honigschlecken. Auf schmalen Wegen schlängeln sich Besucher durch das Gelände, Mücken umschwirren das verschwitzte Gesicht, Gumpen, in denen man bis zur Wade versinkt, lassen jeden Schritt zum Parforceritt werden. Als Gegenleistung gibt es Natur pur. Und eine Landschaft, die ihren ganz eigenen Charme hat. Eines dieser Moore ist am südlichsten Zipfel des Landkreises: das Schutzgebiet des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) Breites Moos am Engelsrieder See, durch das der LBV Landsberg regelmäßig Führungen anbietet. 

Am Seeufer im Schatten der Bäume haben sich bereits einige Familien zum samstäglichen Faulenzen eingerichtet. In der Sonne glitzert die Folien-Unterlage, auf der sich fünf aus München Angereiste toasten. Das Wetter ist gut, wenige Wolken, warm. Baden steht heute aber nicht auf dem Programm. Heute geht es durchs Breite Moos. Nach und nach treffen die Teilnehmer der vom LBV geführten Moos-Durchquerung ein. Am Ende sind es rund 30 Personen samt Kind und Hund, die Moos-Kenner Hans Streicher auf einen Rundgang durch das knapp 100 Hektar große Breite Moos mitnimmt. ‚Streicher‘, das passt perfekt zu einem, der durch unwegsames Gelände führt – Herr-der-Ringe-Fans wissen, warum.

Fast alle haben Gummistiefel: die einen blumige vom Discounter, andere – die Outdoor-Spezialisten – die olivfarbenen, die ‚echten‘. Nur eine Frau bleibt bei ihren Sandalen. „Wir haben heuer ein moorfreundliches Jahr“, sagt Streicher, also verhältnismäßig viel Regen. Es wird nass werden. „Entweder Gummistiefel oder barfuß“, mahnt der Moorkenner. Der übrigens auch immer einen Strohhut empfiehlt: „Geht man unter, wissen die anderen wenigstens, wo sie suchen müssen.“ Vor dem Start macht noch das Anti-Mückenmittel die Runde. Gesicht und Hände, den Nacken nicht vergessen. Wenn’s gut riecht, wirkt’s nicht. Dann setzt sich der Trupp in Bewegung. Der Rundgang wird gute zweieinhalb Stunden dauern.

Mit seinen 100 Hektar habe das Breite Moos „eine ordentliche Größe“, sagt Streicher. Er nennt es ein „Juwel“. Denn viele Moore gibt es in Deutschland nicht mehr. Nur noch ein Prozent der insgesamt rund 1,5 Millionen Hektar Moor ist einigermaßen intakt. Der Rest wurde entwässert, ist jetzt meist landwirtschaftlich genutzt. Zum Leidwesen Streichers oft extensiv, zum Beispiel durch Maisanbau. Denn Moore sind CO2-Speicher. Werden sie entwässert, wird auch das CO2 freigesetzt.

Fachmännisch entkusseln

Das Breite Moos besteht aus rund 100 Einzelgrundstücken. Die LEW hat hier Ausgleichsflächen renaturiert. Sieben Flächen konnte der LBV kaufen, entbuschen – der Moorkenner nennt das ‚entkusseln‘ – und wieder verwässern. Auch der Großteil der Bauern macht mit. Nur einige wenige wehren sich, wollen den gepflanzten Wald ‚erhalten‘: Naturschutz, der nicht das schützt, was eigentlich hierher gehört, sagt der LBV.

Denn Moore sind älter. In Brasilien, wo sie gerade für Palm­ölplantagen zerstört werden, eine Millionen Jahre. Das Breite Moos sei dagegen eher ein „Baby“, sagt Streicher. Es hat rund 10.000 Jahre auf dem Buckel. Wobei der Buckel wörtlich zu nehmen ist: Es ist ein Hochmoor, das einzige im Landkreis, der sonst nur Niedermoore hat – alle nicht mehr intakt. Die Mitte bildet ein kleiner Hügel, kenntlich durch hohe Kiefern, die man sonst auf dem Gelände nicht sieht.

Entstanden ist das Breite Moos am Ende der Eiszeit, nachdem Gletscher das Land vor sich hergeschoben und aufgetürmt hatten und sich Schmelzwasser schließlich in Gumpen mit undurchlässigem Sediment sammelte. „Eine sehr bewegte Landschaft war das hier früher“, erzählt Streicher.

Im Mittelalter hätten die Fürsten den Klöstern das Land geschenkt, „um sich das Himmelreich zu sichern“. Das Gebiet Breites Moos sei um 1300 dem Kloster Polling überschrieben worden. In der Säkularisierung wurde dann geteilt. Und zwar bitte in immer gleichgroße Stücke. Schaut man sich die Karte mit den Grundstücksgrenzen an, sieht man deutlich das Lineal, das der Staat zur Aufteilung ansetzte: ein Schachbrett aus schmalen Rechtecken, „so schmal, da kann man nicht mal den Bulldog wenden“, weiß eine Teilnehmerin. Und da die Bauern von ihrem Land leben wollten, zogen sie tiefe Gräben, um das Moor zu entwässern. Leider mit durchschlagendem Erfolg. Auch den Torf verwendeten sie, zum Heizen. „Torf hat den gleichen Brennwert wie Braunkohle“, weiß Streicher. Weshalb man die Eisenbahn gerne entlang eines Moores baute, um mit dem Torf den Kessel zu befeuern. „Viel Torf gibt es nicht mehr.“

