Nazigeld auf Schweizer Konten

„Der Auftrag 62-35“ - ein neuer Roman des Hofstetteners Rolf-Jürgen Lang

Rolf-Jürgen Lang am Schreibtisch in Grünsink
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Monatelang hat Rolf-Jürgen Lang für seinen Roman „Der Auftrag 62–35“ recherchiert, oft an seinem Schreibtisch in Grünsink.

Landsberg – „Ich hänge schon seit Jahren an der Idee für einen politischen Roman.“ Jetzt hat Rolf-Jürgen Lang aus Hofstetten, seines Zeichens Mitorganisator der Kleinkunstbühne s’Maximilianeum, diese Idee in die Tat umgesetzt. Entstanden ist das 544 Seiten dicke Buch „Der Auftrag 62–35“. Ein Roman, der die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute überspannt. Eine politische Geschichte um Gelder, die, nach jahrelangem Bunkern in der Schweiz, mittels Parteispenden die ‚deutsche Idee‘ in der Gegenwart finanzieren sollen. Und letztendlich ein Buch, das spannend Historie vermittelt.

Langs Protagonist ist der 22-jährige Hubert Rösler, Sohn eines vom Nationalsozialismus überzeugten Handwerkers. Rösler unterbricht in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs seinen Marschbefehl vom Prager Lazarett nach Schwerin, um seine Eltern zu besuchen – und begeht dadurch Fahnenflucht. Ein Hauptmann, der Röslers Vergehen bemerkt, bietet ihm einen Ausweg: Der 22-Jährige soll in Basel ein Konto eröffnen und über eine Million Franken einzahlen. Geld, das nach dem Kriegsende für die nationalsozialistische Idee dienen soll – wenn die Zeit dafür reif sein wird. Rösler nimmt den Auftrag an. Er führt das Konto bis kurz vor seinem Tod 2019 aufopfernd und hält das dank enormer Zinsen steil anwachsende Vermögen gegen jede Einnahme von außen zusammen. Erst nach Röslers Tod entdecken seine Kinder das Vermächtnis – und damit auch einen Vater, den sie bisher nicht kannten.

Rolf-Jürgen Lang macht es dem Leser nicht einfach. Nicht, weil die Geschichte schlecht erzählt wäre: Nach einem etwas spröden Anfang zieht einen das Geschehen in Bann. Aber mit seinem Protagonisten hält Lang dem Leser einen Spiegel vor: Denn Rösler entpuppt sich nicht – wie erwartet – als Widerstandskämpfer. Der 22-Jährige ist aufrechter Nazi, überzeugt von Hitlers Ideologie, einer, der folgt ohne zu fragen: ein Mitläufer im ‚aktivsten‘ Sinn. Selbst seine große Liebe, eine Schweizerin, kann ihn nicht von seinem ‚Glauben‘ abbringen. Sein ganzes Leben wird Rösler der Befehlsausführende sein, überzeugt von dem einst Gelernten, dem er aufopferungsvoll dient.

„Es ist genau diese Grundeinstellung, gegen die man sich nicht gewehrt hat“, nennt Lang die Motivation für diesen Roman. Dass viele Nazis nach dem Krieg nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Dass sie ihre beruflichen Positionen weiter ausüben durften, auch im Staatsdienst. Und so vieles steuern konnten, ohne dass dagegen vorgegangen wurde. Zum Beispiel der Verjährungsskandal 1968 mit einem Beschluss, der ganz nebenbei zahlreichen Kriegsverbrechen eine vorzeitige Verjährung garantierte. Oder dass Reichsfinanzminister Johann Ludwig von Krosigk zwar zu zehn Jahren im Landsberger Gefängnis verurteilt war, aber bereits nach eineinhalb Jahren wieder rauskam – und dessen Enkelin Beatrix von Storch ist.

