Gaspedal und Handbremse:

Hirschvogel fährt "auf Sicht"

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Haben beim Bau des Bürotraktes am Stammsitz Denklingen die Handbremse angezogen: Die Geschäftsführer der Hirschvogel Automotive Group Frank M. Anisits, Dr. Alfons Hätscher und Dr. Thomas Brücher (von links).

Denklingen/Schongau – Hier drücken die Verantwortlichen aufs Gaspedal, dort treten sie auf die Bremse: Die Hirschvogel-Gruppe investiert in diesem Jahr mehr als 100 Millionen Euro in Entwicklung und Produktion. So soll im Komponentenwerk in Schongau die Halle 9 fertiggestellt und mit Maschinen bestückt werden. Doch das Unternehmen tritt zugleich auf die Bremse. Der Bau des Bürogebäudes am Firmensitz in Denklingen wird bis auf Weiteres gestoppt.

„Wir nennen das auf Sicht fahren“, beschrieb Dr. Thomas Brücher, Geschäftsführer für Vertrieb, Einkauf und Entwicklung, diesen Schritt. Immerhin handle es sich bei dem dreistöckigen Verwaltungsgebäude samt Betriebskantine um eine Investition in zweistelliger Millionenhöhe, gab Finanz-Geschäftsführer Dr. Alfons Hätscher zu bedenken. Nach Erstellung des Kellers werde der Bau vorläufig eingemottet – und zwar „bis auf Weiteres“. Dies heißt aber nicht, dass man das Projekt beerdigt.

Hätscher und Brücher zeigten sich mit Frank Anisits, dem Geschäftsführer Produktion, im Jahrespressegespräch darin einig, dass die Hirschvogel Automotive Group bei all den aktuellen Herausforderungen in der Branche der Automobilhersteller und Zulieferer den Fokus eindeutig auf Entwicklungen und auf Verbesserungen in der Produktion legt.

Mit Bezug der 5.000 Quadratmeter großen Halle 9 in Schongau wird sich die Zahl der Mitarbeiter im Komponen­tenwerk heuer noch leicht erhöhen. Alfons Hätscher geht davon aus, dass an diesem Standort heuer die Zahl von 1.000 Mitarbeitern erreicht wird. Derzeit sind es 950. Im Schongauer Werk gelangen inzwischen fahrerlose Transportsysteme zum Einsatz, wie Frank Anisits ergänzte

In Denklingen wiederum sei keine weitere Halle geplant. Dort wurde im vergangenen Jahr der Anbau der Halle 16 bezogen. Auch wurde am Stammsitz eine vier Millionen Euro teure Presse in Betrieb genommen, die wegen ihrer Energieeffizienz als innovativ gilt und vom Staat gefördert wurde.

Gut die Hälfte der Investitionen wird in die Werke im Ausland fließen. Standorte hat die Unternehmensgruppe in Mexiko, in den USA, in China, Indien und in Polen. In Deutschland sind es neben der Umformtechnik in Denklingen und der Komponentenfertigung in Schongau noch zwei Werke in Marksuhl in Thüringen.

Die Hirschvogel-Gruppe hat knapp 6.000 Beschäftigte. In den deutschen Werken sind es 3.800, am Stammsitz in Denklingen knapp 2.200 Mitarbeiter sowie 140 Auszubildende; in Marksuhl in Thüringen sind es 30.

Wegen einer „Delle“ in der zweiten Jahreshälfte 2018 – die Fertigungskapazitäten waren nicht ganz ausgelastet – wurde die Zahl der Leiharbeiter abgebaut. Besonders betroffen waren drei Pressen in Marksuhl, wo Teile für Diesel­fahrzeuge hergestellt werden.

Geschäftsführer Brücher sagte beim Jahrespressegespräch selbstbewusst, dass Hirschvogel „markttechnologisch an der Spitze“ stünde. Und ergänzte: „Das wollen wir halten.“ Idealerweise wolle man Produkte herstellen, die sowohl bei Elektroautos als auch bei Verbrennungsmotoren eingebaut werden können – etwa beim Fahrwerk. Ein Wachstum erziele man in allen Bereichen, erklärte Thomas Brücher. Das gelte für Getriebe, für Einspritzsysteme, bei Antriebssträngen oder auch bei Rotorwellen für E-Fahrzeuge. Ziel sei es freilich, vom Verbrennungsmotor weniger abhängig zu machen. Hirschvogel habe sich auf den Weg gemacht. Brücher: „Dir Fortschritte sind erkennbar.“ Ein Beispiel dafür sei das Fertigen von Karosserieteilen, was früher noch ein Fremdwort gewesen sei.

Finanz-Geschäftsführer Hätscher rechnet für 2019 mit neun Prozent Gesamtwachstum; in den deutschen Werken sollen es vier bis fünf Prozent sein. Der Umsatz der Hirschvogel Automotive Group soll von 1,25 Milliarden Euro (2018) auf gut 1,35 steigen.

Neues Zentrum für Innovationen

Die Hirschvogel Automotive Group hat zusammen mit der Gerg-Gruppe ein Innovationszentrum in Piusheim-Baiern aus der Taufe gehoben. Vorrangiges Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor zu reduzieren und neue Produkte, neben dem unverändert wichtigen Stammgeschäft – der Automobilindustrie – zu entwickeln, zu produzieren und zu vertreiben.

Bei den sich immer stärker abzeichnenden Veränderungen im Automobilmarkt sucht die Hirschvogel nach Möglichkeiten, ihr Produkt-Portfolio zu diversifizieren, sprich auszuweiten. Die Kombination der Kompetenzen von Gerg und Hirschvogel ermöglichen eine „einzigartige Startaufstellung, um von der Idee bis zum marktfähigen, industrialisierbaren Produkt zu gelangen“, heißt es in einer Presseerklärung. Der Sitz der neuen Gesellschaft wird in Pius­heim-Baiern im Landkreis Ebersberg sein.

Hirschvogel hat ein Joint Venture zusammen mit der Gerg Group gegründet. Sie sind über die Ceravis Incubation GmbH mit Sitz in Hohen­thann im Landkreis Ebersberg an der Hirschvogel Gerg Innovationszentrum GmbH & Co. KG beteiligt. Darin werde die Ideenschmiede namens Gerg „mit unserer Industriali­sierungskompetenz zusammen­geführt, beschreibt Finanz-Geschäftsführer Alfons Hätscher. Im Innovationszentrum würden überwiegend neue Leute eingestellt.

Die Reduktion der Abhängigkeit vom Automobilmarkt war auch für die Gerg Group die Motivation, sich auf die Suche nach alternativen Branchen und Produkten zu machen. Aus dem 1984 als Einmannbetrieb gegründeten Modell- und Formenbau entwickelte sich die heutige Gerg Group mit ihrer enormen Bandbreite an verschiedenem technologischem Wissen und Fertigkeiten.

Der Firmenverbund soll den neuesten Ideen aus der Hightech-Welt Leben einhauchen, indem er Prototypen und Kleinserien entwickelt und baut. Kunden kommen aus den verschiedensten Branchen, zum Beispiel aus der Automobil-, der Luft- und Raumfahrt sowie der Freizeitbranche.

Für Hirschvogel wird die Hirschvogel Gerg Innovationszentrum GmbH & Co. KG Produktideen generieren und bis zur Serienreife entwickeln, so dass sie von Hirschvogel industriell gefertigt werden können. Gerg wiederum partizipiert über Prototypen-Bauaufträge als auch von der Engineering-Kompetenz des neuen Innovationszentrums.

Johannes Jais

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