Terror in Pink vom Landestheater Schwaben

Memminger punkten mit "Demut vor deinen Taten Baby" 

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Der Anschlagssimulator in Pink: (von links) Josephine Bönsch, Anke Fonferek und Franziska Roth im Stück „Demut vor deinen Taten Baby“ von Laura Naumann in der Inszenierung des Landestheaters Schwaben.

Landsberg – Angst hat Macht. Mit Angst lässt sich Politik machen. Angst gestaltet Gesellschaften – nicht nur hierzulande. Aber was passiert, wenn Angst überwunden wird? Dramatikerin Laura Naumann gibt in „Demut vor deinen Taten Baby“ eine Antwort: Wenn Angst schwindet, braucht Mensch keinen Halt mehr. Die Folge: Das System bricht zusammen. Was sich trocken anhört, verpackt die 30-jährige Leipzigerin in prickelnden Surrealismus, den das Landestheater Memmingen vollendet ausspielt: Weil der Text für sich selbst stehen darf. Weil die Schauspielerinnen hervorragend und absolut textsicher agieren. Und weil der Raum zum Traum wird: Terror in Pink.

Alles so schön rosa hier! Bühnenbildnerin Franziska Isensee hat eine pink glänzende Spielbox gebastelt. Ein bisschen Barbie, „Life in plastic, it’s fantastic“. Zack!, endet die Niedlichkeit: Drei Türen –Toilettentüren des Flughafenklos – öffnen sich, in ihnen drei Frauen, mit Koffern, auf der Flucht. Lore (Josephine Bönsch) – eigentlich Hannelore, was sich ihre Mutter wohl dabei gedacht hat? – vor eben jener Mutter, Bettie „mit ie“ (Anke Fonferek) vor ihrer Beziehung – „Ich nenn ihn Junge, ein Mann ist er nicht“ – und Mia vor der Realität: in eine Westernwelt samt sprechendem Pferd. Doch die Fluchten gelingen nicht. Denn das Alte bleibt da. Oder wie Mias Pferd es formuliert: „Das Ausgeschlossene begleitet uns weiter.“

Auf dem Flughafenklo: Angst verbindet

Noch sind es Einzelschicksale, doch die Einsamkeit endet mit einem herrenlosen Koffer auf dem Damenklo – Terroranschlag! Angst verbindet, und schon sprechen die drei miteinander, reichen sich Klopapier über die Seitenwand, halten Hände. Und welch Erleichterung, als die Gefahr gebannt ist. „Es riecht nach Frühling und Geburt, irgendein goldener Glitzer liegt auf uns.“ Glück, das Leben, jetzt, im Hier. Denn alle Probleme werden nichtig im Angesicht des Todes.

Ein Gefühl, das alle erfahren sollen. Und so startet das Terror-Trio als „Anschlagssimulator“, mit rosa Waffen, Knallerbsen und Mini-Glitzerflitter-Explosion für jeden Platzpatronenplatzer. Ein Riesenerfolg. Die Menschen jauchzen, arbeiten für zwei, das Bruttoinlandsprodukt steigt. Ein Faktor, der systematisiert werden muss, denkt sich das System, und verstaatlicht den Anschlagssimulator. Das Trio bekommt Büros und einen Waffenschrank, auf den M neidisch wäre. Ihr Einsatzgebiet: breit. Als Jacob Sisters (Naumanns Stück ist von 2010, da lebten noch drei), als King Lears Töchter für die Uni-Intellektuellen, als Dixie Chicks in der Bundestagskantine. Glück sprudelt durchs Land. Aber hoppla, es gibt Langzeitschäden: Niemand will mehr arbeiten, Konten und Versicherungen werden aufgelöst, nix mehr mit BIP. Warum auch? Wenn nur der Augenblick existiert, wird Angst fremd.

Der Anschlagsimulator im Fußballstadion mit den Nachwuchsspielern - alias Handpuppen.

Vater Staat is not amused. Ein Trio-Einsatz im WM-Fußballspiel soll das Publikum zur Raison bringen: Versicherungsunterschriften mit vorgehaltener Waffe, echte Kugeln statt Platzpatronen. Weiß keiner, glaubt niemand, alle lachen. Mia, Lore und Bettie werden nervös. Ohne Erfolg, ist‘s vorbei mit dem schönen Staatsdienst. Sie zicken. Und schießen aufeinander. Alle tot.

Oder doch nicht? Selbst das Sterben scheint in Naumanns Stück nicht echt. Regisseurin Anne Verena Freybott inszeniert den Tod als Tanz vor rauschender Kulisse: mit Walzermusik zum Stroboskop fällt das Trio im Kugelhagel. Und steht wieder auf, um von ihrem Sterben und dem Danach zu erzählen. Wie ihr Tod den Staat rettet. Die Angst wieder gesellschaftsfähig wird. Das System auflebt. Denn „die Waffen könnten geladen sein“.

Was jetzt? Sind die tot oder wie? Mit Logik kommt man nicht durch, Naumanns Stück bleibt surreal. Wie passend, dass die Uraufführung 2012 in Bielefeld stattfand, das ja auch mit der Realität zu kämpfen hat. „Wir machen die Leute erleben“, sagen die drei Frauen im Stück. Indem sie dem Publikum etwas vorspielen. Aber eben nicht nur vorspielen, sondern es miteinbeziehen. „Ist das nicht Performance?“, fragt eine. Nun könnte man hier vielleicht Naumanns Hieb gegen das traditionelle Theater, den ‚Frontalunterricht‘ versus Performance, sehen. Muss man aber nicht, auch ihr Stück bleibt schließlich Schaustück. Was will sie dann? Natürlich ist da Systemkritik. Aber ist das ihre ‚Aussage‘? Vielleicht geht es Naumann ums Antippen, ums Anstoßen des Gedankenrades. Oder ums Amüsement, ist ihr Stück doch auch äußerst witzig.

Vielleicht geht es Naumann um Zukunft. Oder genauer: um Utopie versus Realität. „Was Richtiges“, nennen die Drei im Nachhinein ihren letzten Einsatz. Und ist nicht insgesamt „das Gegenteil von ‚gut‘ ‚gut gemeint‘“? Kann eine Idee ohne tatsächliche Auswirkungen etwas bewirken? Nicht umsonst sagen die Damen in ihrem Totenepilog: „Utopien müssen scheitern, das ist schon im Wort (‚Nicht-Ort‘) so angelegt“. Fiktive Gesellschaftsordnungen finden nicht statt. Ideen müssen demnach gelebt werden. Deshalb: „Demut vor deinen Taten Baby.“

Susanne Greiner

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