Lang selbst, 1955 in Hamburg geboren, hat Teile seiner Kindheit in einer ‚Vertriebenen-Stadt‘ verbracht und kennt das Thema Umsiedlung – auch die Familie Röslers wird nach dem Krieg in die spätere DDR umgesiedelt. Weitere Parallelen gibt es nicht. Aber Lang hat recherchiert, gründlich, „jeden Tag seit Ende 2018 bis zum Februar dieses Jahres vier bis fünf Stunden am Tag“. So kennt er den Grenzübergang bei Lörrach in die Schweiz über die „Eiserne Hand“, den Rösler passiert, aus eigener Erfahrung wie seine Westentasche. „Ich bin mit einer Karte von 1947 das Gelände mit dem Rucksack abgegangen.“

Die Quellen

Geholfen haben Lang aber auch Menschen und Schriften. So basiert der Roman auf einem Interview mit dem ‚realen‘ 85-jährigen Hubert Rösler, der tatsächlich seine Reise wider den Befehl unterbrochen hat und von einem Hauptmann ‚rausgehauen‘ wurde. Lang entdeckte aber einen Bruch in Röslers Erzählung: dass der Soldat auf seiner Weiterfahrt nach Schwerin von Russen verhaftet worden sei, dann geflohen und in derselben Nacht bei Hamburg von Engländern gefasst worden sei – wobei Lang eine andere Quelle hat, die Rösler letztendlich im Schwarzwald verortet, also im Besatzungsgebiet der Franzosen. „Und es war nicht einfach, so mal kurz die Besatzungsgebiete zu wechseln.“ Aufbauend auf dieser Missstimmigkeit hat Lang seine Romanhandlung entwickelt. Eine weitere Quelle für Langs Recherchen ist ein Geschichtslehrer aus Villingen, der die Stadtgeschichte nachrecherchiert habe. „Es gibt da zwischen Landsberg und Villingen viele Parallelen“, sagt Lang. So sei auch Villingen kaum zerstört worden. Und auch in dieser badischen Stadt sei die Zeitgeschichte lange nicht wirklich aufgearbeitet worden.

Weitere Personen haben Lang bei den juristischen Hintergründen geholfen, auch die Briefmarkenabfolge, die für die Kontokennwörter dient, ist durch einen Korrektor exakt geprüft. Der habe ihn sogar noch darauf hingewiesen, dass die Flugbahn der Kugeln der Anfangsszene in der ersten Fassung des Romans nicht gestimmt hat, erzählt Lang.

Einige seiner Figuren haben reale Entsprechungen, „ich habe Bilder meiner Figuren im Kopf“, erzählt der Autor. So zum Beispiel kennt Lang einen Mann, der sich wie sein fiktiver Nazi-Hauptmann Rose für einen Tag die Kleidung eines KZ-Häftlings als Tarnung anzog, um dann ‚befreit‘ zu werden. Oder auch Ingeborg, Röslers große Liebe aus Basel: „Sie existiert, ist Ärztin bei der UN.“ Viele der Biografien, auch Landsberger ‚Vorbilder‘ sind darunter, werden im Roman aber gebrochen.

Rolf-Jürgen Langs politischer Roman „Der Auftrag 62-35“.

Mit einem Erzähltrick schildert Lang parallel zur Romangeschichte Ereignisse der Zeitgeschichte, die als Hintergrund zur Handlung dienen: Er erschafft einen nicht alternden Leser, der in einem ortlosen Café Drechsel beim immer gleichen Frühstück – Croissant mit Marillenmarmelade – diverse Zeitungen liest. Die Berichte über beispielsweise Kohls Spendenaffäre, der Majdanek-Prozess oder auch der Mauerfall sind abgedruckt. Und ordnen das fiktive Geschehen in die Realität ein.

„Der Auftrag“ ist bei Twentysix erschienen – eine Kooperation von Random House und Books on Demand. Findet er in den kommenden zwölf Monaten genug Leser, kann sich Lang auf eine Veröffentlichung in einem der Random-House-Verlage freuen. Verdient hätte er es.
ks

Rolf-Jürgen Lang: „Der Auftrag 62–35“, Roman, TWENTYSIX, 544 Seiten.

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