Vom Feldweg am Moorrand aus geht es in den Waldgürtel, der das Moos umgibt und sich schließlich zu der weiten, leicht hügeligen Fläche öffnet. Die ersten Pfützen mit satt rotbraunem Wasser, das auch den Engelsrieder See färbt. Für die Farbe sorgen die Humin-Stoffe im Moor-Boden. Der Boden ist weich, federt wie die Samtkissen eines dicken, alten Sofas. Grashüpfer sorgen für Bewegung am Boden. Streicher pflückt einige Pflanzen: Rauchbeeren, auf denen der Hochmoorgelbling seine Eier ablegt – ein Schmetterling. Auch Bläuling oder Perlmuttfalter, trotz ihres Namens bräunlich, sind hier heimisch, auch wenn es nicht mehr viele gibt. Die Moosbeeren sind noch halb grün. Reif schmecken sie perfekt zum Wild. Der Faulbaum wächst hier. Wenn man an ihm riecht, versteht man den Namen. Erika bedeckt einen Großteil des Bodens hier am Moorrand: ein Heidegewächs, das in einem Moor nur wachsen kann, wenn es zu trocken ist. „Eigentlich sollte hier das Wasser knöchelhoch stehen“, sagt Streicher. Auf einigen Grundstücken ist das auch so: wo Entwässerungs-Gräben zugeschüttet sind, Wasser durch Dämme am Abfließen gehindert wurde – teilweise hat dabei sogar der Rottbach-Biber mit seiner versierten Baukunst geholfen. Auf anderen Grundstücken wachsen meterhohe Kiefern.

Ab hier geht es nur noch im Gänsemarsch weiter. Es wird feuchter und endlich: das erste satte Schmatzen, wenn man den Gummistiefel aus der Erde zerrt. Das Wasser steht teilweise wadenhoch. „Vor acht Jahren war hier noch alles trocken“, erzählt Streicher, der Wasserspiegel stand zwei Meter tiefer. Durch den Bau der Dämme und Entkusselung wurden die Flächen renaturiert, „und genau so soll es hier aussehen“. Hier wachsen nur Pflanzen, die kaum Nährstoffe brauchen. Gerade mal kniehohe Moorkiefern, hie und da eine Birke. Der Rohrkolben – Pfeifenputzer – hingegen ist ein Indikator dafür, dass etwas falsch läuft. Denn er braucht Nährstoffe, die es im Moor nicht gibt. Weshalb Torf auch nur mit Dünger Früchte tragen kann. Was hier hingehört, ist zum Beispiel die Sumpf-Stendelwurz, eine seltene Orchideenart. Oder auch der Sonnentau: Wer hatte nicht irgendwann mal eines dieser Exemplare im Plastiktopf auf der Fensterbank, um genussvoll Fliegen auf dessen klebrige und gefräßige Blätter zu legen.

Ein Moor aus Moos

Die wichtigste Pflanze ist das Moos, hier so rotbraun wie das Wasser. Ohne Moos kein Moor, denn die Stengel der wurzellosen Pflanze setzen sich nach und nach ab. Und saugen das Wasser auf. Man habe hier teilweise bis zu sechs Meter Moortiefe, berichtet der Moorwanderer und zückt einen Teller, mehrere flache Schwämme und eine Wasserflasche: sein „Minimoor“, das er immer dabei habe. Schon drei Schwämme saugen den randvollen Teller leer. Streicher baut einen Schwammturm, kippt immer mehr Wasser darauf, nichts läuft daneben. Denn: „Moos kann das 30-fache seines Eigengewichts an Wasser speichern.“ Weshalb Moore auch ein wichtiger Beitrag zum Hochwasserschutz sind.

Das Problem der Moore: Werden sie zu trocken, verrotten sie weitaus schneller als normales Land. Der Torf verschwindet, CO2 wird freigesetzt. Außerdem ist Torf immer noch heiß begehrt: Er wird als Erde abgebaut, in Deutschland sechs Millionen Kubikmeter pro Jahr. Und weil das nicht reicht, importiert Deutschland nochmal sechs Millionen Kubikmeter aus Nord- und vor allem Osteuropa. Das Problem: Es dauert rund 1.000 Jahre, bis ein Meter Torf entsteht. Torf ist, wie alle fossilen Brennstoffe, also endlich. Das Gute: Fast jeder kann etwas dazu beitragen, den Torfabbau zu verringern. Denn rund ein Drittel des gesamten Torfverbrauchs entfällt auf die Hobbygärtner. Weshalb man im Gartencenter immer nach der torffreien Erde greifen sollte.

Es geht weiter, dem Ende der Tour entgegen. Vorbei noch an einigen Parzellen, in denen Torf abgebaut wurde, die der LBV aber erwerben und wieder verwässern konnte. „Wir werden hier noch nachlegen, die Dämme noch dichter machen“, verspricht Streicher. Es wird noch dauern, noch steht das Wasser in großen Flächen. Aber das Moor hat hier gute Chancen.

Nach rund zweieinhalb Stunden stehen die 30 Moorwanderer inklusive Kindern und Hund wieder am Ausgangspunkt. Wieder fester Boden unter den Füßen. Alle sind leicht zerstochen, manch einer zeigt eine äußerst gesunde Gesichtsfarbe, alle sind rechtschaffen müde und hungrig. Auf der Wiese stakst zum Abschied ein Storch. Und beim Wechseln des Schuhwerks steigt Dampf auf.
Susanne Greiner

Auf der Webseite des LBV Landsberg www.landsberg.lbv.de gibt es Informationen zum torffreien Gärtnern. Und auch Termine zu weiteren Führungen. Ins Breite Moos kann man auch auf eigene Faust. Allerdings soll sich schon manch einer hier verirrt haben.



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